„Licht ist ein Geschenk“
Der Schwerter Lichtkünstler Jörg Rost hat seit 1991 bereits in ganz Deutschland Kirchen illuminiert.
Herr Rost, warum arbeiten Sie mit Licht? Was ist das Besondere daran?
Ich glaube, dass Licht ein Geschenk ist. Wir wachen ja schon morgens mit Licht auf. Licht schenkt uns die Möglichkeit, vielleicht auch mal dahin zu schauen, wo wir sonst nicht hingucken würden. Es schenkt uns Wärme. Durch Licht ist man mit der Natur verbunden. Ein Lichtstrahl, der durch die Bäume bricht, fasziniert uns einfach.
Die Faszination steckt also tief im Menschen drin?
Ja, das ist so. Und ich habe das Glück, dass ich damit arbeiten darf. Ich habe Bäcker gelernt. Wenn ich ein Brot backe, tue ich das noch immer mit einer großen Leidenschaft. Und genauso ist es mit dem Licht auch. Da steckt einfach eine große Leidenschaft dahinter.
Wie war Ihr Einstieg ins künstlerische Arbeiten? Hat Ihre handwerkliche Ausbildung dabei geholfen?
Das Handwerk hat mir eigentlich gar nicht geholfen. Ich würde mich heute noch als schlechten Lichttechniker bezeichnen. Ich habe Licht immer als Tool verstanden, um Dinge sichtbar zu machen. Wenn ich mit Licht gearbeitet habe, hat mich immer das Ergebnis fasziniert. Ich hatte einige Jahre lang Techniker dabei, die mir geholfen haben. Das mache ich heute alles allein. Die Vielzahl der Möglichkeiten lässt mich erst einmal herausfinden, was ich machen kann. Man verändert sich auch.
Wie äußert sich das?
Am Anfang nimmt man ganz viele Farben. Jetzt, im Alter, benutze ich viel weniger Farben und lasse Sachen weg, die ich früher – nach meinem heutigen Empfinden – falsch gemacht habe.
Weil man als Künstler Gefahr läuft, die Zuschauerinnen und Zuschauer mit zu vielen Farben zu überfordern?
Ja, das auch. Da zählt auf jeden Fall der Spruch: Weniger ist mehr. Es verfällt dann auch schnell in Kitsch. Ich glaube, das hat irgendwann mit Kunst nichts mehr zu tun, weil es nur noch ein Farbrausch ist. Wenn das so gewollt ist, ist es natürlich okay. Aber ich würde es heute nicht mehr so machen.
Sie arbeiten aktuell wieder in Kirchen. Was ist so besonders am Kirchraum? Was reizt Sie da?
Der Kirchraum hat eine der schönsten Architekturen von Innenräumen. Wenn man in den Innenraum einer schlichten Kirche geht, hat man das Glück, die unterschiedlichen Baustile beleuchten zu dürfen. Das ist ein Geschenk, wenn da Säulen sind, wenn Kirchenfenster dazu beitragen, das Licht durch die Sonneneinstrahlung zu sehen. Das ist der Wahnsinn. Es gibt keinen anderen Raum, der mehr spirituelle Wirkung auf den Menschen hat als der Kirchraum. Das ist für einen Designer ein Geschenk. Die wiederkehrenden Säulen muss man nur anleuchten. Eine Säule ist nicht zwei oder drei Meter hoch, sie ist wie ein Baum. Die Säule ist 15 bis 20 Meter hoch. Dadurch ist die Erscheinung monströs, sehr imposant.
Gibt es eine Kirche, die Sie besonders schön finden?
Alle Kirchen sind schön, auch die schlichten. Nehmen wir mal St. Viktor in Schwerte. Die hat den goldenen, geschnitzten Altar, der wunderbar zu beleuchten ist. Da muss man vorsichtig sein, dass man kein konventionelles Licht benutzt, sondern LED-Licht, weil der Altar 500 Jahre alt ist. Wenn Sie in die Reinoldikirche in Dortmund gehen, haben Sie sehr viel Holz- und Schnitzfiguren, die man einzeln mit kleinen Lampen anleuchten kann. Es ist immer eine andere Herangehensweise durch die Möglichkeiten, die man vor Ort hat.
Wie wichtig ist Musik für Ihre Arbeit?
Wenn zum Beispiel eine Orgel eingeweiht wird, werde ich angerufen. Dann habe ich passend zum Orgelkonzert eine Dreiviertelstunde lang Licht gemacht. Im Moment bin ich mit vielen Bands unterwegs. Die wohl bekannteste ist „farfarello“. Mit denen war ich fast zehn Jahre lang in Kirchen unterwegs. Das waren bestimmt 200 Kirchen, die wir bespielt haben.
Das sind dann temporäre Aktionen?
Da geht es morgens rein und abends raus. Ich möchte eine Kirche am liebsten vorher gar nicht sehen, lasse mich gerne überraschen. Ich muss nur wissen, ob der Stromanschluss da ist und ob ich machen kann, was ich mir vorstelle. Und abends um 0 Uhr bin ich dann wieder raus.
Kennen Sie vorher die Musik?
Nein, auch nicht. Alles ist improvisiert. Da stehen die Leute auch von den Stühlen auf, weil sie gar nicht glauben können, dass das so Hand in Hand funktioniert.
Was ist das Geheimnis?
Es ist meistens so: Die erste Idee ist die beste. Ich weiß aus Erfahrung, wie die Wirkung ist. Oft ziehe ich ein Kabel hinter die Kirche und leuchte die Kirche von hinten durch das Fenster an. Das Publikum sieht dann das Fenster nicht durch das Sonnenlicht erleuchtet, sondern durch den Scheinwerfer. So hat man immer kleine, überraschende Augenblicke. Man sagte mir, dass ich eine Begabung habe, Räume optimal zu nutzen. Ich habe auch Pfarrern schon Lichtworkshops gegeben.
Ist der Effekt saisonabhängig?
Ja, ich bin immer bis Mitte April und dann wieder ab Oktober in den Kirchen. Insgesamt ist es seit Corona viel weniger geworden. Firmen, die Kirchen für Konzerte mit Licht und Ton ausstatten, haben inzwischen ihre eigene Technik. Aber das stört mich nicht, ich habe genügend andere Sachen zu tun. Ich mache jetzt zum Beispiel für drei Monate die Produktionsbetreuung für „Urbane Künste Ruhr” im Raum Bochum-Dortmund.
Hat sich die Art, wie das Publikum Ihre Arbeit wahrnimmt, verändert?
Unsere Kultur hat sich verändert. Wir werden an allen möglichen Stellen getriggert. Wir schaffen es nicht einmal, Ruhe zu finden und die Beleuchtung einfach nur anzuschauen, ohne das Handy herauszuholen und ein Foto zu machen. Zu sagen „Das war schön, dass ich dabei sein durfte“ reicht. Da muss ich nicht noch ein Foto machen. Ich will dazu appellieren, das Telefon oder das Foto einfach mal wegzulassen und die Eindrücke im Herzen mit nach Hause zu nehmen.
Zur Sache
Mehr Informationen zur Arbeit von Jörg Rost gibt es unter www.joergrost.de