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06.11.2026
Blick auf den Leocampus in Paderborn.
Foto / Quelle: Besim Mazhiqi / Erzbistum Paderborn

Gemeinsam leben und wachsen

Vor rund einem Jahr wurde der Leocampus gegrĂĽndet. Das Leitungstrio beschreibt das Zusammenleben und die ersten Erfahrungen mit come!.

Von Patrick Kleibold, Wolfgang Maas und Andreas Wiedenhaus
Paderborn

Für Yule Varelmann (20) ist alles noch ganz neu: Ende August ist sie im Leocampus eingezogen, ihr Theologiestudium an der Theologischen Fakultät hat gerade erst begonnen. Aber in einer Sache ist sie sich schon sicher: „Hier ist es cool, ich fühle mich total wohl!“ Über Social Media hatte die junge Frau aus Lingen nach ihrem Abitur vom „Christlichen Orientierungsjahr come!“ in Paderborn erfahren: „Ich war ziemlich schnell sicher, dass das richtig für mich ist! Denn es hat mich alles absolut angesprochen!“ Ihr Ziel? „Pastoralreferentin ist ein toller Beruf, das könnte ich mir für die Zukunft vorstellen.“

„Das Christliche Orientierungsjahr dient dazu, einen eigenen Weg zu finden“, erklärt Johannes Schäfers, der mit Michaela Welling und Pastor Stefan Kendzorra das Leitungsteam des Leopcampus bildet. „Klärungsrealität“ nennt das Leitungstrio diese Phase. Zentral sei die Frage: „Wozu möchte ich mein Leben einsetzen?“

Das Leitungsteam des Leocampus besteht aus Stefan Kendzorra (Mitte), Michaela Welling und Johannes Schäfers.
Foto / Quelle: Besim Mazhiqi / Erzbistum Paderborn

„Ganz grundsätzlich ist der Leocampus eine Realität, wo Menschen miteinander leben, die von drei unterschiedlichen Stellen zusammengebracht worden sind“, so Johannes Schäfers. Das sind das Priesterseminar, die Ausbildung von pastoralen Laienberufen und von der Berufungspastoral. „Hier leben Menschen, die Theologie und Angewandte Theologie studieren“, erklärt Schäfers, der Leiter der Diözesanstelle Berufungspastoral. Das gemeinsame Ziel sei es, einen pastoralen Beruf zu ergreifen.

Auf den ersten Blick könnte man den Leocampus mit einer Wohngemeinschaft oder einem Studierendenwohnheim vergleichen. Die Zimmer sind nicht groß, aber gemütlich und verfügen über eine eigene Nasszelle. Zu acht Zimmern gehört eine Gemeinschaftsküche, denn hier sollen die jungen Erwachsenen beziehungsweise die eventuell auch älteren Priesteramtskandidaten nicht nur übernachten. Sie sollen von Anfang an eine Gemeinschaft erleben. Wer wie Yule Varelmann aus einer fremden Stadt nach Paderborn zieht, kann so besser Anschluss finden.

Junge Menschen treffen hier Gleichgesinnte, die sie zu Hause oft nicht finden.
Foto / Quelle: Besim Mazhiqi / Erzbistum Paderborn

Zudem macht das Leitungstrio verschiedene spirituelle Angebote, die feste Termine in der Woche darstellen. Sind die Pflicht? Johannes Schäfers wiegt den Kopf. Von Pflicht wolle er nicht sprechen, denn „die Angebote sind sehr überzeugend“. Man wolle Qualität bieten und keinen Zwang ausüben. Gottesdienste und der Campus-Abend am Dienstag sollen allerdings regelmäßig besucht werden, betont Michaela Welling, Direktorin des Pauluskollegs und Ausbildungsleiterin der pastoralen Laienberufe. Zudem gebe es dreimal im Semester eine Hausversammlung, zu der sich alle Bewohnerinnen und Bewohner treffen und diskutieren. Diese ist verpflichtend.

Aktuell wohnen 36 Personen auf dem Leocampus. „Davon sind sieben im Christlichen Orientierunsgjahr und die anderen sind auf dem Weg in einen pastoralen Beruf“, sagt Schäfers. „Den Priesteramtskandidaten wollen wir nicht unterschlagen. Da hatten wir in diesem Jahr einige Neuaufnahmen. Wir sind jetzt acht Leute, die im Flur für die Priesteramtskandidaten wohnen“, ergänzt Pastor Stefan Kendzorra, Regens des Priesterseminars. Grundsätzlich stehe auch die Tür für Kandidaten aus anderen Bistümern offen.

