„Ich war bereit zu sterben“
Fünf Monate lang war er Geisel des sogenannten „Islamischen Staates“, heute ist Jacques Mourad Bischof in der vom Bürgerkrieg schwer gezeichneten syrischen Stadt Homs. Im Interview spricht er über seine Gefangenschaft, die Lage der Christen und seine Erwartungen an Politik und internationale Gemeinschaft.
Erzbischof Jacques, Sie sind seit 2023 Erzbischof der mit Rom verbundenen syrisch-katholischen Kirche. Zuvor waren Sie Mönch und wurden 2015 vom „Islamischen Staat“ entführt. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Ich war ungefähr fünf Monate lang Geisel. Ich wurde nach Ar-Raqqa gebracht, in die Hauptstadt des „Islamischen Staates“. Schließlich konnte ich mithilfe muslimischer Freunde aus der Region fliehen. Für mich ist das ein Wunder. Auch viele Christen aus unserer Region wurden entführt – einmal etwa 250 Menschen aus einem Dorf, darunter auch Kinder. Muslimische Gruppen haben geholfen, viele von ihnen zu retten – ein Wunder Gottes! Wir hatten immer gute Beziehungen zu unseren muslimischen Nachbarn. Diese Freundschaft und dieser Respekt sind das Ergebnis vieler Jahre gemeinsamer Arbeit, auch in unserem Kloster.
Wie wurden Sie in der Zeit der Gefangenschaft behandelt?
Ich war Geisel – und ich war Priester. Für meine Entführer war das ein großes Problem. Aber ich habe diese Zeit auch als ein Geschenk Gottes erlebt. Ich erinnere mich nicht daran, dass ich wirklich Angst gehabt hätte. Wenn ich ihnen begegnet bin, hatte ich immer Mut. Ich glaube, dieser Mut war ein Geschenk Gottes. Mehrmals haben sie überlegt, mich zu töten. Einmal hielt ein Kämpfer sein Messer an meine Kehle. Ich war bereit zu sterben. Aber als ich laut gebetet habe, hat er von mir abgelassen. Später habe ich über diese Zeit ein Buch geschrieben, das auch ins Deutsche übersetzt wurde.
Welche Rolle spielt die Kirche heute in Homs?
Etwa 10 000 der 80 000 Christen in Homs gehören zu meiner Diözese – bei etwa 800 000 Einwohnern. Unsere Möglichkeiten sind begrenzt, weil uns etwa eigene Schulen oder Krankenhäuser fehlen. Das alte Regime hat viele übernommen oder schließen lassen. In Städten wie Aleppo oder Damaskus ist das anders. Dort haben christliche Schulen eine wichtige Bedeutung, auch für muslimische Familien, die den werteorientierten Unterricht schätzen. In Homs versuchen wir, neue Projekte zu entwickeln. Die Auswanderung ist ein großes Problem. Viele junge, gut ausgebildete Menschen haben das Land verlassen. Wenn wir Arbeitsplätze schaffen könnten, würden mehr Menschen bleiben. Im Moment können wir nur kleine Projekte unterstützen, etwa ein pastorales Zentrum, das die Schwestern von Jesus und Maria um Schwester Annie Demerjian aufbauen, übrigens auch mit finanzieller Unterstützung des Erzbistums Paderborn.
Haben Sie direkten Kontakt zur syrischen Regierung?
Ja, wir haben Kontakt, aber unsere Erfahrungen sind nicht ermutigend. Wir können der Richtung, die die Regierung einschlägt, nicht folgen. Offiziell werden wir respektiert. Aber gleichzeitig erleben wir viel Manipulation. Es ist schwierig, wenn jemand dir ein freundliches Gesicht zeigt, dann aber versucht, dich zu töten. Diese Art von Verhalten erleben wir. Es gibt keine wirkliche Sicherheit – weder für Alawiten noch für Christen oder andere Minderheiten. Viele Menschen sind Opfer von Gewalt geworden, manchmal direkt vor den Augen der Polizei. Nach mehr als 15 Monaten an der Macht haben diese Racheakte noch immer kein Ende gefunden. Das ist nicht akzeptabel. Wir sind darüber sehr besorgt, und es ist für uns ein großer Schmerz. Vertrauen zwischen Regierung und Bevölkerung gibt es nicht mehr. Das ist eine sehr gefährliche Situation.
