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25.08.2026
Tobias Kiene ist als Stadtkaplan im Pastoralen Raum Brilon sowie als Diözesanjungschützenpräses beim Bund der St. Sebastianus Schützenjugend (BdSJ) tätig.
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

Weit mehr als nur Folklore

Mit über 7 200 Mitgliedern ist der Paderborner Diözesanverband des Bundes der St. Sebastianus Schützenjugend (BdSJ) der größte katholische Jugendverband im Erzbistum. Diözesanjungschützenpräses Tobias Kiene erzählt, was den Jugendverband ausmacht und warum seine traditionelle und hierarchische Struktur so viele junge Menschen begeistert und das in einer Zeit, in der der Trend zur Individualisierung immer mehr zunimmt.

Von Patrick Kleibold

Wo sind die Jungschützen des BdSJ besonders stark vertreten? Man denkt da automatisch an das Sauerland …

Das ist nicht so. Als Jugendverband sind wir besonders stark in den katholischen Regionen nördlich des Sauerlands vertreten. Dies liegt daran, dass unsere Verbandsmitglieder dem Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften angehören. Im Sauerland sind die Schützenvereine anders organisiert, sodass wir dort keine nennenswerte Rolle einnehmen. Ein Großteil unserer 7 200 Mitglieder engagiert sich im ­Paderborner Umfeld, in Büren, rund um Werl bis hin zu Rheda-­Wiedenbrück und auch in Teilen des Kreises Höxter.

Was ist die Kernaufgabe des Diözesanverbandes?

Als Diözesanverband verstehen wir uns als der katholische Jugendverband für die Jungschützen im Erzbistum und sind Dienstleister für die Jungschützen vor Ort. Wir möchten das traditionelle Schützenbrauchtum mit moderner Jugend- und Bildungsarbeit verbinden. Als Interessensvertretung organisieren wir unter anderem den jährlichen Diözesanjungschützentag, führen Schießsport-­Wettbewerbe durch, fördern das traditionelle Fahnenschwenken als Teil der Brauchtumspflege und fördern demo­kratische Strukturen in den Vereinen. Gerade in der Bildungsarbeit und in der Präventionsarbeit liegen unsere Stärken. Alle Vereine, die Jugendarbeit machen, sind dazu verpflichtet, Schutzkonzepte zu entwickeln, da sehe ich uns als BdSJ als führend an. Und: Ich sehe das Schützenwesen als einen wichtigen Ort der Glaubensverkündigung.

Was zeichnet den Jugendverband aus?

Dass wir versuchen, Gemeinschaft zu leben. Wir vermitteln, dass es gut ist, nicht allein unterwegs zu sein und dass wir gemeinsame Ziele haben. Als große Überschrift steht bei uns wie bei allen Schützenverbänden und -vereinen der Leitspruch „Glaube, Sitte, Heimat“, den wir immer wieder aufs Neue versuchen, in die Gegenwart zu übersetzen, denn jede Generation ist ein bisschen anders. Wir sind kein Museum, deshalb ist es eine wichtige Aufgabe, das Schützenwesen und seine Tradition zu leben, diese aber nicht erstarren zu lassen. Das Schützenwesen ist weit mehr als nur das Bier an der Theke auf dem Schützenfest.

Warum ziehen sich junge Menschen, die sonst Wert auf Individualität legen, eine Schützenuniform an?

Ich stelle mir mehr die Frage, ob der Großteil der Jugendlichen tatsächlich so ist und ob diese Form der Individualisierung noch so im Trend liegt, wie uns das suggeriert wird. Als Jugendverband erleben wir, dass bei vielen Jugendlichen der Wert der Gemeinschaft wieder mehr an Bedeutung gewinnt, gerade weil Individualität auf der einen Seite und das permanente Rumspielen mit dem Handy auf der anderen Seite stark zur Einsamkeit führen. Uns geht es darum, gemeinsam Freizeit zu gestalten. Die Schützenuniform spielt da eine Rolle, weil sie ein bisschen das Individuelle und das Vergleichen der Jugendlichen untereinander nimmt.

Das Schützenwesen stellt den Glauben nach vorne. Wie sieht es bei den Jugendlichen aus?

