Amerikas fromme Gründungslegende
Donald Trump nutzt den 250. Geburtstag der Vereinigten Staaten, um die Idee einer christlichen Nation zu verbreiten.
Wer die Handreichung des Weißen Hauses zum 250. Geburtstag der USA am 4. Juli mit dem Titel „Prayers and Proclamations“ aufschlägt, kann dort eine bemerkenswerte Geschichte lesen. Demnach errichteten die ersten Kolonisten bei ihrer Ankunft in Cape Henry im heutigen Virginia am 20. April 1607 ein hölzernes Kreuz und beteten. Mit diesem symbolischen Akt habe der fromme Pastor Robert Hunt das spätere Jamestown dem Herrn geweiht.
Die Landung in Cape Henry zeige, „wie sehr das Christentum, besonders der Protestantismus, das englische Kolonialunternehmen von Anfang an begleitet hat“, heißt es in der Schrift des Weißen Hauses. Das klingt nach einer frommen Episode bei der Inbesitznahme Amerikas durch europäische Siedler – die höchstwahrscheinlich nicht stimmt. Selbst die offiziellen Geschichtsschreiber des Weißen Hauses räumen ein paar Zeilen später ein, dass es sich um eine Spekulation handelt – bestenfalls. Es gebe „keine zeitgenössischen Belege, um die Authentizität zu bestätigen“.
Gebet im Schnee
Wie viele andere Mythen auf den folgenden Seiten sagt diese Anekdote mehr über ihre Verfasser aus als über die tatsächliche Gründungsgeschichte der USA. Ein weiteres Beispiel ist das Gemälde „Das Gebet bei Valley Forge“, das die Macher des nationalen Gebetstreffens „Rededicate 250“ im Mai prominent für ihre Veranstaltung einsetzten. Es zeigt George Washington, den späteren ersten Präsidenten, wie er im Schnee neben seinem Pferd kniet und für seine hungernden Truppen betet.
Das Bild entstand mehr als 100 Jahre nach der ersten Unterschrift unter die Unabhängigkeitserklärung am 4. Juli 1776. Sogar das fromme Bibelmuseum in Washington weist es als „imaginierten Moment des Gebets“ aus. Der Psychologe und Buchautor Warren Throckmorton verweist darauf, dass die Vorlage auf einer Washington-Biografie mit erwiesenen faktischen Fehlern beruht.
Das hinderte Verteidigungsminister Pete Hegseth, der einer radikalen evangelikalen Bewegung angehört, nicht daran, auf der National Mall die Legende wieder aufzuwärmen und an die US-Amerikaner zu appellieren, „auf gebeugten Knien ohne Unterlass zu beten“.
Das Gebet, das es nicht gab
In der Lesart der Geschichtsschreiber von Präsident Donald Trump steht auch die Verfassung unter göttlichem Segen, weil ein gemeinsames Gebet den Streit der Gründungsväter beendet habe. Tatsächlich schlug Benjamin Franklin den Delegierten 1787 vor, gemeinsam zu beten – doch die Versammlung lehnte ab. „Der Konvent hielt, mit Ausnahme von drei oder vier Personen, Gebete für unnötig“, schrieb Franklin später selbst. Der Streit über Sklaverei, Repräsentation und Steuern dauerte noch über Monate an.
Die Beispiele, wie die amtierende US-Regierung den 250. Jahrestag der Unabhängigkeit nutzt, um die Gründung der USA zu einer Art christlichem Heilsgeschehen zu verklären, ließen sich fortsetzen. Dabei lag den Verfassern der „Declaration of Independence“ nichts ferner als eine religiös dominierte Nation. Der Hauptautor Thomas Jefferson, später zum dritten Präsidenten der USA gewählt, war zwar ein gläubiger Mann, bestand aber auf einer Trennmauer zwischen Kirche und Staat. Die Ausübung jeder Religion müsse frei sein.
Das Verbot einer Staatsreligion im ersten Verfassungszusatz spielte später eine zentrale Rolle im Grundsatzurteil des Supreme Court von 1947. „Der erste Verfassungszusatz hat eine Mauer zwischen Kirche und Staat errichtet“, schrieb das Gericht im Fall „Everson gegen Schulausschuss“. Diese Mauer müsse „hoch und uneinnehmbar bleiben“.
Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Pew vom Mai zeigt, wie tief diese Sicht in der Gesellschaft verankert ist. Auch wenn US-Amerikaner ihr Land gerne als „Gottes eigenes Land“ bezeichnen: Nur 17 Prozent der Bevölkerung wollen das Christentum zur Staatsreligion erklären; 54 Prozent unterstützen die Trennung von Kirche und Staat. Und 52 Prozent finden, konservative Christen seien „zu weit gegangen“, indem sie ihre Religion in Regierung und Schulen drängten.
Evangelikale drängen nach vorn
Das steht in Gegensatz zur Inszenierung der offiziellen Feierlichkeiten zum 250. Geburtstag der USA. So traten bei dem von Steuergeldern bezahlten Gebetstreffen „Rededicate 250“ im Mai fast ausschließlich evangelikale Prediger auf. Rachel Laser, Präsidentin der Organisation „Americans United for Separation of Church and State“, spricht von einer gefährlichen Vermischung. Es stimme einfach nicht, „dass Amerika als christliche Nation gegründet wurde“, sagte Laser der Zeitung „USA Today“.
Der emeritierte Psychologie-Professor Throckmorton argumentiert mit der Vielfalt der US-Glaubensgeschichte. Es gebe keine einheitliche Sicht innerhalb des Christentums, sagte er dem Religion News Service. In seinem jüngsten Buch entlarvt er sieben Mythen über die Vergangenheit der USA; angefangen beim behaupteten Bund der ersten Siedler mit Gott bis hin zur Legende, die Gründerväter hätten ein christliches Land erschaffen wollen.
Solche Erzählungen dienten vor allem dazu, eine politisch nützliche Version der Vergangenheit zu konstruieren, so Throckmorton. Genau dies verfolgten die Kräfte hinter dem Präsidenten, der sich vor einigen Wochen im Zuge des Iran-Kriegs und seiner Kontroverse mit Papst Leo XIV. auf einem von KI generierten Bild selbst als Heiland präsentierte. Trump bestreitet gar nicht, Religion zur Erbauung der Nation einsetzen zu wollen: „Ich habe immer gesagt, man kann kein großes Land haben, wenn man keine Religion hat.“