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08.11.2026
Joachim Zweig, personalverantwortliche Führungskraft im Ruhestand, gibt sein Wissen ehrenamtlich im Fach Berufsorientierung an Schüler weiter.
Foto / Quelle: Diana Haß/KNA

Mit Lebenserfahrung zu mehr Chancen auf den Traumjob

Profis im Ruhestand helfen Schülerinnen und Schülern auf dem Weg ins Berufsleben.

Siegburg

Joachim Zweig schaut aufmerksam in den Klassenraum. 18 Schülerinnen und Schüler suchen nach Antworten auf die Frage „Worauf achtet ein Arbeitgeber während eines Assessment-Centers?“. Lehrerin Bärbel Ben Moulay notiert die Antworten auf der digitalen Tafel. „Was meint unser Experte dazu?“, fragt sie dann Zweig.

Der 67-Jährige – hinter dem gut 35 Jahre als personalverantwortliche Führungskraft in verschiedenen Bundesministerien liegen – nickt und geht an die Tafel. „Entscheidungen treffen“ umkreist er und wendet sich mit einer Erklärung aus seinem Erfahrungsschatz an die Klasse.

Seit vier Jahren unterstützt Zweig am Berufskolleg des Rhein-Sieg-Kreises im Fach Berufsorientierung. Jede Woche begleitet er als Experte zwei Stunden Unterricht. „Das bringt eine enorme Entlastung auf vielen Ebenen“, sagt Lehrerin Ben Moulay.

Rentner in der Klasse

In ihre Klasse gehen junge Menschen zwischen 16 und etwa 20 Jahren mit unterschiedlichen Hintergründen. Einige sind aus anderen Ländern geflohen, andere haben ihre Schullaufbahn abgebrochen. „Die Schülerinnen und Schüler kommen aus der Ukraine, Syrien, Afghanistan, Serbien, der Türkei, Albanien, Deutschland“, zählt die Lehrerin auf. Manche sprechen kaum Deutsch. Allen ist gemeinsam: Sie versuchen, auf dem zweiten Bildungsweg einen Hauptschulabschluss zu erlangen, um dann Fuß zu fassen in der Arbeitswelt oder weiter zur Schule zu gehen.

Zweig, der selbst drei Stieftöchter hat, beobachtet zunächst zu Beginn eines Schuljahrs, wie sich die einzelnen in der zusammengewürfelten Klasse verhalten. „Dann gebe ich der Lehrerin Rückmeldung und schildere meine Eindrücke“, sagt er. Wann immer es nötig ist, bringt er seine Erfahrungen und seinen Standpunkt ein. „Ich bin Beischiff“, lautet sein Selbstverständnis. Und: „Ich sage den Kindern knallhart die Wahrheit.“

Das kommt offenbar an. In der Gruppenarbeit an diesem Tag wendet sich immer wieder jemand an ihn. „Ein Vertrauensverhältnis ist wichtig“, sagt Zweig. Seinen Haupteinsatz hat er, wenn es darum geht, gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern Bewerbungen zu schreiben. Wenn sie zusammen vor dem PC sitzen, gehe es schon mal „ans Eingemachte“.

Lücken im Lebenslauf müssen erklärt werden. Sätze wie „Da war ich auf der Flucht“ oder „Da bin ich drogenmäßig abgesackt“ hört er immer wieder. Gemeinsam mit den jungen Leuten sucht Zweig nach individuellen Lösungen. „Man muss innerhalb kürzester Zeit versuchen, die Kinder zu verstehen“, beschreibt der Ehrenamtler seine Aufgabe.

Gefunden hat er die nach seiner Pensionierung über den Senior Expert Service (SES). Der bundesweit tätige Verein mit Sitz in Bonn ist die größte deutsche Entsendeorganisation für ehrenamtliche Fach- und Führungskräfte im Ruhestand. Viele Ruheständler gehen über den SES ins Ausland.

Seit Ende 2006 – also seit 20 Jahren – bietet der Verein auch ein Schulprogramm in Deutschland an. Schulen aller Formen können individuelle, altersgerechte und praxisbezogene Projekte unter der Leitung von ehrenamtlichen Profis im Ruhestand nutzen.

Bereits 4.500 Einsätze an Schulen

Schwerpunkte bilden die Förderung der Ausbildungsreife, die berufliche Orientierung und die Unterstützung der Integrationshilfe. Gefragt sind zum Beispiel Tipps zur Berufswahl und die Vorbereitung auf Bewerbungen, Übungen in den naturwissenschaftlichen Fächern, eine gezielte Sprach- und Leseförderung sowie die Stärkung der sozialen Integration.

„Auch unser Schulprogramm zeigt, wie wertvoll das Wissen der Generation Ruhestand ist. Ältere Menschen bringen ein Know-how mit, das nicht verloren gehen sollte“, sagt SES-Geschäftsführerin Marion Sodemann. „Die Schulen schätzen natürlich auch die Entlastung der Kollegien und die Tatsache, dass ihnen keinerlei Kosten entstehen“, ergänzt Helmut Müller, der das Schulprogramm leitet. Seit 2006 hat der SES bundesweit etwa 4.500 Einsätze an Schulen durchgeführt.

Ehrenamtler Zweig setzt auf die Zusammenarbeit mit den jungen Menschen: „Ich mache nicht viel. Die Arbeit machen die Schüler.“ Mohamed, der ein Praktikum im Krankenhaus anstrebt, sieht das anders. „Herr Zweig kann supergut erklären“, sagt er. „Ohne ihn wäre ich nicht auf die Idee mit dem Krankenhaus gekommen.“

KNA
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