7 Min.
24.04.2026
„Manchmal ist der Tag hier doch lang!“ ­Patientin Marlene Schierl freut sich über die Gespräche mit den „Grünen Damen“.
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

Wie Zeit und Zuwendung zur Heilung beitragen

Das Gesundheitssystem ist wieder einmal am Limit. Krankenhäuser müssen ihre Prozesse optimieren. Da bleibt für das Gespräch am Krankenbett oft kaum noch Zeit. Hier leisten „Grüne Damen und Herren“ ehrenamtlich einen unverzichtbaren Dienst für die Patienten. Wie im St.-Vinzenz-­Hospital in Rheda-­Wiedenbrück.

Von Andreas Wiedenhaus (Text) und Patrick Kleibold (Fotos)
Rheda-Wiedenbrück

„Schön, Sie zu sehen!“ Winken kann Marlene Schierl nicht. Sie geht an Krücken. Doch sie schenkt Christa Elbracht ein freundliches Lächeln: „Das ist nett, dass Sie mich besuchen!“, begrüßt sie die Frau im grünen Kittel. Beide setzen sich an den großen Tisch auf der Station für Rehabilitation des Wiedenbrücker ­St.-Vinzenz-­Hospitals, an dem sonst gemeinsam gegessen wird. Ein Gesprächsthema ist schnell gefunden: Vor den großen Fenstern blühen die ersten Bäume, der Frühling macht sich bemerkbar. „Endlich!“, sind sich die Frauen einig.

Von den „Grünen Damen“ hatte Marlene Schierl vor ihrem Krankenhausaufenthalt „schon mal gehört“, wie sie erzählt: „Doch jetzt weiß ich auch, was sie alles leisten.“ Sie bekomme zwar regelmäßig Besuch, freue sich aber über die Abwechslung. Die rüstige Seniorin aus dem Nachbarort Rietberg ist optimistisch, bald wieder richtig fit zu sein. Noch muss sie nach einer Hüft-­Operation die ungeliebten Gehstützen benutzen. „Doch das ist bald vorbei“, ist sie sicher. „Schließlich werde ich zu Hause gebraucht.“ Im Familienbetrieb übernimmt sie noch die ein oder andere Aufgabe im Büro.

„Grüne Damen“: Immer ansprechbar bei kleinen und großen Sorgen und Nöten

Längst nicht alle Patienten verlassen das Krankenhaus mit einer so guten Perspektive und so optimistisch wie die Rietbergerin, weiß Hiltrud Ketteler. Sie ist die Leiterin der „Grünen Damen“ am Wiedenbrücker ­St.-Vinzenz-­Hospital: „Einsamkeit ist nicht nur während der Zeit hier im Krankenhaus ein Thema.“ Immer mehr alte Menschen leben allein, die Familie ist oft weit verstreut. Wer keine Verwandten oder Freunde hat, den kann ein – unter Umständen nicht geplanter – Krankenhausaufenthalt vor große Probleme stellen. Das beginnt bei einer fehlenden Zahnbürste und reicht manchmal bis zu der Frage, wie es nach der Entlassung weitergehen kann. Wenn man nicht als „geheilt“ nach Hause kommt, das Leben plötzlich ganz anders wird und weit und breit niemand da ist, der mit Rat und Tat unterstützt.

Hiltrud Ketteler kam vor 16 Jahren zu den „Grünen Damen“, seit 2013 leitet sie die Gruppe.
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

Die großen Einzugsgebiete der nach den zahlreichen Umstrukturierungen verbliebenen Krankenhäuser tun ein Übriges – gerade im ländlichen Raum. Die Wege sind weit, tägliche Besuche keine Selbstverständlichkeit mehr. Hinzu kommt, dass es die Familie als Netzwerk heute immer weniger gibt. Kinder leben weit weg vom Wohnort der Eltern.

Die Ehrenamtlichen in der grünen Kluft sind auf jeden Fall zur Stelle: Sie erledigen kleine Besorgungen, begleiten zu Untersuchungen innerhalb des Hauses oder nehmen sich die Zeit, um einfach mal für die Kranken da zu sein – für ein Gespräch oder einfach um zuzuhören. Ohne den Blick auf die Uhr oder ein schlechtes Gewissen, weil ein anderer Patient warten muss. Ein Privileg für beide Seiten. „Wir sind immer ansprechbar“, erklärt Hiltrud Ketteler.

