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22.04.2026
Um gut ins Erwachsenenleben zu kommen, brauchen Kinder verlässliche Bezugspersonen.
Foto / Quelle: Harald Oppitz/KNA

Zwischen Selbstzweifel und Verantwortung

Erwachsensein ist ein Prozess, kein Zustand, den man einmal erreicht. Zu viel Rückschau kann ebenso blockieren wie Vergleiche.

Soltau

Peter Pan, Pippi Langstrumpf oder Oskar Matzerath aus der „Blechtrommel“: Erfundene Figuren, die nicht – oder auf sehr eigenwillige Art – erwachsen werden, faszinieren besonders. Doch was heißt das eigentlich: erwachsen sein? Die Psychoanalytikerin Diana Pflichthofer nennt folgende Säulen: die Fähigkeit, die eigenen Gefühle regulieren zu können; eine gewisse Selbstständigkeit und Selbstsicherheit; die Fähigkeit, von sich selbst absehen und reflektieren zu können und – daraus folgend – Empathie.

Das bedeute nicht, dass man plötzlich nicht mehr erwachsen ist, wenn die Selbstsicherheit vor einem Bewerbungsgespräch nachlässt oder man feststellt, dass man in einem Ehekrach eher wenig einfühlsam war, betont die Expertin im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Im Gegenteil. Patientinnen und Patienten sage sie nicht selten: „Gehen Sie nach Hause und lesen Sie ein bisschen ‚Hanni und Nanni‘.“ Ob Fußballspiel, Serie oder eben ein geliebtes Jugendbuch – bewusste und begrenzte Regression ist sogar gesund und kann beim Wachstum helfen.

Die Zapfsäule als Endgegner

Pflichthofer geht es um grundsätzlichere Zweifel – eine Angst oder auch einen Unwillen, erwachsen zu werden und bestimmte Grenzen zu überwinden. In ihrem Buch „Ewig Kind?!“, das soeben erschienen ist, nennt sie die „refuel-anxiety“ als Beispiel: eine offenbar verbreitete Angst junger Erwachsener vor dem Tanken. Ein gewisses Unbehagen, wenn die Übung fehle, habe es auch früher schon gegeben. Doch es gehöre eben dazu, „bestimmte Dinge einzuüben“ und die Unsicherheit allmählich zu überwinden.

Dass die heutige junge Generation sich damit besonders schwertue, ist häufig zu hören. Pflichthofer widerspricht allerdings dem Eindruck, diese habe es – etwa durch die Corona-Pandemie und folgende Krisen – schwerer als alle zuvor. „Meine Eltern sind im Zweiten Weltkrieg geboren, haben viel Hunger gelitten und eine schreckliche Fluchtgeschichte erlebt. Das war ganz sicher nicht weniger krisenhaft als heute.“ Was sich verändert habe, sei allerdings die Präsenz von Krisen – durch die digitalen Medien.

„Verrückt macht uns vor allem, wenn wir nicht helfen können“, beobachtet die Autorin in diesem Zusammenhang. „Das ist entsetzlich. Und oft verfallen wir in Aktivismus und Selbstinszenierung, weil wir dieses Gefühl nicht aushalten können.“

Diana Pflichthofer, Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie,
Foto / Quelle: Roman Matejov/KNA

In ihrem Buch kommen Extremfälle vor, die deutlich machen, wohin es führen kann, wenn Erwachsene ihre Gefühle nicht reguliert bekommen. Die 17-jährige Australierin Kate zum Beispiel wurde von ihren Eltern in ein isoliertes Leben gezwungen, durfte sich weder körperlich noch geistig entwickeln und wog keine 30 Kilogramm, als sie in ein Krankenhaus kam. Der Umgang mit Gefühlen und Entwicklungsschritten sei also existenziell, sagt Pflichthofer.

Im Kleinen kennen wohl alle Menschen den Wunsch, die Zeit festhalten zu wollen – „ein Stück Trauer um das, was vergeht“. Im Alltag stellt sich die Frage, wie man damit umgeht, oft leiser – denn sie gehört zum Leben dazu. Entscheidend sei, Wege zu finden, um diese Erfahrung im Inneren gut aufzuheben: zum Beispiel ein Fotobuch vom ersten Babyjahr zu machen.

Daher wendet sich die Forscherin gegen eine allzu ausgiebige Beschäftigung mit dem „inneren Kind“ und eine anhaltende Klage darüber, was diesem womöglich alles gefehlt habe. Jeder Mensch brauche vielmehr ein „gutes inneres Objekt“, das ermutige, tröste, auch pragmatisch beruhige mit einem Satz wie: „Koch dir erstmal einen Tee“.

"Lasst eure Mütter in Ruhe"

Gläubige Menschen nennen diese Instanz vielleicht Gott, sagt Pflichthofer; Kinder haben oft einen „imaginären Freund“. Die Zeitschrift „Psychologie Heute“ titelt in der Mai-Ausgabe mit der „inneren Mutter“ – und zitiert Nadiya Kroshka, ebenfalls Psychoanalytikerin, mit dem Appell: „Lasst eure Mütter in Ruhe.“ Die meisten realen Mütter bemühten sich, seien aber nicht perfekt – und Fehler, Versäumnisse oder schlicht Unglücke aus der eigenen Kindheit ließen sich rückwirkend nicht verändern, mahnt Kroshka.

Sei eine Bezugsperson noch so eng, sie hat auch ihr eigenes Leben, fügt Pflichthofer hinzu. „Deswegen brauchen wir beides: eine Innenwelt, auf die wir uns berufen können, wenn niemand da ist oder wenn uns alles zu viel wird. Aber auch die Außenwelt – gerade weil wir sie nicht immer so zurechtmachen können, wie wir es gern hätten.“ Dies mache Menschen einerseits Angst, sei aber andererseits auch bereichernd und ermögliche, zu wachsen, sogar über sich selbst hinaus.

Pflichthofers Buch ist insofern eine Ermutigung: zum Nachdenken darüber, was „Erwachsensein“ bedeutet – und zum Überprüfen, wo man selbst gerade steht. Vielleicht sind es Inseln von Spiel und Kreativität, die fehlen, vielleicht der Anstoß, sich von einer Gewohnheit zu lösen. Oder vielleicht die Ansage an den Nachwuchs, die nächste Alltagshürde selbst zu nehmen. „Das Gehirn ist erst mit 25 Jahren voll entwickelt“, erklärt die Expertin. Daher bräuchten jüngere Menschen eine äußere Begrenzung – um den Kompass fürs Erwachsensein überhaupt erst entwickeln zu können.

KNA

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