Unsere Jungschützen sind nicht anders als andere junge Leute und viele von ihnen sind auch glaubensfern. Doch bei Gruppenleiterkursen und Gottesdiensten nehme ich sehr wohl wahr, dass viele Jugendliche offen für unseren Glauben sind. Wichtig beim Thema Glaube ist es, sich bewusst zu machen, auf welchem Wertefundament wir stehen. Das ist auch ein Thema beim Punkt „Sitte“, aber es funktioniert nur, wenn ich mich auch in einem christlichen Koordinatensystem bewege.

Das Schützenwesen wirkt wie ein sehr starres Konstrukt und im Verband gibt es 7 200 junge Menschen, die vermutlich vor Ideen sprudeln und die Welt verändern wollen. Geht das zusammen?

Ich denke ja, denn als Jugendverband sind wir prinzipiell demokratisch geordnet. Auch wenn wir ein hierarchisches System haben, so kann sich jedes Mitglied in eine Funktion hineinwählen lassen. Bei uns gibt es keine Ämter, in die Mitglieder berufen oder reingeboren werden. Mit Blick auf den Diözesanvorstand entscheiden wir stets nach dem Mehrheitsprinzip und nehmen die Anliegen aller Mitglieder in unsere Diskussionen hinein.

Wieso unterwerfen sich junge Menschen einer militärischen Rangordnung?

In kleinen Dörfern ist der Schützenverein meistens der wichtigste und größte Dorfverein. Wer zur Gemeinschaft dazugehören will, geht zu den Schützen. Ich bin sicher, den Jugendlichen geht es primär darum, mit Freunden zusammen zu sein, als dass sie das Hierarchische und Militärische der Schützenvereine sehen oder zum Anlass nehmen, in den Verein einzutreten.

Wie sieht es mit Frauen im Verband aus?

Klar ist das ein Thema, das immer mehr Fahrt aufnimmt. Als Diözesanverband stehen wir dem offen und positiv gegenüber. Doch die Entscheidung bei diesem Thema liegt im Zuständigkeitsbereich der Ortsbruderschaften. Mir ist es wichtig, dass sich alle Bruderschaften diesem Thema stellen und darüber diskutieren. Es geht auch um die Frage, welches Frauenbild dahintersteht.

Hierarchische Systeme wie das Schützenwesen werden hin und wieder mit rechten Strömungen in Verbindung gebracht. Wie sieht es beim BdSJ aus?

20 Prozent der Menschen in NRW sind bereit, die AfD zu wählen. Rein statistisch tendieren dann auch ebenso viele unserer Mitglieder in diese Richtung. Da machen wir uns nichts vor. Als Verband ist es uns wichtig, uns nicht gegen etwas zu positionieren, sondern deutlich zu machen, wer wir sind, was wir wollen und was unsere Werte sind. Die basieren auf dem christlichen Glauben und auf dem christlichen Menschenbild. Die entscheidende Frage ist, wer ist mein Nächster und wie gehe ich mit ihm um? Mein Nächster ist auch der syrische Arzt, der mir begegnet, oder der türkische Mitbürger, der mir einen Döner verkauft, oder der ausländische Mitbruder, der jetzt Schütze geworden ist. Wir alle sind Teil einer Gemeinschaft und wir schließen in unserem Verband niemanden aus. Jeder ist willkommen!

Wie steht es dann um den Begriff Heimat?

Eine wichtige Frage: Wir leben in einer unübersichtlichen Welt, in der junge Menschen einen festen Ort der Orientierung suchen. Das Schützenwesen kann ein solcher Ort sein, doch es gibt viele weitere, die ganz unterschiedlich ausgestaltet sind. Ich bin überzeugt: Wir werden den Begriff Heimat neu denken müssen. Heimat heißt nicht nur, Geld zu sammeln für die Bushaltestelle in meinem Ort, sondern größer gedacht, dass wir alle in der einen Welt leben.

Hintergrund

Der Bund der St. Sebastianus Schützenjugend (BdSJ) im Erzbistum Paderborn wurde 1965 gegründet und 1974 in die Reihen der Mitgliedsverbände des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) aufgenommen. Mit über 7 200 Mitgliedern zählt der Verband zu den größten katholischen Jugendverbänden im Erzbistum und ist Träger der freien Jugendhilfe. Der Patron des Verbandes ist der Märtyrer Sebastianus, der mutig seinen Glauben bekannte und auf die Stimme seines Gewissens hörte. Er riskierte und verlor sein Leben, um anderen Schutz zu geben. Das Schützenmotto des BdSJ lautet „Für Glaube, Sitte und Heimat“.

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