Wo Glaube und Kultur vereint sind
1128 wurde die Benediktinerabtei Marienmünster gegründet. In ihrer wechselvollen Geschichte erlebte sie Blüte und Niedergang. Zahlreiche Ehrenamtliche sorgen dafür, dass diese Geschichte weitergeschrieben und wieder zur Blütezeit wird.
Dieser Klang erfüllt den gesamten Raum. Hans Hermann Jansen hat sich an einen Flügel gesetzt und lässt die Finger über die Tasten gleiten. Fülle und Klarheit sind beeindruckend – eine atemberaubende Akustik. Kaum vorstellbar, dass dieser Raum vor einigen Hundert Jahren eigentlich für eine ganz andere – durch und durch profane – Nutzung gebaut worden war.
Jansen klappt das Instrument zu: „Das hier war einmal eine Scheune, in der Getreide gelagert, vielleicht auch Tiere gehalten wurden.“ Seit fast 20 Jahren ist diese ehemalige Ackerscheune nun ein Konzertsaal. Die wechselvolle Geschichte des landwirtschaftlichen Gebäudes steht stellvertretend für die gesamte Klosteranlage: Nach der Gründung der Benediktinerabtei vor fast 900 Jahren erlebte sie – nicht zuletzt durch eine Reihe von Schenkungen – eine erste Blütezeit im 12. und 13. Jahrhundert.
Auflösung der Abtei in der Säkularisierung
Bis zum 16. Jahrhundert folgte ein Auf und Ab. Nach Zerstörungen im Dreißigjährigen Krieg von Kloster und Kirche wurde das ursprünglich als romanische Basilika errichtete Gotteshaus im barocken Stil in Form einer Hallenkirche wieder aufgebaut.
Ihr Ende fand die Abtei dann, als Kirche und Kloster 1803 im Zuge der Säkularisierung Eigentum des Preußischen Staates wurden. Die Kirche und der angrenzende nordöstliche Klosterflügel wurden der katholischen Kirchengemeinde überlassen, die ehemaligen Klostergüter verkaufte man im Laufe des 19. Jahrhunderts an eine evangelische und eine katholische Familie. Aus dem Anteil der Familie Derenthal entstand bereits 1817 die nach der Familie benannte Stiftung, die sich später dem Erhalt der Klosteranlage widmete. Auch andere Privateigentümer „mischten mit“ auf der Anlage.
Doch die landwirtschaftliche Nutzung wurde zusehends schwieriger, schließlich musste in den 1990er-Jahren der Wirtschaftshof zum Teil aufgegeben werden. Die drei großen denkmalgeschützten Scheunen dort verfielen. Sie drohten, zu einem „Lost Place“ zu werden. Doch es gab Menschen, die wussten, dass hier ein Schatz lag und welche Möglichkeiten er bot. Zu ihnen gehörte Jansen. Der Musiker, Pädagoge und Hochschullehrer kannte die Abtei zu diesem Zeitpunkt schon eine ganze Zeit und hatte 1993 zu den Gründern der Musikfreunde der Abtei Marienmünster gehört.
Um den „Notstand“ (Jansen) zu beenden, setzte man sich 1999 an einen Tisch – unter anderem mit Eigentümern, Vertretern der Politik, des Regierungspräsidiums und des Denkmalschutzes. Einig war man sich darin, dass eine Nutzung dem ursprünglichen Charakter der Abtei Rechnung tragen sollte. Ein „Ort der Gemeinschaft, Bildung und Kultur“ sollte entstehen. Gelder flossen, die Renovierung konnte beginnen. Im Jahr 2006 erfolgte die Gründung der Kulturstiftung Marienmünster durch die Derenthalsche Stiftung. Sie stellte der Kulturstiftung die Scheunen zur Verfügung. 2004 schon hatte man mit den Arbeiten an der Ackerscheune begonnen, dort sollte ein Konzertsaal entstehen. 2007 wurde diese „Elbphilharmonie in Klein“ schließlich eröffnet. Die beiden anderen Scheunen folgten 2010 und 2013.
Am Anfang: „Verrückte Ideen“
Heute findet darin kulturelles Leben in allen Facetten statt: Konzerte und Lesungen stehen regelmäßig auf dem gut gefüllten Veranstaltungskalender. Auch für private Feiern kann eine Scheune gebucht werden. Schließlich gibt es auch einen umfangreichen Kostenapparat. Als Kulturschaffender und Vertreter der Stiftung hat Jansen hier seinen ganz eigenen Blick: „Kunst und Kultur kosten natürlich Geld, aber sie haben – unabhängig vom eigentlichen Erlebnis – auch unzählige positive Effekte und Auswirkungen, die man nach materiellen Maßstäben nicht bemessen kann!“
„Und das alles entstand aus einer Idee, die man damals durchaus als verrückt bezeichnen konnte“, erinnert sich Jansen an die zurückliegenden Zeiten. Natürlich sei die Sanierungsphase von Arbeit und manchmal auch Stress geprägt gewesen: „Schließlich war viel Geld im Spiel.“ Letztlich aber habe man gut zusammengearbeitet und viel Solidarität und Unterstützung erfahren. Es seien allein rund 600 000 Stunden ehrenamtliche Arbeit geleistet worden.
