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06.11.2026
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

Die Einsamkeit im Glauben wächst

Die Diaspora-Aktion des Bonifatiuswerkes wird am Sonntag eröffnet. Ein Interview mit Pfarrer Wolfgang Winkelmann und Matthias Micheel.

Von Andreas Wiedenhaus und Patrick Kleibold
Paderborn

Diaspora klingt nach weiter Ferne. Wo begegnet sie Ihnen im Erzbistum Paderborn?

Winkelmann: Sie liegt näher, als viele denken. Wir erleben diese Entwicklung seit Jahrzehnten. Klassische Diasporaregionen sind die heutigen Dekanate Siegen, Waldeck, Bielefeld-Lippe und Herford-Minden. Dazu kommen Stockkämpen, Bad Pyrmont und Schlangen. Dort bilden katholische Christen eine deutliche Minderheit. Aber inzwischen geht es um mehr als die konfessionelle Zugehörigkeit: Menschen erfahren auch in früher katholisch geprägten Gebieten, dass sie mit ihrem Glauben oft ziemlich allein dastehen. Und der ökumenische Aspekt ist uns sehr wichtig. Als Christen sind wir überhaupt zunehmend in einer Minderheit.

Micheel: Genau da wird Diaspora sehr persönlich. Mit wem kann ich über meinen Glauben sprechen? Wer geht mit mir zum Gottesdienst? Solche Fragen stellen sich längst nicht mehr nur in der klassischen Diaspora. Man kann unter vielen Menschen leben und sich mit dem, was einem wichtig ist, trotzdem ziemlich allein fühlen. Auch diese Erfahrung müssen wir im Blick haben.

Was kann das diözesane Bonifatiuswerk da konkret tun?

Winkelmann: Zunächst ganz handfest helfen. Laut Satzung stehen bei uns Baumaßnahmen im Mittelpunkt. Menschen brauchen einladende Orte, um zusammenzukommen und Glauben zu leben. Diasporagemeinden stellen ihren Bauantrag in der Regel über das Erzbistum. Wird das Projekt grundsätzlich genehmigt, übernehmen wir maximal ein Viertel des Eigenanteils, den die Gemeinde aufbringen muss. Unser Budget kommt dabei vor allem aus der jährlichen Kollekte im Erzbistum, im nächsten Jahr am 7. Februar.

Micheel: Und wir schauen gemeinsam hin: Was wird vor Ort gebraucht? Dazu stimmen wir uns eng mit dem Erzbistum ab. Aus jeder Diasporaregion gehört bewusst ein Verantwortlicher unserem Vorstand an. Die kennen ihre Gemeinden und deren Anliegen in der Regel genau.Die Diasporaaktion steht unter dem Leitwort „Glauben bezeugen – Hoffnung teilen“.

Reichen dafür Gebäude?

Winkelmann: Gebäude allein natürlich nicht. Sie sollen mit Leben gefüllt werden! Wir verstehen uns als ein Werk des Glaubens. Deshalb möchten wir auch missionarische und pastorale Projekte stärker fördern. Religiöse Bildung liegt uns besonders am Herzen.

Micheel: Da ist schon einiges gewachsen, etwa bei religiösen und kulturellen Veranstaltungen im Liborianum. Oder denken Sie an den Gottesdienst mit Erzbischof Bentz und 500 Grundschulkindern im Dortmunder Zoo zum Thema „Tiere der Bibel“. Solche Zugänge machen neugierig. Mit dem Büchlein „Wort Gottes für jeden Tag“, das wir jährlich herausgeben, erreichen wir sehr viele Menschen in ihrem Alltag. Künftig wollen wir auch mit der Theologischen Fakultät intensiver zusammenarbeiten.

Wie sprechen Sie die Menschen, die selbst noch ein Gemeindeleben kennen, konkret an, damit sie das Werk unterstützen?

Winkelmann: Indem wir Begegnungen ermöglichen. Unsere Projektreisen ins Partnerbistum Magdeburg und in diesem Jahr nach Berlin waren besondere Höhepunkte. Da erlebt man, wie andere ihren Glauben leben. Auch unsere Informationsveranstaltungen und Mitgliederversammlungen führten uns an geförderte Orte, etwa nach Bielefeld, Augustdorf oder Schlangen. Dieses Jahr sind wir bei Dechant Edgar Zoor in Bad Wildungen zu Gast.

Micheel: Wer Menschen und ihre Gemeinde kennenlernt, bekommt einen anderen Bezug zur Unterstützung. Zugleich verstehen heute viele aus eigener Erfahrung, was fehlt, wenn Gottesdienste seltener werden und das kirchliche Leben vor Ort zurückgeht. Da muss man nicht mehr lange erklären, warum Zusammenhalt wichtig ist. Und bei solchen Projektbesuchen geht es eben auch darum, für sich selbst etwas mitzunehmen.

Trotzdem feiern Sie den Diasporasonntag dieses Mal außerhalb der Diaspora?

