Portrait Generalsekretär Monsignore Georg Austen Foto: Hartmut Salzmann
Foto / Quelle: Bonifatiuswerk

Kirche ist mehr als ein kurzlebiger Trendsetter

Interview zur Diaspora-Aktion 2026 mit Monsignore Georg Austen, dem Generalsekretär des Bonifatiuswerkes.

Hoffnung ist mehr als Optimismus: Hoffnung zeigt sich dort, wo Menschen einander nicht aufgeben und auch in schwierigen Lebenssituationen fü reinander da sind. Doch wie kann christlicher Glaube in einer Gesellschaft Orientierung geben, in der traditionelle Bindungen schwinden und viele Menschen weltweit in Verunsicherung leben? Zur 60. Diaspora-Aktion spricht Monsignore Georg Austen, Generalsekretä r des Bonifatiuswerkes, ü ber die Kraft christlicher Hoffnung, die Herausforderungen einer Kirche im Wandel und darü ber, warum Gemeinschaft gerade in Zeiten zunehmender Individualisierung unverzichtbar bleibt. Die Fragen stellte Hartmut Salzmann.

Monsignore Austen, die diesjährige Diaspora-Aktion steht unter dem Leitwort „Glauben bezeugen – Hoffnung teilen“. Was bedeutet Hoffnung in einer Zeit, in der viele Menschen Zukunftsängste haben und Institutionen an Vertrauen verlieren?

Hoffnung ist nicht dasselbe wie Optimismus. Und Hoffnung ist fü r mich nicht die Behauptung, dass alles gut wird. Wer Menschen angesichts unsicherer Zukunftsperspektiven nur sagt, sie mü ssten optimistisch bleiben, wird ihren Sorgen und berechtigten Fragen nicht gerecht. Hoffnung beginnt damit, dass wir die Realitä t mit ihren Schwierigkeiten aufmerksam wahrnehmen, Menschen zuhö ren und gemeinsam nach Lö sungswegen suchen. Christliche Hoffnung geht indes noch einen Schritt weiter: Sie vertraut darauf, dass menschliches Leben nicht auf das begrenzt ist, was wir selbst erreichen oder kontrollieren kö nnen. Meine Hoffnung hat einen Grund: Ich glaube, dass Gott da ist, dass er uns und die Welt nicht aufgibt. Dies ist doch eine gute Ausrü stung auch fü r unsere unsicheren Zeiten. Hoffnung ist Auftrag und Abenteuer zugleich. Hoffnung ist verwurzelt im Vertrauen auf Gott und wird konkret, wenn Menschen einander nicht aufgeben. Sie zeigt sich in der Begleitung von Kranken und Trauernden, im Einsatz fü r Benachteiligte und in der Bereitschaft, Verantwortung fü r andere zu ü bernehmen.

Da passt es, dass das Bonifatiuswerk in diesem Jahr unter anderem die Hospiz- und Trauerarbeit der Malteser in Berlin als Beispielprojekt vorstellt. Was hat christliche Hoffnung Menschen zu sagen, wenn es scheinbar keine Hoffnung gibt?

Hoffnung bedeutet nicht, dass am Ende alles gut wird oder dass sich jedes Problem lö sen lä sst. Gerade angesichts von Krankheit, Sterben und Trauer wä re das zu einfach. Christliche Hoffnung bedeutet vielmehr, Menschen auch dann nicht allein zu lassen, wenn sich ihre Situation nicht mehr ä ndern lä sst. Manchmal besteht Hilfe darin, da zu sein, zuzuhö ren und gemeinsam auszuhalten, was schwer ist. In solchen Begegnungen wird deutlich, wie viel es bedeutet, wenn Menschen einander tragen und im Gebet vereint sind. Wie wichtig das ist, zeigt unser diesjä hriges Beispiel-Fö rderprojekt, fü r das wir um Spenden bitten: die Hospiz- und Trauerarbeit der Malteser in Berlin. Die Hilfsorganisation hat sehr innovative und ansprechende Formate entwickelt – von „Trauer und Klö ße“, ein Kochtreff fü r junge Erwachsene in Trauer, bis hin zu „Tango bewegt die Seele“, wo Trauende zum Tanzen zusammenkommen.

Die 60. Diaspora-Aktion wird in Fulda eröffnet – der Ort, an dem der heilige Bonifatius begraben ist. Was bedeutet diese Verbindung für das Bonifatiuswerk heute?