Ehrenamt startete 1980 auf Initiativedes damaligen Chefarztes

Manchmal, so Hiltrud Ketteler, gebe es auch Erlebnisse, die „einem die soziale Situation in unserem Land ganz deutlich vor Augen führen“; zum Beispiel, wenn wohnungslose Menschen eingeliefert würden, die „außer dem, was sie am Leib tragen, quasi nichts besitzen“. Da sei man dann in besonderer Weise gefordert. „Auch wenn wir nicht die Welt retten können, versuchen wir natürlich auch in so einer Lage zu helfen“, sagt Hiltrud Ketteler. Dann wird auch schon mal Kleidung besorgt oder der Kontakt zu sozialen Einrichtungen geknüpft, die nach der Entlassung weiterhelfen können.

Die Zusammenarbeit mit Pflegepersonal und Verwaltung des Krankenhauses funktioniert, so die Leiterin der „Grünen Damen“, „hervorragend!“ Ein Lob, das ­Pflegedienstleiterin Susanne Welp gern zurückgibt: „Dieser Einsatz ist eine Ergänzung der Arbeit unseres Fachpersonals, die nicht mehr wegzudenken ist.“

Die Idee, den medizinischen Part im Krankenhaus um den „menschlichen Faktor“ auf ehrenamtlicher Basis zu ergänzen, hatte 1980 der damalige Chefarzt des ­St.-Vinzenz-­Hospitals, Dr. Franz Middelanis. Er brachte die Idee von einem Kongress in Düsseldorf mit, und kurz darauf starteten die „Grünen Damen“.

Der einzige „Grüne Herr“: Johannes Klauke stieß nach seiner Pensionierung dazu.
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

In den 46 Jahren ist dieses Ehrenamt am ­Krankenbett zu einem seitdem unverzichtbaren Element im ­St.-Vinzenz-­Hospital geworden – nicht nur, weil dort etwas getan wird, das das Pflegepersonal angesichts der normierten und ständig weiter optimierten Abläufe kaum noch leisten kann. Eine ehemalige Patientin ­schildert ihre Eindrücke so: „Es tut gut zu wissen, dass es im ­Krankenhaus Menschen gibt, die Zeit haben, die zuhören und mit denen man über alles reden kann – egal, ob es das Wetter ist oder eine Diagnose, die vielleicht nicht gut ausgefallen ist.“ Wobei die pauschale Bezeichnung „Grüne Damen“ heute so nicht mehr korrekt ist. Das Ehrenamt ist schon lange nicht mehr reine Frauensache. Es gibt auch „Grüne Herren“. Rund 12 000 Frauen engagieren sich deutschlandweit bei diesem Dienst in Krankenhäusern und etwa 1 300 Männer. Bei den Ehrenamtlichen des Vinzenz-­Hospitals passt dieses Verhältnis nicht so ganz: 22 Frauen gehören dazu und ein Mann.

Johannes Klauke ist seit elf Jahren als „Grüner Herr“ dabei. Nach seiner Pensionierung, sagt der Deutsch- und Religionslehrer und langjährige Direktor des Wiedenbrücker Ratsgymnasiums, sei „Tauchen auf den Bahamas“ für ihn keine Perspektive für den Ruhestand gewesen: Stattdessen wollte er „etwas von dem Guten, das ich erlebt habe“, zurückgeben. Christel Elbracht stimmt ihm zu und ergänzt: „Man nimmt oft auch etwas mit, gerade nach einem guten Gespräch. Und wenn man vom Patienten mit einem Lächeln verabschiedet wird, ist das eine tolle Bestätigung.“

Gespräche von Mensch zu Mensch –kein missionarischer Auftrag

Zweimal in der Woche – dienstags und freitags – machen die Ehrenamtler ihren Besuchsdienst und drehen ihre Runden über die Stationen. Nicht immer sind sie beim ersten Kontakt sofort willkommen, wie Johannes Klauke weiß: „Ich habe es auch schon erlebt, dass jemand erklärte, er wolle mit der Kirche nichts zu tun haben, nachdem ich mich als Mitarbeiter der Katholischen Krankenhaus-­Hilfe vorgestellt hatte.“ Er habe das allerdings schnell klären können: „Als ich ihm sagte, dass ich nicht missionieren wolle, sondern dass es lediglich um ein Gesprächsangebot von Mensch zu Mensch gehe, war das Missverständnis aus der Welt.“ Er habe die Erfahrung gemacht, so Johannes Klauke, dass es für männliche Patienten in manchen Fällen gut sei, einen Mann als Ansprechpartner zu haben; etwa bei einer Krebsdiagnose: „Die Patienten wissen, dass wir der Schweigepflicht unterliegen, das schafft zusätzlich Vertrauen.“ Wenn es angesichts einer Krise besonderen Gesprächsbedarf gebe, erhielten die Ehrenamtlichen auch schon mal einen entsprechenden Hinweis des Pflegepersonals, ergänzt Hiltrud Ketteler.