„Wertschätzender Blick auf die anderen Professionen“ soll entstehen

Torben Rassenhövel ist einer der Priesteramtskandidaten. Der 31-Jährige hat nach einer kaufmännischen Ausbildung zuerst einige Jahre in seinem Beruf gearbeitet. „Dann habe ich ein Fernstudium an der KatHo aufgenommen.“ Daraus sei schließlich der Wunsch entstanden, Priester zu werden. Seit einem Jahr wohnt der gebürtige Lippstädter auf dem Leocampus. Auch er fühlt sich hier wohl, freut sich über die Gemeinschaft mit anderen – auch und gerade weil viele der Mitbewohnerinnen und Mitbewohner keine Priesteramtskandidaten sind: „Wir haben unterschiedliche Berufsziele, aber etwas Gemeinsames, was uns alle hierhergeführt hat.“ Allerdings, das fügt Torben Rassenhövel hinzu, sei die Verbindlichkeit unterschiedlich: „Während es für uns Priesteramtskandidaten ein recht umfangreiches Pflichtprogramm gibt, ist für die anderen im Haus das meiste freiwillig.“

Das Christliche Orientierungsjahr come! ist recht neu, vor einem Jahr wurde es gestartet. „Das kann man sich so vorstellen: Wir haben einen Flur, auf dem bis zu acht Personen leben können. Diese Menschen gehen ihren normalen Tätigkeiten im Alltag nach“, erklärt Schäfers. Das können JSJler in einer pastoralen Einrichtung oder beim Bonifatiuswerk, Bundesfreiwilligendienstleister oder Studierende sein. „In der anderen Zeit werden sie vom Team der diözesanischen Berufspastoral begleitet.“ Dabei geht es um Orientierung im Leben und darum, einen möglichen Weg in einen pastoralen Beruf gemeinsam zu finden. Dazu gehört unter anderem ein WG-Abend am Mittwoch.

Blicken aus unterschiedlichen Perspepktiven positiv auf den Leocampus: Yule Varelmann und Torben Rassenhövel.
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

Wichtig ist dem Leitungstrio die gemeinsame Ausbildung von Anfang an „an den Stellen, an denen das funktioniert“, betont Michaela Welling. „Dabei soll ein wertschätzender Blick auf die anderen Professionen entstehen. In der pastoralen Realität muss man zusammenarbeiten“, ergänzt Johannes Schäfers auch mit Blick auf die neuen Strukturen, die der Bistumsprozess schafft. Die gemeinsame Ausbildung soll helfen, dass jeder die professionellen Kompetenzen des anderen erkennt. Die Zusammenarbeit solle so nicht nur produktiver, sondern vor allem erfüllter werden. „Wir bilden die Menschen nicht für eine vergangene Realität von Kirche aus, sondern für eine zukünftige.“ Und dazu gehöre auch die Tatsche: „Alle Berufe verändern sich“, wie Michaela Welling betont.

Der Grundstein fĂĽr eine synodale Gestaltung der Kirche soll gelegt werden

Wo die Strukturen größer werden, sei Kompetenz in Sachen Kommunikation sowie Leitung zentral. „Der Gedanke von Synodalität wird in unserer Kirche eine größere Rolle spielen“, ist sich Johannes Schäfers sicher. Und wer vom Leocampus aus in die Berufswelt starte, werde sehr bald mit Leitungstätigkeiten zu tun bekommen. Wie man synodal Kirche gestalten kann, dafür wolle das Team den Grundstein legen. Auch die Seelsorgekompetenz werde wieder wichtiger.

Den Austausch mit anderen, die einen pastoralen Beruf anstreben, hat Torben Rassenhövel in seinem ersten Jahr im Leocampus schon sehr schätzen gelernt – nicht nur dort, wo Ausbildungsinhalte die jungen Leute zusammenführen: „Es ergeben sich im täglichen Zusammenleben viele Kontakte; man kann sich austauschen, Erfahrungen vergleichen, andere Perspektiven kennenlernen.“ Denn eines wüssten sicherlich alle, die sich heute auf einen pastoralen Beruf vorbereiten: „Alles wird sich verändern.“ Auf diese Dynamik müsse man vorbereitet sein.