Fulda erinnert uns an die Wurzeln unseres Auftrags. Der heilige Bonifatius hat sich fü r die Verbreitung und Vertiefung des christlichen Glaubens in weltkirchlichen Beziehungen eingesetzt. Heute leben wir in anderen gesellschaftlichen und kirchlichen Kontexten. Aber die Frage, wie Menschen mit dem Evangelium in Berü hrung kommen, wie Gemeinden lebendig bleiben und wie Christinnen und Christen ihren Auftrag erfü llen, ist heute so aktuell wie zu Bonifatius‘ Lebzeiten. Dass wir die 60. Diaspora-Aktion am Grab des heiligen Bonifatius erö ffnen, verbindet unsere Geschichte mit dem Auftrag fü r die Gegenwart. Es geht nicht darum, Vergangenes einfach fortzuschreiben. Das Ziel ist, die Welt heute auf Grundlage unserer wertvollen Tradition im christlichen Geist zu gestalten.

Wenn Sie auf sechs Jahrzehnte Diaspora-Aktion schauen: Was hat sich über die Zeit verändert?

Die Lebenswirklichkeiten der Menschen und die Bedingungen, unter denen Gemeinden ihren Glauben leben, haben sich verä ndert. Die Diaspora ist kein uniformer Raum: In Nord- und Ostdeutschland, Nordeuropa und im Baltikum begegnen uns sehr unterschiedliche Herausforderungen. Katholikinnen und Katholiken leben ihren Glauben in einem Umfeld, in dem religiö se Ü berzeugungen kaum geteilt werden und christliche Traditionen fü r viele an Bedeutung verlieren. Dies gilt auch fü r die wertvolle ö kumenische Zusammenarbeit. Besonders in Nordeuropa und im lä ndlichen Raum liegen Gemeinden weit auseinander. Priester und pastorale Mitarbeitende mü ssen große Gebiete seelsorgerisch begleiten. Unverä ndert wichtig bleibt aber die Solidaritä t. Christinnen und Christen sollen wissen, dass sie nicht allein sind, nur weil sie vor Ort eine kleine Gemeinschaft bilden. Das Bonifatiuswerk unterstü tzt deshalb nicht nur den Erhalt von Glaubensorten, sondern auch missionarische Projekte, die Gemeinschaft ermö glichen und den Glauben im Alltag erfahrbar machen, sowie karitative Projekte, die Menschen in Not helfen. 60 Jahre Diaspora-Aktion sind fü r uns Anlass, auf das Erreichte dankbar zurü ckzublicken – und zugleich zu fragen, wo unsere Unterstü tzung heute besonders gebraucht wird.

Ein gutes Stichwort: Viele Menschen fühlen sich der Kirche nicht mehr verbunden. Wie sollten Kirchenverantwortliche darauf reagieren?

Wir dü rfen Menschen nicht vorschnell einordnen oder ihren Kirchenaustritt als Ablehnung des Glaubens verstehen. Hinter einer solchen Entscheidung kö nnen sehr unterschiedliche Erfahrungen, Enttä uschungen und Ü berzeugungen stehen. Dies gilt es zuerst zu respektieren. Der verzagte Blick nur auf Austrittsstatistiken bringt die Kirche nicht weiter. Wir mü ssen zuhö ren, auch Kritik aushalten und uns fragen, wo wir selbst Menschen enttä uscht haben. Wir sollten auch respektieren, wenn Menschen sich gegen den Glauben an Gott entscheiden. Gleichzeitig sollten wir nicht ü bersehen, dass viele Menschen nach Sinn, Orientierung und Gemeinschaft suchen. Die entscheidende Frage ist, ob wir ihnen glaubwü rdig begegnen und zeigen, was der christliche Glaube fü r ihr Leben bedeuten kann. Und dieser Glaube hat viel zu bieten. Wir mü ssen die Aufarbeitung der Missbrauchsfä lle weiter angehen, Vertrauen in die Kirche zurü ckgewinnen und die Menschen mit der Botschaft des Evangeliums existenziell erreichen. Das Bonifatiuswerk hat ü brigens die Arbeitshilfe „drinnen. draußen. (n)irgendwo.“ zum Thema Kirchenmitgliedschaft herausgegeben, die sich an Mitarbeitende in der Pastoral richtet. Auch bieten wir dazu regelmä ßig digitale Studientage sowie Veranstaltungen in Prä senz an.

