Von Gastarbeitern, Elefantenköpfen und Spreewasser
Nach zwei Jahrzehnten Bauzeit ist er nun fertig – Deutschlands neuer größter Hindu-Tempel in Berlin-Neukölln.
Schon von Weitem zieht der neue Hindu-Tempel in Berlin die Blicke auf sich. Kunterbunt ragt der fast 18 Meter hohe Turm des Tempels in die Luft, Ornamente und Götterfiguren zieren die Fassade. „Mit der Eröffnung geht für mich ein großer Traum in Erfüllung“, sagt Vilwanathan Krishnamurthy vom Trägerverein, der den Bau im Berliner Bezirk Neukölln organisiert hat. Am Sonntag wurde der Tempel offiziell geweiht – der größte Deutschlands.
„Die bunten Farben des Tempels haben viele Bedeutungen für uns Hindus“, erklärt Krishnamurthy, während er durch die Anlage führt. Sie stünden etwa für Frieden und Fruchtbarkeit. „Wichtig ist auch die goldene Farbe. Gold rostet nicht, und so soll auch unser Glaube nicht beschädigt werden.“
Tempel als Treffpunkt aller Religionen
Der Tempel soll ein Treffpunkt für alle Menschen sein, sagt er: „Wir wollen nicht nur unseren Glauben verbreiten, sondern auch mit anderen Religionen zusammenarbeiten.“ Es solle etwa Kooperationen mit christlichen Gemeinden geben, Führungen zur Frage, was Religion überhaupt sei. Den Tempel besuchen könne jeder.
Dieser multireligiöse Gedanke zeigt sich auch mit Blick auf den Standort: Der Tempel steht am nordöstlichen Rand des Volksparks Hasenheide, in der Nähe der katholischen Sankt-Johannes-Basilika und eines buddhistischen Zentrums.
Doch Neukölln ist auch aus einem anderen Grund die neue Heimat des Tempels geworden – und der hat mit der Biografie von Krishnamurthy zu tun. 1975 kam er als indischer Gastarbeiter nach Deutschland; seit nunmehr 48 Jahren lebt er in dem Berliner Bezirk. „Ich bin mit dem Viertel verwurzelt. Ich bin hier weiter aufgewachsen, ich kenne hier alles“, sagt der 73-Jährige.
Die Idee für das hinduistische Gebetshaus sei ihm bereits in den frühen 2000ern gekommen. Damals sei er regelmäßig nach Hamm in Nordrhein-Westfalen gefahren, um den bis dato größten Hindu-Tempel Deutschlands zu besuchen. „In Berlin hatten wir nur kleine Gebetsorte, und ich wollte auch mal zu einem großen Tempel.“
Seinerzeit entwickelte sich Hamm zu einem Zentrum des Exil-Hinduismus in Europa. 2002 wurde der dortige Tempel geweiht. Er sei nicht nur ein religiöser Mittelpunkt der tamilischen Hindus, sondern auch eine zentrale Begegnungsstätte der deutschen Hindus, so die Gemeinde in Hamm.
Mehr als zwei Jahrzehnte Bauzeit
Nach einigen Besuchen dachte sich Krishnamurthy schließlich: „So etwas brauchen wir auch in Berlin.“ Seitdem sind mehr als 20 Jahre vergangen. Erste Planungen haben 2005 begonnen, doch aufgrund von Problemen mit Genehmigungen verzögerte sich der Baustart auf 2010. Durch verschiedene Gründe wurde der Eröffnungstermin dann mehrmals verschoben.
Einer davon war schlichtweg das Geld. Ursprünglich waren zwei Millionen Euro als Kosten angedacht, doch Krishnamurthy habe sich das Ziel gesetzt, den Bau für maximal 1,1 Millionen umzusetzen. „Wir wollten den Tempel ohne Schulden oder Kredite bauen“, sagt er. „Immer, wenn das Geld zwischenzeitlich fehlte, haben wir mit dem Bau pausiert.“ Bei der Grenze von 1,1 Millionen sei es geblieben; das Projekt habe sich durch Spenden und ehrenamtliches Engagement finanziert.
Am Sonntag hatte die lange Wartezeit schließlich ein Ende. Ein Priester goß mit Hilfe eines Krans Wasser über die Turmspitze. Das Wasser dafür komme sowohl aus dem indischen Fluss Ganges als auch aus der Berliner Spree. „Damit wird der Tempel von oben gereinigt“, sagt Krishnamurthy. Das Spreewasser zeige die Verbundenheit mit Berlin.
Mit der Weihe hat der Sri-Ganesha-Hindu-Tempel, wie er vollständig heißt, dann auch das Gebetshaus in Hamm als Größtes in Deutschland abgelöst. Der Berliner Tempel, der der hinduistischen Gottheit Ganesha gewidmet ist, gilt zudem als einer der größten in Europa. Für gläubige Hindus gehört Ganesha – Gott der Weisheit mit einem Elefantenkopf – zu den wichtigsten Göttern.
In Berlin ist das neue Gebetshaus, das eine Fläche von etwa 850 Quadratmetern misst, der zweite Tempel für Hindus. 2013 eröffnete in Berlin-Britz bereits der Sri-Mayurapathy-Murugan-Tempel. Dieser ist laut Krishnamurthy besonders ein Anlaufpunkt für Gläubige aus Sri Lanka. Hinter dem neuen Tempel in Neukölln stehe insbesondere die indischstämmige Gemeinschaft.
Platz für bis zu 200 Menschen
Krishnamurthy schätzt, dass in Berlin derzeit etwa bis zu 48.000 Hindus leben. Ihre Zahl sei zuletzt gestiegen, etwa durch zugezogene Studenten und Fachleute im IT-Bereich. Die Zahl der Hindus in ganz Deutschland schätzt er auf 120.000.
Im Tempel selbst ist demnach Platz für 150 bis 200 Leute. Dabei gebe es im Hinduismus keine übliche Besuchsdauer: „Die Leute können kommen und gehen, wie sie möchten. Manche bleiben ein paar Minuten, andere eine halbe Stunde.“
Krishnamurthy verweist noch auf eine Besonderheit der neuen Anlage: die Hausnummer. Nach der offiziellen Adresse besitzt der Tempel die Hausnummer 106 – und grenzt damit direkt an das Grundstück mit der Nummer 108. „Im Hinduismus ist die 108 eine heilige Zahl“, erläutert er: Sie symbolisiere Vollkommenheit.
KNA