Das „verrückte“ Sofa
Lust auf Umräumen / Was Wohnungen über ihre Bewohner verraten.
Das Sofa steht nicht mehr dort, wo es jahrelang gestanden hat. Das Bücherregal ist umgezogen, und auch der Sessel hat einen neuen Platz gefunden. Manchmal genügt ein freier Nachmittag, und das Wohnzimmer sieht plötzlich völlig anders aus.
Für Außenstehende wirkt das oft wie reine Lust auf Veränderung. Die Kölner Diplom-Psychologin, Wirtschaftspsychologin und Coachin Petra Jagow sieht darin in vielen Fällen mehr. „Wenn Menschen ihre Wohnung verändern, verändern sie oft auch ihren Blick auf das eigene Leben“, sagt sie. Wohnungen seien weit mehr als funktionale Orte. Sie spiegelten Bedürfnisse, Erinnerungen und Lebensphasen wider, oft auch unbewusst.
Die Wohnung als Ausdruck der Persönlichkeit
Wie Menschen wohnen, ist nach Jagows Erfahrung keineswegs zufällig. Das Kölner rheingold Institut beschreibt im Rahmen einer tiefenpsychologischen Wohn- und Trendstudie „So wohnt Deutschland“ vier zentrale Einrichtungstypen, die zeigen, welche Bedeutung Menschen ihren eigenen vier Wänden geben.
Da sind die „funktionalen Pragmatiker“: Ihre Wohnung erfüllt vor allem einen Zweck. Möbel werden genutzt, bis sie ihren Dienst versagen; Dekoration spielt kaum eine Rolle. Ganz anders die „anspruchsvollen Performer“. Für sie ist die Einrichtung auch Ausdruck des eigenen Lebensstils. Design, Qualität und Ästhetik gehören zur persönlichen Visitenkarte.
Die „intuitiven Sammler“ wiederum umgeben sich mit Erinnerungen. Familienfotos, Mitbringsel aus dem Urlaub oder Möbelstücke erzählen Geschichten aus dem eigenen Leben. Perfekte Harmonie ist weniger wichtig als die emotionale Bedeutung. Eine vierte Gruppe beschreibt die „stilbewussten Optimierer“. Sie verändern ihre Wohnung regelmäßig, tauschen Farben, Dekoration oder Möbel aus und genießen es, ihrem Zuhause immer wieder ein neues Gesicht zu geben.
Wenn Möbel neue Perspektiven schaffen
Dass Menschen Schränke verrücken oder Betten umstellen, hat aus psychologischer Sicht häufig mit dem Wunsch nach Selbstwirksamkeit zu tun. Wer erlebt, dass sich im Beruf, in der Familie oder durch gesellschaftliche Krisen vieles der eigenen Kontrolle entzieht, sucht oft nach Bereichen, die sich gestalten lassen.
„Ich kann vielleicht nicht die Welt verändern“, so formuliert es Jagow: „Aber ich kann mein Wohnzimmer verändern.“ Schon kleine Umgestaltungen könnten das Gefühl stärken, wieder selbst handeln zu können. Gleichzeitig entstehe durch eine neue Anordnung oft auch ein anderer Blick auf den Raum – und manchmal auf das eigene Leben.
Nicht jede Wohnung müsse möglichst aufgeräumt oder minimalistisch sein, betont die Expertin. Für manche Menschen seien Erinnerungsstücke ein wichtiger Teil ihrer Identität. Ein geerbter Schrank, Fotos der eigenen Kinder oder ein alter Sessel könnten Lebensgeschichten erzählen und Geborgenheit vermitteln. Problematisch werde es erst, wenn Menschen ausschließlich an vergangenen Lebensphasen festhielten.
Als Beispiel nennt die Psychologin Eltern, die das Kinderzimmer noch Jahre nach dem Auszug ihrer Kinder unverändert lassen. Dahinter könne der Wunsch stehen, eine vergangene Zeit festzuhalten, statt sich auf den neuen Lebensabschnitt einzulassen.
Zwischen Minimalismus und Sammelleidenschaft
Gleichzeitig warnt die Expertin vor einfachen Antworten. Der Trend zum Minimalismus sei für manche Menschen befreiend. Daraus lasse sich jedoch keine allgemeine Lebensregel ableiten. „Ich werde nicht automatisch glücklicher, nur weil meine Wohnung fast leer ist“, sagt Jagow. Ebenso wenig bedeute eine Wohnung voller Erinnerungsstücke zwangsläufig Chaos. Entscheidend sei, ob die Einrichtung zum eigenen Leben passe und das Wohlbefinden unterstütze.
Vielleicht verrät eine Wohnung am Ende oft weniger über den Kontostand als über die Persönlichkeit ihrer Bewohner. Ob Designklassiker, geerbter Küchenschrank oder sechs unterschiedliche Stühle am Esstisch: Oft erzählt jeder Gegenstand eine Geschichte. Und manchmal genügt schon ein verrücktes Sofa, um deutlich zu machen, dass sich nicht nur ein Raum verändert hat. Sondern auch der Mensch, der darin lebt.