In Nordeuropa und im Baltikum haben wir es vielerorts mit sehr vitalen Gemeinden zu tun. In Skandinavien wächst die katholische Kirche. Ist die Diaspora der Kirche in Deutschland einen Schritt voraus?

Ich wü rde nicht von einem Vorsprung sprechen. Die Situationen sind unterschiedlich. Das Wachstum der Kirche in Nordeuropa geht zu einem Gutteil auf die Einwanderung von Katholikinnen und Katholiken zurü ck, was den Gemeinden eine große Integrationsleistung abfordert. Aber die Erfahrungen der Diaspora kö nnen unseren Blick verä ndern. Wo Christinnen und Christen eine Minderheit bilden, wird oft besonders deutlich, dass Glaube nicht selbstverstä ndlich ist. Gemeinschaft muss erlebbar sein und Kirche als ein Ort erfahrbar werden, an dem Menschen willkommen sind. Davon kö nnen wir auch in Deutschland lernen. In sä kularen Gesellschaften sind wir mit der großen Herausforderung konfrontiert, den Glauben mit gesundem Selbstbewusstsein zu bezeugen. Wir leben den Glauben in Beziehungen zu Gott und den Menschen. Je kleiner die Kirche ist, desto profilierter muss sie sein. Das sollte bei allen Transformationsprozessen im Blick sein.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Individualisierung großgeschrieben wird. Jeder soll seinen eigenen Weg finden, seine Möglichkeiten ausschöpfen und für sein Leben selbst verantwortlich sein. Wird dabei das Bedürfnis nach Gemeinschaft unterschätzt?

Ich glaube, dass wir die Spannung zwischen persö nlicher Freiheit, werteorientierter Bindung und gemeinschaftlicher Verantwortung neu in den Blick nehmen mü ssen. Individualisierung bedeutet zunä chst etwas Positives: Menschen kö nnen ihren Lebensweg selbst gestalten und mü ssen nicht einfach vorgegebene Muster ü bernehmen. Schwierig wird es, wenn daraus die Erwartung entsteht, jeder mü sse mit allen Herausforderungen allein zurechtkommen. Dann wird aus Freiheit schnell Ü berforderung. Jeder Mensch ist von Gott gewollt und geliebt. Wenn man sich das bewusst macht, kann es entlasten – in einer Gesellschaft, in der viele unter dem Druck stehen, sich stä ndig beweisen zu mü ssen. Und der Glaube erinnert uns daran, dass wir nicht nur fü r uns selbst leben. Kirche ist mehr als ein kurzlebiger Trendsetter. Sie ist dazu berufen, nicht nur den Zeitgeist zu prä gen, sondern Menschen aus der Kraft des Evangeliums nachhaltig zu verä ndern. Sie steht fü r Gemeinschaft, Spiritualitä t, Orientierung und die Zusage, dass jeder Mensch eine unverlierbare Würde besitzt.

Hintergrund Diaspora-Aktion

Seit 60 Jahren macht das Bonifatiuswerk mit seiner bundesweiten Diaspora-Aktion auf die besondere Situation katholischer Christinnen und Christen aufmerksam, die ihren Glauben als Minderheit leben. In vielen Regionen Nord- und Ostdeutschlands, Nordeuropas und des Baltikums gehören Katholiken nur einem kleinen Teil der Bevölkerung an. Die Gemeinden sind häufig weit verstreut, die Wege zu Gottesdiensten und kirchlichen Angeboten lang. Zugleich entstehen dort lebendige Orte des Glaubens, der Begegnung und der gelebten Nächstenliebe.  Die bundesweite Diaspora-Aktion wird am Sonntag, 8. November 2026, mit einem Gottesdienst im Dom St. Salvator in Fulda eröffnet. Ihren Höhepunkt findet sie am Diaspora-Sonntag, 15. November 2026. An diesem Tag sammeln katholische Gemeinden in ganz Deutschland für die Arbeit des Bonifatiuswerkes. Mit den Spenden unterstützt das Hilfswerk unter anderem den Bau und Erhalt kirchlicher Begegnungsorte, die Kinder- und Jugendpastoral, soziale und missionarische Projekte sowie die Mobilität von Gemeinden in den Diaspora-Regionen. So hilft die Aktion, dass Kirche auch dort lebendig bleibt, wo Christinnen und Christen weit voneinander entfernt leben.

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