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07.06.2026
Christian Neubauer (v.l.n.r.), Margit Bertling und Margit Keck, Initiatorin des Fünf-Seen-Schwimmens und Überlebende des Tsunamis 2004 in Thailand, mit Schwimmbojen in der Hand neben dem Plakat zur Veranstaltung auf dem Dampfersteg in Stegen am Ammersee.
Foto / Quelle: Jutta Simone Thiel/KNA

Schwimmen im See stärkt - und wirkt in den Alltag hinein

Offenes Wasser statt Bahnen: Ohne Zeitdruck lassen sich Natur und Körperbewusstsein neu erleben.

Stegen

Wer nach unten blickt, sieht vor allem eines: dunkle Tiefe. Anders als in einem Schwimmbecken, wo Kacheln und Bahnmarkierungen stets Orientierung geben, fehlen im offenen Wasser feste Bezugspunkte. „Deshalb ist es beim Schwimmen im See deutlich schwieriger, den Kurs zu halten und ein bestimmtes Ziel anzusteuern“, sagt Monika Keck.

Sie organisiert seit 2020 das Fünf-Seen-Schwimmen im Münchner Umland. Dabei durchqueren die Teilnehmenden die fünf Seen des Fünfseenlandes im bayerischen Voralpenland – Weßlinger See, Wörthsee, Pilsensee, Starnberger See, Ammersee – und legen Strecken zwischen 800 Metern und 2,8 Kilometern zurück.

Geschwommen wird mit Begleitung der Wasserwacht und der Feuerwehr Weßling, mit Schwimmbojen – und ohne Wettkampf. Während im Schwimmbad viele ihre Bahnen zählen oder auf die Uhr schauen und sich damit selbst Ziele stecken, fällt der Leistungsaspekt im See weg. Im Vordergrund stehen Körperwahrnehmung und Atmung – nicht Tempo oder der Vergleich mit anderen. „Ich fühle mich leicht im Wasser, und mein Kopf wird frei“, sagt Margit Bertling, die mehrfach teilgenommen hat. Das Schwimmen im See habe etwas Meditatives.

Zu ruhigerem Atem kraulen

Bertling hat sich über die Jahre gezielt weiterentwickelt. Um sich in der Gruppe sicherer zu bewegen, lernte sie das Kraulschwimmen. Diese Technik hat besondere Effekte auf den Körper: Beim Kraulen folgt auf eine kurze Einatmung eine längere Ausatmung. „Das wirkt direkt auf das Nervensystem“, erklärt Keck.

Durch diese Atemführung werde der Parasympathikus aktiviert – jener Teil des vegetativen Nervensystems, der für Ruhe und Regeneration zuständig ist. Viele empfinden den gleichmäßigen Rhythmus deshalb als entspannend. Er helfe, erklärt die gelernte Rettungsschwimmerin und Traumafachberaterin, den Atem insgesamt zu verlangsamen. Herzfrequenz und Blutdruck sinken, die Muskeln entspannen sich.

Darüber hinaus spielt auch die Umgebung eine Rolle. In der Forschung wird in diesem Zusammenhang vom „Blue-Space-Effekt“ gesprochen. Er beschreibt die beruhigende Wirkung von Wasserlandschaften wie Seen, Flüssen oder dem Meer auf die menschliche Psyche und das Wohlbefinden.

Bei Christian Neubauer stand am Anfang vor allem Unsicherheit. „Ich wollte schon lange im See schwimmen, habe mich aber nicht getraut“, sagt der Landsberger. Vor allem der fehlende Beckenrand, den man etwa beim Verrutschen der Schwimmbrille oder bei einem Krampf im Bein aufsuchen könne, habe ihn abgeschreckt.

Schwimmen in offenen Gewässern hat viele Vorteile.
Foto / Quelle: Harald Oppitz/KNA

Erst durch das gemeinsame Schwimmen in der Gruppe und die Anwesenheit der Wasserwacht habe er Vertrauen gefasst – in die Situation und in sich selbst. Dass er auf offener Strecke eine längere Distanz bewältigen konnte, habe ihm gezeigt, dass er sich auch andere sportliche Herausforderungen zutrauen könne. „Man merkt, dass man mehr kann, als man denkt“, sagt Neubauer.

Keck beschreibt diesen Effekt ebenfalls. Sie sei in sehr engen Grenzen erzogen worden, was möglich sei und was nicht. „Als ich das erste Mal über den Ammersee geschwommen bin, auf meiner Boje lag und bis zu den Bergen geschaut habe, hat das meinen Blick auf das Leben stark verändert“, sagt sie.

Im offenen Wasser werde die eigene Wahrnehmung weit. „Man spürt diese Größe, in der wir uns bewegen. Und man merkt, dass viele der Grenzen, die uns gesteckt werden oder die wir uns selbst setzen, eigentlich gar nicht existieren“, erklärt Keck. Diese Erfahrungen im See übertrügen sich auch auf den Alltag außerhalb des Wassers.

Eine weitere Dimension sieht Keck im Umgang mit belastenden Erfahrungen. Sie selbst hat den Tsunami 2004 in Thailand überlebt und eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickelt. Nachdem sie sich vor einer Flutwelle in Sicherheit habe bringen müssen, sei es ihr lange nicht möglich gewesen, ins Wasser zu gehen: „Schon das Rauschen des Überlaufbeckens im Hallenbad löste bei mir Panikattacken aus.“

Erinnerung an jene, die nicht mitschwimmen

Nach und nach habe sie sich dem Wasser wieder angenähert. Das Schwimmen habe ihr geholfen, die Angst zu überwinden und neue, positive Erfahrungen zu machen. „Ich habe die schrecklichen Bilder im Kopf nach und nach mit schönen Erinnerungen vom See überschrieben“, sagt sie.

Auch der Ursprung des Fünf-Seen-Schwimmens ist eng mit leidvollen Erfahrungen verbunden: Kecks Mutter wollte vor ihrem Tod noch einmal im See schwimmen – dazu kam es nicht mehr. Gemeinsam mit einem Cousin, der ebenfalls einen Angehörigen verloren hatte, schwamm Keck später im Gedenken an die Verstorbenen über den Ammersee. Vor dem Start stellten sie Kerzen am Ufer auf. Für einige Teilnehmende habe die Veranstaltung bis heute eine stille, erinnernde Dimension, berichtet die Initiatorin.

Margit Bertling und Christian Neubauer empfinden das gemeinsame Schwimmen über die Seen inzwischen als „Highlight des Jahres“. „Das Gefühl, wenn man nach gelungener Seequerung zum ersten Mal die Füße auf festen Boden setzt, ist unbeschreiblich“, sagt Bertling. „Man zehrt das ganze Jahr davon.“ Die Ruhe, die Kraft und das gewonnene Selbstvertrauen wirkten weit über den Moment hinaus.

KNA
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