Die Solidarität gibt uns viel Kraft
Seit mehr als vier Jahren lebt die Ukraine im Krieg. Auch die Mitarbeiter von Caritas-Spes sind täglich bedroht. Olena Voichyk erzählt, wie sie trotzdem anderen Menschen helfen, was ihnen Kraft gibt und warum Solidarität so wichtig ist.
Frau Voichyk, Sie leben in der Hauptstadt Kiew, wo es immer wieder schwere russische Luftangriffe gibt. Sie sind stellvertretende Direktorin von Caritas-Spes in der Ukraine. Wie erleben Sie den Kriegsalltag?
Die täglichen Angriffe belasten uns sehr, psychisch und körperlich. Dieser Sommer war besonders schlimm. Nach massiven Angriffen schlafen wir oft die ganze Nacht nicht. Fast jeder von uns hat in den vergangenen Monaten einen Angriff ganz in der Nähe erlebt. Wir haben Bekannte, die verletzt oder getötet wurden. Wenn alles ruhig ist, sieht es manchmal so aus, als gebe es keinen Krieg. Die Menschen gehen in Restaurants oder ins Kino, wir feiern Feste. Aber das geht nur bis zum nächsten Luftalarm. Jede Nacht ist wie russisches Roulette. Man weiß nicht, wen es diesmal trifft.
Wie kann die Caritas unter diesen Bedingungen überhaupt noch arbeiten?
Wir sind als Caritas-Mitarbeiter daran gewöhnt, anderen zu helfen. Viele Menschen haben ihre Häuser verloren oder mussten fliehen. Wir helfen ihnen beim Wiederaufbau oder bei der Arbeitssuche. Dabei vergessen wir manchmal unsere eigenen Kollegen. Auch bei der Caritas gibt es viele Binnenvertriebene. Lange haben wir in Kiew vor allem an unsere Kollegen in Charkiw oder Odessa gedacht, weil sie näher an der Front leben. An uns selbst haben wir kaum gedacht. Doch auch in Kiew ist die Situation sehr schlimm geworden. Die Luftalarme hören fast nicht auf und es gibt immer mehr Drohnen- und Raketenangriffe. Auch die Situation mit den Brücken in Kyjiw wird immer angespannter. Jetzt sind die Brücken, die das linke und rechte Ufer verbinden, nach Angriffen stark beschädigt. Für viele Mitarbeiter stellt das ein großes Problem dar, weil sich unser Büro am rechten Ufer befindet und viele Mitarbeiter am linken Ufer wohnen. Seit ein paar Tagen sind die Stromausfälle zu einer weiteren großen Herausforderung geworden, weshalb wir Generatoren einschalten müssen. Trotzdem verlieren wir unsere Hoffnung nicht und arbeiten mit Hingabe weiter.
Wie hat sich die Arbeit von Caritas-Spes seit Beginn des russischen Großangriffs verändert?
Auf eine Krise wie einen Krieg kann man sich nie vollständig vorbereiten. Eigentlich arbeiten wir seit 2014 unter Kriegsbedingungen. Wir hatten Notfallpläne. Aber im Februar 2022 funktionierte alles anders als auf dem Papier. Wir mussten Menschen evakuieren, unsere Zentren als Notunterkünfte vorbereiten, Transporte und Hilfsgüter organisieren und lokale Caritaszentren unterstützen. Gleichzeitig mussten wir selbst verstehen, was passiert und was wir tun sollen. Wir haben gelernt, dass eine gute Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt manchmal wichtiger ist als eine perfekte Entscheidung, die zu spät kommt. Die Menschen vor Ort wissen am besten, was gebraucht wird.
Welche Rolle spielen dabei die Kirchengemeinden und die ehrenamtlichen Helfer?
Caritas war schon vor dem Krieg in vielen Gemeinden präsent. Priester, lokale Caritasorganisationen und Freiwillige kennen die Menschen und ihre Bedürfnisse. Solche Beziehungen kann man in einer Krise nicht innerhalb von zwei Wochen aufbauen. Entweder sie existieren vorher oder sie fehlen, wenn man sie am dringendsten braucht. Das gilt auch für internationale Partnerschaften. Es macht einen großen Unterschied, ob man erst Verträge und Zuständigkeiten klären muss oder bereits Vertrauen vorhanden ist.
Welche Erfahrungen haben Sie mit der Unterstützung aus Deutschland gemacht?
Die ersten Partner, die 2022 sofort reagierten und sehr flexibel waren, waren gerade Gemeinden und kleinere Organisationen in Deutschland und Österreich. Auch der Caritasverband für das Erzbistum Paderborn gehörte dazu. Ich arbeite seit 25 Jahren bei Caritas-Spes und war mehrmals in Paderborn. Die langjährigen persönlichen Beziehungen haben uns sehr geholfen. Wir haben in den vergangenen vier Jahren große internationale Solidarität erlebt. Das gibt uns viel Kraft.
Ist diese Solidarität auch heute noch zu spüren?
Ja, aber die Unterstützung wird jedes Jahr geringer. Viele Menschen im Ausland sagen, sie seien müde vom Thema Krieg in der Ukraine. Andere Katastrophen rücken in den Mittelpunkt. Um unsere Situation wirklich zu verstehen, müsste man einmal in die Ukraine kommen. Wenn alles ruhig ist, sieht es aus, als gebe es keinen Krieg. Aber diese Normalität kann jederzeit vorbei sein.
Was erleben Sie bei Ihren Besuchen in Ihren Hilfsprojekten?
Erst kürzlich war ich zwei Tage lang in einem Zentrum für Kinder mit Behinderungen. Viele Mütter sagten mir: „Ihr könnt euch nicht vorstellen, was diese Unterstützung für uns bedeutet.“ Man hat diesen Kindern die Kindheit gestohlen. Darunter sind Kinder mit schweren Formen von Autismus oder mit Down-Syndrom. Wenn ich unsere Projekte besuche und mit den Menschen spreche, denen wir helfen, gibt mir das viel Kraft. Dann sehe ich, dass unsere Arbeit einen konkreten Unterschied macht.
Der Krieg dauert schon mehr als vier Jahre. Was gibt Ihnen persönlich die Kraft, immer weiterzumachen?
Natürlich gibt es Momente, in denen ich denke: Ich kann das nicht mehr ertragen. Ich schaffe das nicht mehr. Aber ich sehe Kollegen, die trotz allem weiterarbeiten, und Menschen, denen wir helfen konnten. Vielleicht entscheidet man nach mehr als vier Jahren nicht jeden Morgen neu, ob man weitermacht. Man macht einfach weiter, weil es Menschen gibt, für die unsere Arbeit wichtig ist. Meine beiden Kinder sind erwachsen. Trotz des Krieges planen sie ihr Leben. Meine Tochter hat im vergangenen Jahr geheiratet. Wenn ich sehe, dass junge Menschen ihre Zukunft planen, gibt mir das viel Kraft. Meine Kinder wollen die Ukraine nicht verlassen. Ich will die Ukraine nicht verlassen. Wir sind hier, weil wir wissen, dass die Ukraine eines der besten Länder der Welt ist und wir hier weiterleben wollen. Das Leben in Kyjiw ist schwierig. Aber manchmal brauche ich nur eine ruhige Nacht, und dann bin ich wieder voller Kraft. Trotz des Krieges versuche ich, nicht nur zu arbeiten, sondern auch zu leben. Das gibt mir Widerstandskraft.