„Das alles hier würde ohne ehrenamtliches bürgerschaftliches Engagement nicht funktionieren“, nennt Jansen einen der Grundpfeiler der Kulturstiftung. Nicht nur, wenn es darum gehe, etwa im 2014 eröffneten Klostergarten oder in der neu entstandenen Bibliothek zu arbeiten: „Ehrenamtler sind auch immer Ideengeber, bringen neue Sichtweisen ein, öffnen eine Gemeinschaft.“ Die Kulturstiftung sieht sich laut Jansen als „säkulare Erbin der Benediktiner“ – nicht nur mit Blick auf den Ort. Hans Hermann Jansen: „Zentral ist dabei das erste Wort der Benediktinischen Ordensregel: Höre!“ Und das meint der Musiker Jansen nicht nur mit Blick auf die von seiner Zunft vertretene Kunstform. Wer heute relevant sein wolle, müsse „hören“ – und das nicht nur innerhalb der eigenen „Blase“. So ist in Marienmünster eine Gemeinschaft entstanden, die ganz unterschiedliche Interessen und Ideen unter einem Dach vereint. Allen gemein ist das Ziel, das kulturelle Erbe dieses ganz besonderen Ortes zu retten und in die Zukunft zu führen.
Netzwerke, Partnerschaften, Kooperationen spielen aber nicht nur innerhalb der Kulturstiftung eine große Rolle: Wenige Meter abseits der ursprünglichen Klosteranlage steht das „FORUM Abtei“, das Besucherzentrum der „Klosterlandschaft Ostwestfalen-Lippe“, in der sich klösterliche Einrichtungen in OWL zusammengefunden haben. Unter anderem ist es dort möglich, auf einer auf den Boden projizierten Karte interaktiv Animationen und Informationsfilme über die verschiedenen Klöster abzurufen.
Klosterlandschaft Ostwestfalen-Lippe
Die Infos werden auf die Seitenwände übertragen und von dort wiedergegeben. 2009 gründete sich das Netzwerk „Klosterlandschaft“ – auch aus der Erkenntnis heraus, dass Konkurrenzdenken in diesem Zusammenhang vollkommen fehl am Platze ist. Auch im FORUM begegnet den Besuchern der heilige Benedikt; und das in einer besonders kunstvollen Form: Der Schriftkünstler Brody Neuenschwander kreierte den Kubus im Mittelpunkt des Gebäudes und trug auf dessen Seiten die Benediktsregel kunstvoll in Handarbeit auf.
Offenheit und Neugierde statt Angst und Ausgrenzung – das wünscht sich Jansen auch für den aktuellen Bistumsprozess: „Abschottung ist der Tod der Kultur, das Gleiche gilt auch für unseren Glauben.“ Oft sei zu hören, das stärke die Identität. Der Musiker ist vom Gegenteil überzeugt. Die Offenheit dem Fremden gegenüber sei nicht zuletzt „urchristliches“ Verhalten und Verpflichtung, fügt Jansen an und zitiert aus der Benediktsregel: „Alle Gäste, die kommen, sollen wie Christus aufgenommen werden.“
Auch wenn die Mönche die Abtei schon vor mehr als 220 Jahren verlassen mussten, prägt ihr Geist den Ort bis heute. Daran, dass das weiterhin so bleibt, hat die Kulturstiftung einen großen Anteil.
Hintergrund
Der öffentlich zugängliche Teil der Klosteranlage Marienmünster wird heute von drei Einrichtungen genutzt: Die kath. Kirchengemeinde Jakobus der Ältere unterhält die ehemalige Abteikirche als Pfarrkirche. Die ehemaligen Wirtschaftsgebäude wurden von der Kulturstiftung Marienmünster zu Räumlichkeiten für Veranstaltungen und Konzerte ausgebaut. Das FORUM Abtei Marienmünster dient u. a. als Besucher- und Informationszentrum für die Klosterlandschaft OWL. Ziel ist es, mit dieser neuen Nutzung den Erhalt der Gesamtanlage des Klosters langfristig sicherzustellen und dabei insbesondere seine baulichen und räumlichen Qualitäten, wie Geschlossenheit, Großzügigkeit und Ruhe, zu stärken.