Fronleichnam zwischen Hochhaussiedlung und Kirchturm
Unzählige Kulturen und Religionen: Bei vielen Menschen gilt der Bonner Stadtteil Tannenbusch als Problemviertel.
Der Bonner Stadtteil Tannenbusch ist verschrien als Problemviertel. Viel Armut, viele Migranten, viel Kriminalität – so die Fremdzuschreibungen. Wer aber am christlichen Feiertag Fronleichnam durch die Straßen von Tannenbusch geht, der trifft auf die Prozession der katholischen Gemeinde Thomas Morus, die friedlich und vor allem mit multikulturellen Teilnehmern quer durch die Hochhaussiedlungen zieht. Ein Bild, das laut Pfarrvikar Werner Kauth das echte Leben vor Ort widerspiegelt.
Die Prozession aller Tannenbuscher Gemeinden gibt es laut Kauth seit ungefähr drei Jahren. In einem Stadtteil, in dem große Teile der Bevölkerung nicht katholisch oder gar nicht christlich sind, sei das etwas Besonderes. Viele Anwohner wüssten gar nicht, was es mit dieser Tradition auf sich habe. „Das wollen wir auffangen und haben in den vergangenen Jahren Infos in verschiedenen Sprachen drucken lassen“, erklärt Kauth.
Manchmal gebe es zwar noch überraschte Blicke. „Aber Ablehnung gibt es nicht. Höchstens wenn mal ein Autofahrer hupt, der unseretwegen warten muss.“
Nicht nur in der freundlichen Annahme der Prozession zeige sich, dass verschiedene Religionen in Tannenbusch gut miteinander existieren können. „Vor Heiligabend verteilen wir an öffentlichen Plätzen zum Beispiel Weihnachtslichter und wünschen schöne Weihnachtstage. Das wird gut angenommen.“
Eine weitere Aktion sei „Ashes to Go“ an Aschermittwoch. „Da laden wir Leute draußen dazu ein, sich das Aschekreuz auf die Stirn zeichnen zu lassen, als Zeichen, über sein Leben nachzudenken. Das nehmen auch immer wieder Menschen an, die nicht christlich sind.“ Gleiches gelte für den Segen der Sternsinger, ökumenische Sozialangebote oder gemeinsame Friedensgebete mit Vertretern verschiedener Religionen. „Das ist hier ein Miteinander, kein Gegeneinander“, sagt Kauth.
Nicht nur der Stadtteil an sich, sondern auch die Mitglieder der Gemeinden seien zudem sehr international. In den christlichen Kirchen und dem Umfeld lebten und glaubten Menschen aus rund 150 Nationen miteinander. „Wir haben auch sehr viele fremdsprachliche Gemeinden zu Gast, etwa die chaldäische Gemeinde, deren Diakon am Ort unser Hausmeister ist.“
Das Umfeld der Prozession in Tannenbusch bleibe bei aller Verständigung ungewöhnlich. „Aber ich finde es schön, Christ zu sein, in diesem urbanen und multikulturellen Umfeld.“ Natürlich könne die Vermittlung der Veranstaltung manchmal herausfordernd sein. „Aber ich sehe das nicht einschüchternd, sondern interessant, wenn man hier als Prozession durch die Hochhaussiedlungen zieht. Denn auch da ist Christus für uns gegenwärtig, nicht nur in gutbürgerlichen Ecken.“
KNA