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24.09.2026
„Wer Wert darauf legt, die Produktion hier zu behalten, sollte zu heimischen Produkten greifen.“ Für Eric Pehle spielt das Verbraucherverhalten eine große Rolle.
Foto / Quelle: privat

„Mehr Verständnis wäre schön“

Eric Pehle ist Landwirt und Referent im Bereich Agrar an der Katholischen Landvolkshochschule Hardehausen.

Von Andreas Wiedenhaus

In diesem Sommer haben viele Landwirte über Trockenheit geklagt, doch Wasser ist nicht das Einzige, was fehlt. Was wünschen sich Landwirte von Politik, Verbrauchern und den eigenen Interessenvertretern?

Von der Politik wünschen sie sich Verlässlichkeit und faire Wettbewerbsbedingungen. Aktuell ist der Bürokratieabbau in aller Munde. Der wird seit Jahrzehnten versprochen, wirkliche Entlastungen spüren sie jedoch nicht. Viele Entscheidungen sind vom Wahlkampf bestimmt, das liegt in der Natur der Sache, jeder Politiker will wiedergewählt werden. Landwirte sind als Wählergruppe eher klein und werden schnell zum Spielball. Dann werden Neuerungen eingeführt und alte Regelungen über Bord geworfen. Solche fehlende Planungssicherheit verursacht Kosten und hemmt Investitionen, zum Beispiel in mehr Tierwohl. Beim Handel ist es unter anderem das Mercosur-­Freihandelsabkommen, das vielen Landwirten in Deutschland Sorgen macht: Diese Vereinbarung ist aus Sicht von tierhaltenden Betrieben sehr belastend. Das argentinische Rindfleisch ist nicht besser als das deutsche, wird aber zum Teil unter Bedingungen produziert, die wir hier zu Recht nicht haben wollen. Auch Labels helfen da nur bedingt, weil die Überprüfbarkeit fehlt. Das ist in meinen Augen Wettbewerbsverzerrung. Wer als Politiker etwas für die deutsche Landwirtschaft tut, tut auch etwas für die Daseinsvorsorge im Allgemeinen – und zwar nicht nur in Sachen Lebensmittelversorgung: Bei den Waldbränden aktuell haben viele Landwirte geholfen, die mit ihren Güllefässern Wasser gefahren haben. Bei der Erzeugung sollte man sich bewusst machen: Wenn die Produktion ins Ausland verlagert ist, haben wir keinen Zugriff mehr darauf!

Aber wir hören doch immer, die Landwirtschaftslobby sei so stark! Was läuft da aus Ihrer Sicht falsch?

Der Bauernverband ist in Berlin an sich gut vertreten. Neben ihm gibt es weitere Organisationen, die den bäuerlichen Berufsstand vertreten, genannt seien hier etwa der Maschinenring oder die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft. Daran zeigt sich auch schon, wie divers die Landwirtschaft mit all ihren Facetten ist. Allen gemein ist aber, dass auch sie mit den wechselnden Regierungen arbeiten müssen und so teilweise lange Verhandlungen mit der einen Regierung nach einer Wahl wieder hinfällig sein können. Außerdem sind es zum Teil doch sehr dicke Bretter, die hinter verschlossenen Türen gebohrt werden müssen.

Sie haben Labels eben schon angesprochen und damit die Rolle des Verbrauchers. Was kann er tun?

Kurz und knapp: Er sollte nach Möglichkeit deutsche Produkte kaufen; und das möglichst regional! Wer Wert darauf legt, die Produktion hier zu behalten, sollte zu heimischen Produkten greifen. Nur dann weiß ich als Verbraucher, dass unter den Standards produziert wurde, die wir hier für gut und richtig halten. Der Besuch auf einem Hof­laden bietet sich hier sehr gut an. Die „Label-­Landschaft“ ist ebenfalls sehr vielfältig. Als Verbraucher sollte man sich fragen: Was sagen sie wirklich aus und wie überprüfbar sind sie? Unabhängig davon: Ein bisschen mehr Verständnis wäre schön. Manchmal staubt es, Landwirte machen Krach, sind mit großen und langsamen Traktoren unterwegs. Sie machen das nicht, um andere zu ärgern. Sie sind vom Wetter oder anderen Bedingungen abhängig. Wobei sich viele um Rücksicht bemühen; freitagabends oder samstags wird nur in Ausnahmefällen Gülle gefahren. Bei uns im Dorf gibt es zum Beispiel Infos über eine WhatsApp-­Gruppe, wenn etwa gedroschen wird und es staubt.

Was ist mit dem Preis?

Aus Sicht des Marktes, was und wo der Verbraucher kauft, relativieren sich die viel zitierten Forderungen nach mehr Tierwohl deutlich. Denn meistens wird das günstigste Fleisch gekauft. Wobei der Standard bei in Deutschland produzierten Lebensmitteln höher ist als in vielen anderen Ländern. Günstig heißt auch nicht automatisch mindere Qualität und Menschen mit einem geringeren Einkommen sollen sich auch gute Produkte leisten können.

In der Werbung sehen wir glückliche Kühe und alles, was sonst ins Bild passt.