Das Gemeinsame, das gerade kranke Menschen trotz vorhandener religiöser, sprachlicher oder kultureller Grenzen verbindet, beschreibt Christa Elbracht: „Auf die Frage, ob ich für jemand eine Kerze in der Krankenhauskapelle entzünden solle, habe ich noch nie ein Nein als Antwort erhalten!“

Die Motivation für ein Ehrenamt ist die eine Seite, die Eignung die andere. „Die richtigen Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter findet man nicht auf einer Ehrenamtsbörse“, macht Hiltrud Ketteler deutlich. Wie es stattdessen funktioniert, zeigt sich beim Planungstreffen der Gruppe in der Mitarbeiter-­Cafeteria des Hospitals. Es findet alle sechs Wochen statt. Zwei Frauen sind heute zum ersten Mal dabei, also gibt es eine kurze Vorstellungsrunde. Es wird über die Motivation gesprochen, aber auch darum, was man selbst „davon hat“, wie es heute oft heißt. „Ich führe mit Patienten manchmal tiefer­gehende Gespräche als auf manchen Partys, bei denen man die Menschen zu kennen scheint.“ Nach dieser Feststellung gibt es viel zustimmendes Nicken in der Runde. Als es darum geht, wie sie dazugestoßen sind, fällt häufig der Satz „Ich bin angesprochen worden!“ Manchmal auch mehrfach, wie sich eine Ehrenamtliche mit einem Lachen erinnert: „So oft, bis ich schließlich gesagt habe, ich schaue es mir mal an.“

Gute Planung: Alle sechs Wochen trifft sich das Team, um zum Beispiel die Einsatzzeiten zu besprechen.
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

Wie die „Testphase“ als „Neuer“ abläuft, hatte Johannes Klauke schon vorher erklärt: „Dreimal begleitet man unterschiedliche Leute aus dem Team.“ Man merke recht schnell, ob es „passe“. Dass alle bei der Werbung für dieses spezielle Ehrenamt ein „gutes Händchen“ hatten und haben, zeigt sich bei der Frage, wie lange man schon dabei sei. Dauer und Kontinuität beeindrucken; ganz besonders, als Ingeborg Gersting von ihrem Werdegang erzählt: Sie ist Gründungsmitglied der „Grünen Damen“ am „Vinzenz“ und seit 46 Jahren aktiv!

Bei ihren Schilderungen zeigt sich auch, wie sich das Ehrenamt in den fast fünf Jahrzehnten geändert hat: „Zu Anfang gehörte es zum Beispiel noch zu unseren Aufgaben, Patienten das Essen zu reichen.“ Das ist lange vorbei. Der stetige Wandel wird ebenfalls deutlich, als es um Fortbildungen geht, die regelmäßig angeboten werden. Mitte Mai findet in Mülheim die Bundestagung der „BAG Katholische Krankenhaus-­Hilfe“ statt. „Digital verbunden – menschlich nah in der Krankenhaus-­Hilfe“ lautet der Leitgedanke des Treffens, bei dem es unter anderem um die Frage gehen wird, wie Digitalisierung und neue technische Möglichkeiten das Ehrenamt in der Krankenhaus-­Hilfe unterstützen können. Die Chancen und Grenzen von künstlicher Intelligenz (KI) stehen ebenfalls auf der Tagesordnung.

Unterstützung durch KI bei der Planung und Organisation mag vorstellbar und sinnvoll sein. Ein echte „Konkurrenz“ wird KI für dieses Ehrenamt niemals sein, da sind sich in der Runde alle einig: Am Krankenbett ist der menschliche Faktor nicht zu ersetzen. Das hat dieser Nachmittag im ­St.-Vinzenz-­Hospital eindrücklich gezeigt.

Hintergrund

Die Idee, sich ehrenamtlich um Patienten im Krankenhaus zu kümmern, stammt ursprünglich aus den USA. Brigitte Schröder, die Ehefrau des damaligen Außenministers Gerhard Schröder, hatte diesen Dienst Mitte der 1960er-­Jahre dort kennengelernt. Auf ihre Initiative hin entstanden 1969 die ersten Krankenhaus-Hilfe-­Gruppen in evangelischen Krankenhäusern und die Arbeitsgemeinschaft Evangelische Krankenhaus-­Hilfe. Aufgrund der grünen Dienstkleidung wurden die Ehrenamtlichen „Grüne Damen“ genannt. In den USA heißen sie „Pink Ladies“ wegen ihrer rosa Kittel. 1975 wurde von den Caritas-­Konferenzen Deutschlands (CKD) die Konzeption für die Katholische Krankenhaus-­Hilfe entwickelt. Auch im Erzbistum Paderborn kam es zur Gründung zahlreicher Katholischer Krankenhaus-Hilfe-­Gruppen.

0 Kommentare
Älteste
Neuste
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anschauen