Echte Doppelgänger sind genetisch nahezu unmöglich
Manche Menschen sehen sich verblüffend ähnlich, obwohl sie nicht miteinander verwandt sind. Ein kurioser Zufall? Experten klären auf.
Jemand, der exakt so aussieht wie man selbst, aber zu dem keinerlei Verwandtschaft besteht: Die Idee, irgendwo auf der Welt einen Doppelgänger zu haben, fasziniert viele Menschen. Wissenschaftlich belegt ist das allerdings nicht, denn: „Der menschliche Genpool ist eine Schatzkammer biologischer Vielfalt – und genau deshalb sind echte Doppelgänger:innen genetisch so gut wie ausgeschlossen“, sagt Jan Postberg, Professor für Klinische Molekulargenetik und Epigenetik an der Universität Witten/Herdecke.
Genetisch identische Menschen gibt es demnach nur als eineiige Zwillinge, in seltenen Fällen als Drillinge. Postberg äußerte sich mit Blick auf den Welt-DNA-Tag am Samstag.
Unterschiede an Millionen Stellen des Genoms
Jeder Mensch sei ein Unikat: Das Erbgut werde bei jeder Generation neu kombiniert. Selbst innerhalb einer Familie entstehen so deutliche Unterschiede. Demnach unterscheiden sich zwei beliebige Menschen im Durchschnitt an Millionen Stellen ihres Genoms, also ihrer gesamten Erbinformation, die in der DNA gespeichert ist.
Gleichzeitig werde das äußere Erscheinungsbild des Menschen nur von einem vergleichsweise kleinen Teil der rund 20.000 Gene geprägt. Diese Merkmale entstehen laut Angaben durch das Zusammenspiel vieler genetischer Varianten innerhalb eines begrenzten entwicklungsbiologischen Rahmens, sodass bestimmte Kombinationen äußerer Merkmale immer wieder auftreten könnten. Diese werden dann als Ähnlichkeiten zwischen verschiedenen Individuen wahrgenommen, wie es hieß.
Der Grund, warum Menschen Doppelgänger sehen, liegt demnach weniger in der Genetik, sondern in der Wahrnehmung – einer Kombination aus ähnlichen Merkmalen, Kontext und der Erwartung, jemanden wiederzuerkennen.
„Wir überschätzen massiv, wie gut wir Gesichter erkennen können“, sagt Philipp Röer, Psychologieprofessor an der Universität Witten/Herdecke. Diese Fähigkeit variiere stark: Manche Menschen könnten sich Gesichter extrem präzise merken. Andere hätten selbst bei vertrauten Personen große Schwierigkeiten.
Gesichtserkennung ist fehleranfällig
Die meisten bewegten sich irgendwo dazwischen und verließen sich auf Abkürzungen im Kopf: Denn das Gehirn analysiere Gesichter nicht wie eine Checkliste einzelner Merkmale. Es verarbeite sie als Gesamtbild – inklusive Mimik, Frisur, Haltung und Kontext. Diese sogenannte holistische Verarbeitung ermögliche schnelle Entscheidungen („kenne ich“ oder „kenne ich nicht“), sei aber anfällig für Fehler.
Zudem würden Menschen oft nicht allein am Gesicht erkannt. „Wenn wir etwa die Verkäuferin aus dem Supermarkt plötzlich im Bus sehen, fällt es uns schwer, sie einzuordnen“, so Röer. Hinzu komme: Erinnerungen speicherten Gesichter nicht exakt, sondern vereinfacht. Fehlende Details ergänze das Gehirn im Nachhinein – und verstärke dabei Ähnlichkeiten.
KNA