Die Werbung ist schon sehr romantisierend und vermittelt ein idyllisches Landleben. Demgegenüber steht ein Eindruck, der häufig in den Medien vermittelt wird, von denen ich mir als Ergänzung zur ersten Frage einen faireren Umgang und weniger Hang zur Skandalisierung wünsche: Wenn irgendwo etwas passiert in der Landwirtschaft – Gülle läuft aus, Ställe sind nicht in Ordnung –, wird das schnell pauschal auf die gesamte Branche übertragen. Es entsteht der Eindruck, dass dann vielleicht noch der passende Experte gesucht wird, von dem man genau die Einschätzung bekommt, die man erwartet. So werden Landwirte medial vorverurteilt und Existenzen bedroht. Ein fairer Umgang sieht anders aus.

Trotzdem haben Sie immer noch Freude am Beruf des Landwirts?

Für mich ist das der schönste Beruf der Welt! Seit ich das erste Mal Trecker gefahren bin, weiß ich, dass ich das auch machen will. So ähnlich erleben wir es bei den Teilnehmern unseres Grundkurses auch oft.

Höfesterben ist ein Problem. Was kann man dagegen tun?

Da sind wir wieder bei den fairen Wettbewerbsbedingungen, die dafür sorgen könnten, dass sich auch kleine Produktionen lohnen. Oft kommen weitere Umstände dazu: Die einen können beispielsweise Flächen für Windkraft nutzen, andere liegen im Vogelschutzgebiet. Nichts gegen Natur- und Vogelschutz, nur solche strukturellen Unterschiede können Gründe sein, warum es wirtschaftlich verschieden laufen kann. Dafür bieten wir Unterstützung durch Bildung und die Ländliche Familienberatung, die Menschen in Kontakt bringt und in Krisen hilft.

„Klein“ ist ein gutes Stichwort: Gibt es einen Mittelweg zwischen Biohof und Agrarfabrik?

Die Frage ist ja schon nicht sehr brücken­bauend: An der Landvolkshochschule sind wir offen und fördern den Dialog und die Diskussion innerhalb der Branche. Es soll auch kein Gegeneinander sein: Jeder Betriebsleiter hat seine eigene Philosophie und muss einen Markt bedienen. Aus fachlicher Sicht ist die Stallhaltung von Schweinen auf Spaltenböden tiergerecht. Auch ist technischer Fortschritt oder chemischer Pflanzenschutz nicht automatisch schlecht. Ich habe den Eindruck, dass technischer Fortschritt nirgendwo so kritisch gesehen wird wie in der Landwirtschaft! Das richtet sich ausdrücklich nicht gegen Kollegen aus der Bio-­Branche, wir sind alles Berufskollegen und sollten auch an einem Strang ziehen. Bio heißt auch nicht automatisch klein oder antiquiert.

Stichwort „Technik-­Kritik“: Reden zu viele mit, die keine Ahnung haben?

Es reden nicht nur viele mit, sondern auch übereinander. Die Themen der Landwirtschaft sind einfach sehr komplex. Sich zuzuhören wäre ein klarer Fortschritt. Ich bekam kürzlich nach einem Vortrag in Hardehausen die Rückmeldung von einer jungen Frau, dass das klischeebehaftete Bild des Landwirts in ein neues Licht gerückt wurde. Wenn Verbraucher die Gelegenheit nutzen würden, sich direkt zu informieren, statt jede Meldung in sozialen Medien für bare Münze zu nehmen, wäre auch schon viel gewonnen. Die Landwirte heute sind durch Ausbildung, Fachschule und Studium hoch gebildet und wissen, was sie tun – man kann ihnen vertrauen!

Was leisten Sie in Ihrer Funktion als Dozent an der Landvolkshochschule Hardehausen, wenn es um Vermittlung geht. Was tut die LVHS?

Wir sehen uns als Heimat- und Dialogort für landwirtschaftliche Familien, der Bildung, Beratung und Seelsorge unter einem Dach vereint. Um es in den Worten unseres Erzbischofs auszudrücken: „Hardehausen ist das Versprechen der Kirche an die Landwirtschaft“. Der seit der Gründung der LVHS jährlich stattfindende Grundkurs für angehende Betriebsleiter mit vielen Inhalten wie der Persönlichkeitsbildung ist ein Herzenskurs von uns. Für die erfahrenen Landwirte ist es der Grundkurs 50+, der Menschen mitten im Leben abholt. Wir bieten keine Patentrezepte, sondern wollen ermutigen, das Leben auf dem Land zu gestalten. Dazu gehört, dass wir Landwirten die Möglichkeit bieten wollen, ihre Anliegen vorzubringen. Sie sollen mit beispielsweise Verbrauchern oder Kitas in Kontakt treten können und das Rüstzeug an die Hand bekommen, um fachfremdem Publikum ihre Sicht überzeugend darzulegen. Wir wollen bewusst ein Ort sein, an dem kontrovers diskutiert werden kann und soll – innerhalb und außerhalb der Branche –, denn ein offener Diskurs baut Brücken und hilft so am Ende allen Beteiligten.

Zur Person

Eric Pehle wurde 2002 geboren, seine Eltern bewirtschaften einen Hof bei Erwitte. Nach seinem Abitur absolvierte er von 2020 bis 2022 eine Ausbildung zum Landwirt in Niedersachsen und Schleswig-­Holstein, an die sich ein Agraringenieur-­Studium in Soest von 2022 bis 2025 anschloss. Seit 2025 ist er an der Landvolkshochschule Hardehausen für den Fachbereich Agrar und ländlicher Raum verantwortlich.

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