Ein Bauernhof mitten im Ruhrgebiet
Der Hof Mertin in Dortmund ist seit dem 14. Jahrhundert in Familienbesitz. Für die heutigen Betreiber steht fest: Landwirtschaft und Events funktionieren zusammen.
Jürgen ist schon ein neugieriger Zeitgenosse. Demonstrativ streckt er den Kopf nach vorne, wenn jemand sein Zuhause betritt. Anna, Elsa und Juli sind da etwas zurückhaltender. Sie wenden sich lieber ihrem Futter zu. Ist der Unbekannte weitergegangen, scheinen alle vier zufrieden zu sein. Die lang anhaltenden brummenden Töne, die sie von sich geben, deuten darauf hin. Denn die vier sind Alpakas und leben auf dem Hof Mertin im Dortmunder Stadtteil Grevel.
Ein landwirtschaftlicher Betrieb mitten beziehungsweise am Rand einer Großstadt? Friedrich Mertin winkt ab. So ungewöhnlich sei das gar nicht. Betriebe gebe es einige, was auch eine Statistik des Regionalverbandes Ruhr (siehe Infobox) bestätigt. Und viele davon haben sich auf sogenannte Sonderkulturen spezialisiert, so auch der Betrieb im Dortmunder Nordosten, der sich auf Obst spezialisiert hat. Mertin geht an seinem Hof entlang. „Hier waren früher überall Bullen“, sagt der Landwirt. Heute sind die ehemaligen Ställe verschlossen, nur noch die Architektur erinnert an die Tierhaltung. Stattdessen setzt der Betrieb vor allem auf Erdbeeren sowie auf Direktvermarktung in mobilen Verkaufsständen, einen Hofladen und Veranstaltungen für die ganze Familie.
Das Anwesen selbst hat eine lange Tradition. Seit dem Jahr 1389 ist der Hof bereits im Familienbesitz. Legendär ist die Geschichte, wie es dazu kam. Die Ereignisse hängen zusammen mit der Großen Dortmunder Fehde. Eine Hungersnot trieb die Bewohnerinnen und Bewohner damals aus der Stadt auf das Gebiet, auf dem früher die Greveler Burg stand. Dort wollten sie Vieh stehlen. Doch der Köhler der Gegend hat dies entdeckt und hat gemeinsam mit einem Freund schließlich dafür gesorgt, dass „die Viehdiebe vertrieben wurden“, weiß Friedrich Mertin. Besagter Freund war eben sein Vorfahre. „Zum Dank erhielten sie den Hof.“ Ob das allerdings wirklich so passiert ist – wer weiß das so genau? Fakt ist: Die Familie ist jedenfalls noch heute hier aktiv.
Und es ist viel los auf dem Hof. Rund zwölf Festangestellte sind hier beschäftigt, während der Erntesaison kommen noch zahlreiche Helferinnen und Helfer für die Ernte sowie Aushilfen, die in den mobilen Verkaufsständen arbeiten, dazu. Die 13 leuchtend roten Erdbeeren stehen derzeit auf dem Hof, für sie ist die Saison allerdings schon gelaufen. Sie gehören zu der regionalen Verkaufsstrategie des Hofes. Denn „regional“ ist mehr als ein Schlagwort, sagt Bettina Höfer, die für das Marketing zuständig ist. „Regionale Erzeugung ist definitiv ein Thema. Das sehen wir auch in unserem Hofladen.“ Hier kommt wieder der Eventcharakter ins Spiel. „Das Publikum wird jünger, auch junge Familien gehören dazu“, so Höfer. Gerade für diese sei der Besuch auf dem Hof vor allem ein Ausflug ins Grüne. Dabei kommen die Kundinnen und Kunden nicht nur aus Dortmund, sondern auch aus einem weiteren Umkreis. Und die vier Alpakas übernehmen als Sympathieträger die Begrüßung. Ohne Social Media funktioniere dies allerdings nicht.
Vieles darf man selbst ernten
Wer hier einkauft, da sind sich alle Beteiligten einig, „weiß, wie Erdbeeren gehandelt werden“. Zudem sehen sie, wo die Früchte, die hier bis in den November hinein geerntet werden, herkommen und dass dahinter viel Handarbeit stecke. Folglich seien sie auch bereit, höhere Preise zu zahlen. Im Supermarkt sehe dies allerdings etwas anders aus. Wer die Wahl habe zwischen regional erzeugter Ware, die teurer ist, und zwei anderen Sorten zu Discountpreis aus Spanien oder Griechenland, der entscheide sich eben in der Regel für die günstigere Ware. Zumal es auch Erdbeersorten gebe, die sehr lecker sind, aber nicht so prall und saftig aussehen wie die „Blender“. So nennt der Fachmann Sorten, die auch nach einem langen Transport noch aussehen wie gerade gepflückt. Im heimischen Anbau wiederum gebe es Früchte, die – aus Sicht der Verbraucher – schnell unansehnlich werden, was aber auf den Geschmack keine Auswirkung hat. Dennoch spiele die Optik beim Kauf eine große Rolle, zumal wenn es keine Beratung gebe. „Im Hofladen können wir den Kundinnen und Kunden viel mehr erzählen über unsere Ware“, betont Bettina Höfer.
