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08.06.2026
Foto / Quelle: Julia Steinbrecht/KNA

Der Bolzplatz ist Kulturerbe - wird aber immer weniger genutzt

Ein Ort der Freiheit: Seit dem Frühjahr ist der Bolzplatz immaterielles Kulturerbe in Deutschland. Fachleute sehen ihn als „kleine Lebensschule“. Doch die Tradition steht unter Druck – von mehreren Seiten.

Köln/Dortmund

„Letzter Mann hält“, „Torwarttore zählen doppelt“, oder auch „Wer schießt, holt den Ball“: All das sind Regeln, die es im organisierten Fußball nicht gibt – sehr wohl aber auf dem Bolzplatz. Nachdem dieser in Nordrhein-Westfalen schon seit 2018 auf der Liste des immateriellen Unesco-Kulturerbes steht, ist er zu Jahresbeginn auch ins bundesweite Verzeichnis aufgenommen worden – auf Initiative des Deutschen Fußballmuseums Dortmund.

Maßgeblich daran mitgewerkelt hat Jürgen Mittag, Professor am Institut für Europäische Sportentwicklung und Freizeitforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln. Schon seit vielen Jahren forscht er zum Phänomen Bolzplatz und hat dazu diverse Aufsätze verfasst. Ende des Jahres plant er eine umfassende Gesamtdarstellung.

Vom "Straßenfußball" zum "Bolzplatz"

Der Begriff „Bolzplatz“ sei bereits in den 1920er-Jahren aufgekommen, ohne damals aber schon eine weite Verbreitung gefunden zu haben, erläutert Mittag. „Bis Mitte der 60er-Jahre war der Begriff ,Straßenfußball“ viel verbreiteter. Das lag einfach daran, dass man noch lange nach dem Krieg auf der Straße mangels viel Verkehr tatsächlich Fußball spielen konnte.“

Erst durch die allmählich einsetzende Massenmotorisierung sei der Straßenfußball zurückgedrängt worden – und flächendeckend Bolzplätze angelegt worden. „In den 70er-Jahren gab es zudem eine Novellierung der Spielplatzordnung. Die schrieb nun auch Bolzplätze vor – gerade auch für Hochhaussiedlungen und Neubauviertel“, sagt Mittag. Auf diesem Boden konnte sich eine dezidierte Bolzplatzkultur entwickeln.

Ein Bolzplatz ist eben nicht einfach nur ein Fußballplatz, sondern Treffpunkt, Bühne, Konfliktzone und Lernraum – oft mitten im Wohngebiet, manchmal am Stadtrand und fast immer ein Ort, an dem Regeln nicht aus dem Handbuch kommen, sondern aus der Gruppe. Jeder kann mitmachen, gespielt wird ohne Schiedsrichter – und aufkommende Probleme werden untereinander geregelt. Auch eine zeitliche Beschränkung gibt es nicht. Gespielt wird, bis die Dunkelheit ein natürliches Ende setzt – oder die Eltern zum Abendbrot rufen.

Der Bolzplatz ist für alle da

„Auf dem Bolzplatz treten Kreativität, spontane Selbstorganisation, Fairness und Durchsetzungsvermögen in wechselseitige Beziehung. Für Kinder und Jugendliche ist der Bolzplatz daher eine kleine Lebensschule“, erläutert Manuel Neukirchner, Direktor des Fußballmuseums. Die Bolzplatzkultur sei daher eine lebendige, niedrigschwellige und generationenübergreifende Ausdrucksform urbanen Zusammenlebens, die seit Jahrzehnten fest in der Alltags- und Freizeitkultur in Deutschland verankert sei.

„Bolzplätze stehen allen offen und ermöglichen Teilhabe unabhängig von Herkunft, Sprache, Geschlecht oder sozialem Hintergrund“, heißt es dazu auf der Homepage der Unesco. Sozialpädagogische Initiativen und Streetwork-Projekte würden Bolzplätze daher bewusst zur Wertevermittlung und zur Förderung von Bewegung einsetzen – die ab dem Schuleintritt nach medizinischen Erkenntnissen drastisch abnimmt.

Freizeit findet verstärkt drinnen statt

Eine belastbare Zahl, wie viele Bolzplätze in der Bundesrepublik insgesamt existieren, gebe es leider nicht, betont Experte Mittag. „Als Annäherung können wir aber von ungefähr 25.000 Plätzen ausgehen.“ Deren Hochzeit sei sicherlich die Zeit zwischen den 70er- und 90er-Jahren gewesen. „Danach mussten sie in verdichteten Räumen nicht selten Parkplätzen, Einkaufszentren, Kitas und Schulen weichen.“

Hinzu kommt ein verändertes Nutzungsverhalten in den vergangenen Jahren: „Das hat auch mit der Digitalisierung zu tun. Viele Kinder und Jugendliche haben ihre Freizeit ins Kinderzimmer verlegt.“ Andere Sportarten hätten an Attraktivität gewonnen. „Erschwerend dazu kommt aber vor allem auch der Ganztagsschulbetrieb – und natürlich auch der Vereinssport. Der findet ja nicht auf dem Bolzplatz statt.“

Neuerdings kicken viele auf "Soccercourts"

Außerdem sind in der jüngeren Vergangenheit zunehmend Varianten zum klassischen Bolzplatz aufgekommen. Diese neuen Plätze – oft „Soccercourts“ genannt – haben nicht mehr viel gemein mit dem freien Spiel auf einem Rasen, bei dem die Tore einfach durch Jacken oder Schulranzen markiert werden. Ein Vorreiter war da der Deutsche Fußball-Bund (DFB) selbst: Der finanzierte aus dem Gewinn, den er mit der Ausrichtung der Weltmeisterschaft 2006 erzielt hat, deutschlandweit über 1.000 sogenannte DFB-Minispielfelder.

Dafür übernahm der DFB die Material- und Baukosten, die pro Platz mit ungefähr 30.000 Euro zu Buche schlugen – rund 30 Millionen Euro hat sich der DFB diese Minispielfelder also kosten lassen. Die restlichen Kosten in Höhe von jeweils etwa 20.000 Euro für die nötigen Tiefbauarbeiten und Fundamente mussten die jeweiligen Kommunen tragen.

Diese Minifelder sind in der Regel 20 mal 13 Meter groß, haben Kunstrasen als Untergrund, verfügen über Rundum-Bande, integrierte Tore und Ballfangnetze. „Da wird also in einem deutlich regulierteren Raum gekickt, ist das wesentlich organisierter“, merkt Mittag an – und mahnt: „Die Bolzplatzkultur ist aktuell ein herausgefordertes Kulturerbe, das es zu verteidigen gilt.“

KNA
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