Reisemagazine werben für die Sommerfrische
Angesichts von Hitze und Dürren könnte sich Urlaub verändern.
Der Papst in der Sommerfrische: Anders als sein Vorgänger Franziskus weiß Leo XIV. eine Auszeit im heißen italienischen Sommer zu schätzen. Castel Gandolfo heißt das Ziel. In der frischen Luft der grünen Albaner Berge rund 30 Kilometer von Rom entfernt will sich das Kirchenoberhaupt auch ein wenig Freizeit gönnen.
„Sommerfrische“: Für Bundesbürger klingt das nach 19. Jahrhundert oder 1920er Jahren. Familienurlaub und Wandern im Allgäu, Schwarzwald oder Sauerland. Der Duden attestiert dem Begriff den Status „veraltend“. Er droht, auf dem Wörterfriedhof zu verschwinden. Doch angesichts von Klimawandel, Hitzewellen, Waldbränden und Wasserknappheit bekommt der Ausdruck einen neuen, frischen Klang.
Cooler Urlaub
Tourismusexperten greifen allerdings lieber zum Anglizismus: „Coolcation“ werde in Reiseführern und Reisemagazinen derzeit sehr stark thematisiert, zitiert der Online-Auftritt des Börsenblatts des deutschen Buchhandels Christine Brisch, Leiterin der Business Unit von Dumont Reise, Baedeker, Marco Polo und Lonely Planet. Der Begriff setzt sich aus den englischen Wörtern „cool“ (kühl) und „vacation“ (Urlaub) zusammen.
Aber: „Eine grundsätzliche Verschiebung weg von den südlicheren Zielen rund um das Mittelmeer hin zu nördlicheren Zielen stellen wir über alle unsere Reiseführer-Reihen so (noch) nicht fest“, fügt Brisch hinzu. Es seien eher einzelne Länder, die immer wieder sehr gefragt seien – wie vor einigen Jahren Island oder aktuell Norwegen.
„Coolcation? Ja, sicher erleben wir das“, meint wiederum Carl Rauch, Geschäftsführung Kompass Freytag & Berndt. „Unsere Karten und Wanderführer für Skandinavien funktionieren gut am Markt, auch die Straßenkarten von Island oder den Färöer-Inseln werden verlässlich gekauft.“
Skeptisch zeigt sich Sven Schikarsky, Geschäftsführer und Produktchef des Reiseanbieters Dertour: Die nordischen Länder seien im Sommer beliebte Reiseziele, sagte er der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). „Es ist aber nicht so, dass sie den warmen Badedestinationen den Rang ablaufen, und Reisende ihren Sommerurlaub im großen Stil in kühlere Regionen verlagern.“ Urlaub in nordischen Ländern sei ein ergänzendes Angebot und werde den Badeurlaub im Süden auch bei hohen Temperaturen nicht ersetzen.
Cooler Urlaub
Viele „Coolcation Destinations“ reagierten mit passenden Marketingaktionen, heißt es auf merian.de. Die Internetseite veröffentlichte gerade „Sieben Tipps für kühle Reiseziele“. So stehen statt Sightseeing und Sonnenbaden zunehmend Unternehmungen wie River Floating und Wildschwimmen auf dem Programm.
Vielleicht hat aber auch das schöne Wort „Sommerfrische“ noch eine Chance. Der Begriff ist mehrere Jahrhunderte alt. Im Grimmschen Wörterbuch war die Sommerfrische als „erholungsaufenthalt der städter auf dem lande zur sommerzeit“ definiert. Joachim Ringelnatz hat ihr 1933 ein locker-leichtes Gedicht gewidmet: „Zupf Dir ein Wölkchen aus dem Wolkenweiß“, heißt es darin. Das klingt nicht gerade nach Aktiv- und Erlebnisurlaub. Eher nach Achtsamkeit und Landlust.
Nach Angaben der Gesellschaft für deutsche Sprache finden sich die Ursprünge des Wortes in Italien: Der refrigerio oder die refrigerazione war die Erfrischung im Schatten. In Venedig ging man nicht spazieren, sondern „nahm Kühlung“. In Bozen war der Begriff bereits im 17. Jahrhundert bekannt; in der „summerfrist“ wanderten die Menschen aus dem heißen Tal in die kühleren Wohnungen im Gebirge. Manche Quellen berichten laut der Zeitschrift „Sprachdienst“ auch, dass Sommerfrische eigentlich ein Hirtenwort für die Weidezeit auf der Alm war.
Die Sommerfrische war zunächst wohl etwas für Adel, Industrielle, Künstler und Intellektuelle wie die Familie des deutschen Kaisers, Lion Feuchtwanger oder Thomas Mann. Für die meisten Menschen aber war der Sommer das Gegenteil von Urlaub: Die Arbeit auf Feldern, in Gärten und Scheunen erreichte ihren Höhepunkt.
Bedeutung der Eisenbahn
Auch Urlaub in der heutigen Form war für viele Menschen ein Fremdwort. Das althochdeutsche Wort „urloub“ bedeutete schlicht „Erlaubnis“, sich verabschieden zu dürfen. In den Heldenepen des Mittelalters bittet der Ritter ergebenst um „Urlaub“, wenn er seine hoch stehende Dame verlassen wollte.
Erst mit dem bürgerlichen Zeitalter im 19. Jahrhundert bezieht sich der Begriff auf die vorübergehende, vom Dienstherrn genehmigte Befreiung von einer Anstellung. Seitdem machten Urlaub und Sommerfrische zusammen mit dem immer dichteren Eisenbahnnetz Karriere. Die Eisenbahnen erlaubten immer mehr Menschen eine bequeme Reise in die Feriengebiete – von Berlin, Hamburg und Lübeck an die Ostsee, von München in die Voralpen oder von Paris in die Normandie oder Bretagne.