Versteht die internationale Gemeinschaft die Situation?
Ich glaube, viele Staaten denken vor allem an ihre eigenen Interessen, besonders an wirtschaftliche Interessen. Gerechtigkeit und Menschenrechte spielen oft keine große Rolle. Wir brauchen nicht nur Hilfe in Form von Lebensmitteln. Wir brauchen Gerechtigkeit – in Syrien und überall dort, wo Menschen leiden. Eigentlich wäre das die Aufgabe der Vereinten Nationen. Aber oft wird Hilfe zu einer Art Geschäft, statt politische Lösungen zu suchen. Viele Menschen haben große Sorgen um die Zukunft der Welt.
Welche Hoffnung können Sie den Menschen geben?
Unsere Hoffnung kommt aus dem Glauben. Oft können wir den Menschen nur zuhören, ihnen nahe sein und ihnen in kleinen Dingen helfen. Als Kirche haben wir auch eine politische Verantwortung. Auch die Kirchen in Europa sollten ihre Regierungen ansprechen. Wenn wir nicht solidarisch sind, können wir unser Land nicht retten. Deshalb beten wir – und bitten auch andere, für uns zu beten. Das Gebet gibt uns Mut.
Sie werden im Sommer nach Deutschland reisen, das Erzbistum Paderborn hat Sie zum Libori-Fest eingeladen. Was bedeutet Ihnen diese Einladung?
Ich fühle mich sehr geehrt. Wir fühlen uns der Kirche in Deutschland und dem deutschen Volk sehr verbunden. Die Unterstützung aus Deutschland ist für uns sehr wichtig. Ohne diese Hilfe könnten wir vieles nicht tun – besonders in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Viele unserer Projekte sind nur dank der Hilfe der Kirche und vieler Organisationen aus Deutschland möglich.
Was wünschen Sie sich?
Europa sollte den Wiederaufbau und die wirtschaftliche Entwicklung in Syrien unterstützen. Unsere Menschen sind sehr arm. Wenn sie Arbeit und Hoffnung haben, verändert sich vieles. Die syrische Gesellschaft ist nicht grundsätzlich fundamentalistisch. Viele radikale Ideen sind von außen gekommen. Die Menschen in Syrien wollen vor allem eines: Gerechtigkeit und Freiheit. Wir wünschen uns einen Staat, in dem alle Menschen gleiche Rechte haben. Minderheiten dürfen nicht ausgeschlossen werden.
Hintergrund
Jacques Mourad (57) ist seit 2023 Erzbischof der syrisch-katholischen Kirche von Homs, Hama und al-Nabek. Er gehörte zu den Mitbegründern einer monastischen Gemeinschaft in der syrischen Wüste, die für den Dialog zwischen Christen und Muslimen bekannt wurde. Am 21. Mai 2015 wurde er vom „Islamischen Staat“ (IS) entführt und verbrachte vier Monate und zwanzig Tage in Gefangenschaft, wurde misshandelt und aufgefordert, zum Islam überzutreten – was er verweigerte. Darüber schrieb er das Buch: „Ein Mönch in Geiselhaft. Fünf Monate in den Fängen des Islamischen Staates“.
Das Interview fand am 26. Februar statt, kurz vor Ausbruch des Krieges gegen den Iran. Es entstand bei einem Besuch einer Delegation des Caritasverbandes für das Erzbistum Paderborn (siehe vorhergehende Ausgabe des DOM).