Friedrich Mertin geht inzwischen zielstrebig auf einen der vielen Tunnel, die jeweils 160 Meter lang sind, zu. Hier wachsen die Erdbeeren in schmalen Kisten. Geerntet werden die Früchte ohne Bücken, sie wachsen quasi auf Augenhöhe. Dazwischen blühen Blumen – ein Zufall? Mitnichten, die zusätzlichen Pflanzen sollen die Aufmerksamkeit von Schädlingen auf sich ziehen und so die wertvollen Früchte sichern. Zudem können so auch Nützlinge – also etwa Insekten, die Schädlinge fressen – in den Tunnel kommen.
Ein Stück weiter wachsen weitere Früchte. Noch sind es kleine Pflanzen, die ihre Blätter nach oben strecken. Sie wachsen zwischen einer schwarzen Folie. Bald allerdings werden die Mitarbeiter über ihnen einen der Tunnel errichten – die Konstruktion ist mobil. „Wir werfen auch keine Pflanzen weg“, sagt Friedrich Mertin und deutet auf lange Reihen mit Erbeerpflanzen in kleinen Töpfen. Diese werden im kommenden Frühjahr für Erträge sorgen.
Doch es gibt auch anderes zu ernten. Buschbohnen zum Beispiel, die Kundinnen und Kunden auch selbst pflücken können. Bei Menschen mit türkischen oder russischen Wurzeln ist dieses Gemüse sehr beliebt, etwa als Salat oder im Eintopf. Auf einem anderen Feld wachsen Pflaumen, die so groß sind wie Hühnereier. Auch Him- und Brombeeren gibt es zum Selbstpflücken. Und was ist mit Spargel? Auch der sei sehr wichtig, sagt Bettina Höfer. Allerdings wachsen die beliebten Stangen nicht auf den eigenen Feldern, sondern werden aus der Region zugekauft. Denn nur wenige Kilometer nördlich, in der Nachbarstadt Lünen, sind die Bedingungen ganz anders. „Der Boden ist dort sandiger“, so Mertin. Das freut den Spargel, auf den eigenen Flächen funktioniere der Anbau allerdings nicht.
Geduld und Erfahrung
Bei aller Tradition hat ein landwirtschaftlicher Betrieb in der Großstadt allerdings auch Probleme, die es auf dem Land unter Umständen so nicht gibt. Dabei sei das Aufbringen von Gülle gar nicht so sehr das Problem. „Das geht schon“, sagt Friedrich Mertin. Viel schwerer wiegt ein anderes Problem. „In Mecklenburg-Vorpommern gibt es zum Beispiel viel größere Flächen“, weiß der Landwirt. Und die bieten einen ganz praktischen Vorteil: den Zuschnitt. „Hier ist man nur am Drehen“, so Mertin. Die Felder haben keine geraden Grenzen, die man etwa beim Ernten abfahren könne. Hier sind die Felder über Jahrzehnte in der Landschaft gewachsen und haben deshalb viele Ecken und Winkel. Wer eine solche Fläche bearbeiten muss, braucht Geduld und Erfahrung. Der Vorteil von der städtischen Lage sei wiederum die Möglichkeit, die Waren direkt selbst zu vermarkten, auch wenn ein Teil der Ernte an Supermärkte gehe.
Neben der klassischen landwirtschaftlichen Arbeit sind Events ein wichtiger Bestandteil des Hoflebens. „Beim Apfelfest ist es hier richtig voll“, sagt Bettina Höfer. Zum Anwesen gehört zudem ein Maislabyrinth. Bis in den November hinein gibt es dort Veranstaltungen wie am 3. Oktober, die bis weit in die Nacht dauern.dtext
Hintergrund
Obwohl nach wie vor das Ruhrgebiet mit Industrie, Produktion und in den vergangenen Jahrzehnten immer häufiger mir Verwaltung verbunden wird, gibt es dennoch eine große Zahl an landwirtschaftlichen Betrieben. Laut Zahlen des Regionalverbandes Ruhr (RVR) in Essen gibt es rund 4 500 Betriebe. Fast 40 Prozent der Fläche der „Metropole Ruhr“ seien somit landwirtschaftlich genutzt. Rund die Hälfte der Landwirtinnen und Landwirte sind laut RVR im Nebenerwerb tätig. Zudem haben sich viele Betriebe spezialisiert und vermarkten ihre Erzeugnisse in Hofläden selbst. Sonderkulturen wie Spargel oder Erdbeeren spielen zwischen Duisburg und Hamm eine wichtige Rolle.