„Es gab fast alle Formen von Gewalterfahrung“
Dr. Barbara Vosberg und Prof. Andreas Henkelmann haben eine historische Studie über die Jahre von 1970 bis 1990 veröffentlicht.
Das Ergebnis scheint eindeutig zu sein – auf den ersten Blick. Zwar hat es im Dortmunder Vincenzheim „fast jede Form von Gewalterfahrung“ gegeben. Dennoch möchte die Historikerin Dr. Barbara Vosberg nicht in einem Täter-Opfer-Schema denken. Denn die Ergebnisse der historischen Studie, die sie jetzt mit Prof. Andreas Henkelmann vorstellte, sind wesentlich komplexer. Seit 2021 haben die Wissenschaftler Interviews geführt und Akten ausgewertet aus dem Zeitraum 1970 bis 1990. Ihr Ziel war es, zu zeigen, „was passiert ist“. Eine Rechtfertigung solle die Studie, die als Buch im Aschendorff-Verlag Münster erschienen ist, nicht sein.
Das Startjahr habe dabei „keine historische Bedeutung“, betonte Andreas Henkelmann. Vielmehr gab es aus den Jahren davor schlicht keine Akten mehr. Die Bedeutung von diesen Unterlagen war den Beteiligten damals nicht klar, oder sie wollten schlicht nicht, dass Fälle genau dokumentiert werden. Die Motivation lasse sich heute nicht mehr überprüfen. „Es gab Gerüchte, dass mit den Akten Osterfeuer im Garten gemacht wurden“, erklärte Dr. Vosberg bei der Präsentation kopfschüttelnd.
Schläge und Empathie
Fest steht: Sexuelle Gewalt, aber auch Schläge oder regelrechte Erpressung mit dem Taschengeld waren real. Auf der anderen Seite erzählten ehemalige Bewohnerinnen auch von Güte, Empathie und einem Nicht-Fallen-Gelassen-Werden. Selbst wer flüchtete, durfte wieder zurückkommen. Zudem dürfe nicht vergessen werden: Auch Ordensschwestern und Mitarbeiterinnen erlebten Gewalt. Sie und die Bewohnerinnen hatten eines gemeinsam: Niemand glaubte ihnen oder bot Hilfe an – auch das Jugendamt nicht. Neun ehemalige Bewohnerinnen interviewte Barbara Vosberg. Fünf von ihnen gaben an, um Hilfe gebeten zu haben. Passiert sei daraufhin nichts. Bei blauen Flecken sei auch gegenüber Ärzten die Erklärung „Sie ist vor eine Laterne gelaufen“ Standard gewesen.
Dr. Vosberg erlebt in ihren Gesprächen mit neun ehemaligen Bewohnerinnen – insgesamt waren es 1 942 in diesem Zeitraum – Menschen, die mit einer Ausnahme bereits vor ihrer Zeit im Vincenzheim Gewalt erlitten hatten. Eine Betroffene, die bei der Präsentation der Studie anwesend war, erzählte von regelrechten „Mädchengangs“, die Angst und Schrecken verbreiteten. Diese Gruppen terrorisierten auch das Personal. Laut Dr. Vosberg gingen Ordensschwestern deshalb immer zu zweit in Zimmer. Seit 1980 gab es im Heim eine Psychologin, der man zu Beginn nur einen Rat mitgab: „Dreh denen nie den Rücken zu.“
Ob und welche Strafen es für solche Auswüchse gab, ist heute nicht mehr nachvollziehbar. Strafbücher hätten geführt und Arrestzeiten dokumentiert werden müssen. Doch das sei nicht geschehen, betonen die beiden Historiker, die ihre Studie nach eigenen Angaben gerne 20 Jahre früher umgesetzt hätten. Denn heute leben viele damals Beteiligte nicht mehr, ihr Wissen ist verloren.
Reformen ab den 1960er Jahren
Ab den 1960er-Jahren setzten pädagogische Reformen ein. Aus den großen Schlafsälen wurden kleinere Zimmer, es gab Regeln zu Strafen und zum Taschengeld. Zudem änderte sich die Sicht der Gesellschaft auf Heimkinder allmählich. Sie galten nicht mehr als defizitär. Doch erst in den 1980er-Jahren kamen die Neuerungen tatsächlich im Alltag an.
Was bleibt, ist eine Dokumentation über einen höchst widersprüchlichen Ort. Gewalt, aber auch Solidarität gab es im Vincenzheim. Fest steht: Wer dies hautnah erlebt hat, den lassen die Erinnerungen nicht mehr los. Das hat Dr. Barbara Vosberg bei allen Interviews gehört. Deshalb wolle man die Erinnerung auch weiterhin wachhalten. Ein Mahnmal vor Ort ist im Gespräch.
Hintergrund
Das Vincenzheim in der Dortmunder Nordstadt nahe des Borsigplatzes gehört heute zur Katholischen Jugendhilfe gGmbH (KJD), nach eigenen Angaben der größte Jugendhilfeträger der Stadt. Die Vorsitzende des Aufsichtsrates der KJD, Ute Hanswille, ist die treibende Kraft hinter der Studie. Sie garantierte den beiden Forschern einen uneingeschränkten Zugang zu den Akten. Die Arbeit war ausdrücklich ergebnisoffen.