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13.06.2026
Der ehemaliger Obdachloser Uwe bietet Stadtführungen in Hamburg an.
Foto / Quelle: Christiane Tauer/KNA

Ein Ex-Obdachloser zeigt Hamburgs harte Seite

Bei Stadtführungen berichtet Uwe aus erster Hand von Obdachlosigkeit, Drogen und Hilfsangeboten – und davon, wie er selbst wieder Halt fand.

Hamburg

Der Himmel hängt grau über Hamburg, als Uwe 16 junge Erwachsene in die „anderen Ecken“ der Stadt führt. „Heute gucken wir uns nicht die Elbphilharmonie oder den Hafen an“, sagt der 59-Jährige. Stattdessen geht es an Orte, die Touristen meist nicht zu sehen bekommen: zu Schlafplätzen, Hilfseinrichtungen und Treffpunkten obdachloser Menschen.

Uwe kennt diese Orte aus eigener Erfahrung. Vor einigen Jahren lebte er selbst auf der Straße. Heute arbeitet er als Stadtführer für die „Nebenschauplätze“, ein Projekt des Straßenmagazins Hinz&Kunzt. Bei den Rundgängen berichtet er aus seinem früheren Leben und erklärt, wie Obdachlosigkeit in Hamburg aussieht.

Uwe schlief vor einem Kaufhaus

Die Führungen gehören zum Angebot von Hinz&Kunzt, das von mehr als 500 obdachlosen und ehemals obdachlosen Menschen in Hamburg verkauft wird. Neben Uwe ist auch Chris als Stadtführer im Einsatz. Die Projekte sollen in mehrfacher Hinsicht neue Perspektiven eröffnen: Menschen mit schwierigen Lebensläufen erhalten sozialversicherungspflichtige Beschäftigung, während die Teilnehmer Einblicke in den Alltag auf der Straße bekommen.

Ähnliche Angebote gibt es auch in anderen Städten wie Bremen, Berlin oder Düsseldorf. Wichtig sei bei den Touren, dass die Betroffenen nicht zur Schau gestellt würden, betont Uwe zu Beginn. Er erzählt knapp von seiner eigenen Krise: Drei Tage habe er vor einem Kaufhaus geschlafen, anschließend zwei Monate in der Bahnhofsmission verbracht. Über Hinz&Kunzt habe er schließlich wieder Halt gefunden.

Die Zuhörer verfolgen seine Schilderungen aufmerksam. Sie sind angehende Erzieherinnen und Erzieher aus dem benachbarten Schleswig-Holstein. Obdachlosigkeit und soziales Elend in der Form wie in Hamburg gebe es bei ihnen nicht, sagt die 22-jährige Ida Beusen, die die Teilnahme angeregt hatte. „Ich finde es gut, dass die Tour von Menschen mit eigenen Erfahrungen gemacht wird.“

Uwes Alltag auf der Straße spielte sich einst zwischen dem Münzviertel nahe des Hauptbahnhofs, der Stadtbibliothek und den Landungsbrücken ab. Im Münzviertel fand er Schlafmöglichkeiten, in der Bibliothek Wärme und tagsüber einen Aufenthaltsort. An den Landungsbrücken sammelte er Pfandflaschen. „Das eine war mein Schlafzimmer, das andere mein Wohnzimmer und das andere war Business“, sagt er.

Stadtführer Uwe führt die Teilnehmer einer Stadtführung zu der in Bau befindlichen Obdachlosenunterkunft "Housing First", eine von Hamburgs Anlaufstellen für Obdachlose.
Foto / Quelle: Christiane Tauer/KNA

Die Gruppe läuft weiter in Richtung Hauptbahnhof. Ein Halt ist das Drob Inn, eine Drogenhilfeeinrichtung mit Konsumraum. Täglich kommen dort mehrere Hundert Menschen hin, die von Crack, Heroin oder anderen Drogen abhängig sind. Uwe beobachtet die Entwicklung mit Sorge. „Die Stimmung ist immer aggressiver geworden“, sagt er. Deshalb meide er den Vorplatz der Einrichtung inzwischen.

Über seine Geschichte spricht er nur in Ausschnitten, manches soll privat bleiben. Mit 22 Jahren kam er vom Niederrhein nach Hamburg. Das Elternhaus sei von Alkoholproblemen geprägt gewesen. „Ich habe vieles nicht gelernt, etwa wie ich sage, wie es mir geht und wo ich mir Hilfe holen kann.“ Erst eine Therapie im Alter von 40 Jahren habe ihm geholfen.

In jüngeren Jahren konsumierte er Cannabis, später brachte ein Freund Heroin mit. Uwe probierte es – und vertrug es nicht. „Ich hing mit dem Kopf über der Toilette und habe es nie wieder angefasst.“

Während die Gruppe durch das Münzviertel läuft, verweist Uwe auf weitere Hilfsangebote. Dazu gehört die Tagesaufenthaltsstätte Herz As, die obdachlosen Menschen Frühstück und Unterstützung bietet. In unmittelbarer Nähe entsteht zudem ein Wohnprojekt nach dem sogenannten Housing-First-Ansatz. Rund 40 Wohnungen sollen dort für ehemals wohnungslose Menschen geschaffen werden.

Eine solche Möglichkeit hatte Uwe damals nicht. Nach seiner Zeit in der Bahnhofsmission fand er zunächst ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft auf Sankt Pauli. Später zog er in den Vorort Blankenese, wo er seit elf Jahren in einer Einzimmerwohnung lebt. „Seitdem zahlt auch kein Amt mehr für mich“, sagt er.

Uwe sieht zunehmende Verelendung

Nach dem Ende der Tour bleibt ihm nur wenig Zeit für eine Kaffeepause, bevor die nächste Gruppe kommt. Im Rückblick sieht er deutliche Veränderungen. Vor allem durch neue Drogen wie Crack habe die Verelendung auf der Straße zugenommen. „Früher hat man bei vielen gar nicht bemerkt, dass sie auf der Straße leben.“

Auch die Zahl der Betroffenen ist gestiegen. Nach Angaben der Stadt lebten Ende 2025 fast 4.000 Menschen ohne Wohnung in Hamburg. Vor rund 20 Jahren waren es etwa 900. Die bestehenden Hilfsangebote seien nicht auf diese große Zahl der Betroffenen ausgelegt, sagt Uwe.

Bauministerin Verena Hubertz (SPD) hält an ihrem Ziel fest, Obdachlosigkeit in Deutschland bis 2030 zu überwinden. Ob dieses Ziel erreicht werden kann, bezweifelt Uwe. Entscheidend seien Hilfe, Stabilität und Perspektiven. „Keiner wird einfach so obdachlos, es steckt immer ein Problem dahinter“, sagt er. „Und viele Geschichten ähneln sich.“

KNA
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