Offene TĂĽren auf dem Leocampus.
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

Zum Zusammenleben gehöre selbstverständlich auch, anderer Meinung zu sein – in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen: „Manchmal geht es um eher grundsätzliche Fragen; es kann aber auch sein, dass man über die Musik im Gottesdienst uneins ist: Orgel oder Gitarre?“ Wichtig sei, ins Gespräch zu kommen, statt „im eigenen Saft zu schmoren“: „Gerade für uns Priesteramtskandidaten ist es wichtig, zu erfahren, wie andere auf uns schauen, etwa wenn es darum geht, ein Priesterbild zu entwickeln, das Zukunft hat.“

Dabei dürfe man eines nicht vergessen, betonen die Mitglieder des Leitungstrios: Wer das Christliche Orientierungsjahr absolviert, steht noch ganz am Anfang. „Einige von ihnen sind zum ersten Mal von zu Hause weggezogen“, so Welling. Deshalb wolle man einen Raum schaffen, in dem sich die eigene Persönlichkeit so entwickeln kann, dass Menschen „ihren eigenen spirituellen Standpunkt finden“, der für Sicherheit sorge.

Beim Christlichen Orientierungsjahr könne das auch bedeuten, dass sich Absolventinnen oder Absolventen nach diesem Jahr gegen einen pastoralen Beruf entscheiden. Auch diese Möglichkeit ist gegeben und gewollt. Niemand werde verurteilt, wenn der eigene Lebensweg in eine andere Richtung führt.

Im kommenden Jahr soll die alteLeo-Kirche umgestaltet werden

Um diesen „spirituellen Standpunkt“ zu finden, gebe es verschiedene Angebote. „Wir haben die ganze Bandbreite vom klassischen Stundengebet über die normale Messe bis hin zu den Popkantoren und Worship-Musik sowie dem kontemplativen Gebet. Wir knüpfen so an sehr alte christliche Traditionen an“, betont Regens Kendzorra. Zudem wolle man neue Formate entwickeln. „Wir werden zum Beispiel die alte Leo-Kirche im kommenden Jahr umgestalten, um diese Kirche zukunftsfähig zu machen.“ Der Raum solle multifunktional genutzt werden und in die Stadtgesellschaft ausstrahlen – etwa dadurch, dass dort aktuelle gesellschaftliche Themen aus theologischer Sicht behandelt werden. An diesem Prozess seien neben Professoren auch Studierende beteiligt.

Das bedeute allerdings auch, die Ideen der jungen Menschen mit in die Ausbildung einfließen zu lassen. Kreativität und experimentelle Idee seien gewünscht, damit die Kirche auch Menschen ansprechen kann, die sich von ihr abgewendet oder niemals eine Beziehung zu ihr hatten.

Vieles unter einem Dach: Die Schilder zeigen, was es auf dem weitläufigen Gelände alles gibt.
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

Yule Varelmann ist auf jeden Fall „dankbar für die Gemeinschaft“, die sie auf dem Leocampus erfährt: „Wenn irgendetwas unklar ist und ich eine Frage habe, ist immer jemand da, der mir weiterhelfen kann.“ Das habe ihr den Start in der neuen Stadt erheblich einfacher gemacht. Das gelte auch für das Studium an der Fakultät: „Wir sind eine überschaubare Zahl, deshalb lernt man sich schnell kennen.“

Für viele, die an „normalen“ Universitäten studierten, sei es sicherlich nicht normal, dass die Dozentinnen und Dozenten die Studierenden so schnell mit Namen kennen würden: „Eine Freundin hat gerade ein Lehramtsstudium begonnen und macht an ihrer Universität ganz andere Erfahrungen.“ Eingeengt fühle sie sich durch die speziellen Rahmenbedingungen an der Theologischen Fakultät und auf dem Leocampus nicht – im Gegenteil: „Ich freue mich über die vielen Angebote und Kontakte.“

Hintergrund

Das Christliche Orientierungsjahr come! startete im September 2025 mit sechs Teilnehmenden. Prinzipiell können die jungen Erwachsenen aus dem gesamten Bundesgebiet und auch aus dem Ausland kommen. Das gilt auch für Auszubildende in den pastoralen Laienberufen. Prinzipiell wäre es auch möglich, dass Ordensgemeinschaften Leute, die Theologie studieren, entsenden. Dass es auch nach dem ersten Jahr weitere Nachfragen nach Plätzen gibt, wertet das Leitungstrio als Erfolg.

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