Winkelmann: Ja, ganz bewusst. Am 15. November feiern wir erstmals eine zentrale Liturgie zum Diasporasonntag im Erzbistum, in der Wallfahrtsbasilika in Werl. Solidarität lebt davon, dass auch diejenigen mittragen, die selbst in einer anderen Situation sind. Da sind wir dem Wallfahrtsteam sehr dankbar.

Wie viele Mitglieder hat das diözesane Bonifatiuswerk?

Micheel: Rund 250, früher waren es fast doppelt so viele. Diesen Rückgang können wir nicht schönreden. Aber mit Aktionen wie den Projektfahrten machen wir auf uns aufmerksam und gewinnen auch neue Mitglieder. Die Zahl steigt dadurch wieder. Langsam, ja. Aber darüber freuen wir uns.

Und um Spenden bitten Sie auch?

Micheel: Natürlich. Wobei es nicht leicht ist, ausdrücklich für Glaubensprojekte zu werben. Umso wichtiger ist es, konkret zu zeigen, was die Unterstützung ermöglicht und wem sie zugutekommt. Deshalb sind die persönlichen Begegnungen für uns so wertvoll. Sie helfen, die Arbeit des Bonifatiuswerkes verständlich zu machen.

Nun verändert der Bistumsprozess vertraute Strukturen. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Winkelmann: Wir müssen jedenfalls aufmerksam bleiben und rechtzeitig reagieren. Es können weitere, ganz neue Diasporasituationen entstehen, bei denen eine Förderung zu prüfen wäre. Dafür brauchen wir passende Angebote und Programme.

Micheel: Die Ansprechpartner aus den heutigen Diasporadekanaten bleiben uns ja erhalten, wenn auch möglicherweise in anderen Funktionen. Darauf können wir aufbauen. Gleichzeitig wird sich die Diasporasituation verschärfen. Wir müssen deshalb im Vorstand und mit unseren Partnern besprechen, wo unsere Hilfe besonders gebraucht wird und welche Prioritäten wir setzen. Dabei hilft uns die Vernetzung: Wir brauchen die Rückmeldungen aus den Gemeinden, damit unsere Überlegungen nicht an dem vorbeigehen, was Menschen vor Ort tatsächlich beschäftigt und was sie für ihr Glaubensleben brauchen.

Was hilft jemandem, der ganz persönlich vereinzelt ist, vielleicht älter und nicht mehr mobil?

Micheel: Zunächst müssen wir diese Einsamkeit im Glauben überhaupt wahrnehmen. Sie kann schmerzen, gerade wenn jemand lange selbstverständlich in einer Gemeinde zu Hause war. Religiöse Bildungsveranstaltungen können das aufgreifen und Begegnungen ermöglichen. Allerdings lösen Veranstaltungen allein das Problem mangelnder Mobilität ja nicht. Entscheidend bleibt, dass Menschen ihren Glauben mit anderen teilen und Gemeinschaft erfahren.

Wie behalten Sie dabei die junge Generation im Blick?

Micheel: Zum Beispiel mit dem BDKJ. Nach der nächsten Sternsingeraktion planen wir am 23. Januar zum Dankgottesdienst mit Weihbischof König eine schöne Veranstaltung mit Willi Weitzel: „Wovon träumst du?“. Da knüpfen wir an dem an, was junge Menschen selbst bewegt. Solche Kooperationen finden wir ganz wunderbar.

Mehr Diaspora, weniger Mitglieder: Woher nehmen Sie trotzdem Zuversicht?

Winkelmann: Diese Spannung ist tatsächlich da: Unsere Arbeit wird wichtiger, während wir selbst vor denselben Herausforderungen stehen wie die Kirche insgesamt. Viele Mitglieder sind älter, jüngere zu gewinnen ist schwierig. Trotzdem sehe ich die Zukunft nicht schwarz. Die Begegnungen und Projekte zeigen doch, dass etwas möglich ist. Und wir erfahren große Unterstützung durch das Erzbistum und die Zentrale des Bonifatiuswerkes. Unserem Schirmherrn, Erzbischof Bentz, ist die Diaspora ein echtes Anliegen, wie schon vor ihm Erzbischof Becker. Auch das ermutigt uns, weiterzumachen und die Chancen zu nutzen, die sich jetzt neu auftun.

Zu den Personen

Wolfgang Winkelmann, Jahrgang 1949, ist Geistlicher Rat und Pfarrer im Ruhestand. Er war 29 Jahre Pfarrer von St. Michael in Siegen und leitete den Pastoralverbund Siegen-Mitte. Seit 2019 ist er Vorsitzender des Diözesan-Bonifatiuswerkes Paderborn.

Matthias Micheel, Jahrgang 1967, ist Theologe und Sozialarbeiter, Persönlicher Referent des Paderborner Erzbischofs. Seit 2019 ist er Diözesansekretär des Bonifatiuswerkes Paderborn. Zuvor leitete er den Bereich Missionarisch-diakonische Pastoral beim Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken. Text

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