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19.04.2026
Wenn Kinder ihre Eltern pflegen kommt es zu vielfältigen Konflikten (Symbolbild).
Foto / Quelle: Harald Oppitz/KNA

Im goldenen Käfig

Wenn Kinder ihre Eltern pflegen, gerät das eigene Leben aus den Fugen.

Nürnberg

Der Tag beginnt für Ralf Schönhardt ( Name von der Redaktion geändert) Morgen gleich. Er leitet seine Mutter bei den Kreislaufübungen an, hilft ihr vom Bett in den Rollstuhl, begleitet sie zum Toilettengang und bereitet ihr anschließend das Frühstück. Seit einem Schlaganfall kann die 88-Jährige ein Bein kaum noch bewegen, außerdem leidet sie unter einer fortschreitenden Einschränkung des Gehirns – zwei Faktoren, die ihren Alltag stark einschränken. Selbst kleinste Handlungen werden so zur Herausforderung und kosten Zeit und Kraft

Immer wieder versucht Schönhardt, seine Mutter zum Trinken zu bewegen – meist vergeblich. Nimmt sie zu wenig Flüssigkeit zu sich, drohen Komplikationen: Wegen ihrer Inkontinenz kommt es häufig zu Harnwegsinfektionen. Mehrfach waren Antibiotika nötig, berichtet der 61-Jährige.

Die Pflegebedürftigkeit seiner Mutter traf Schönhardt, der nicht mit seinem echten Namen genannt werden möchte, in einer schwierigen Phase. Kurz zuvor war er selbst berufsunfähig geworden. Also blieb er zu Hause – und übernahm die Pflege. „Ohne dass ich Zeit gehabt hätte, mir zu überlegen, wie es mir damit auf Dauer gehen würde“, sagt er.

Gefangen im Alltag

Sechs Jahre ist das nun her und inzwischen ist auch seine Schwester zu ihm gezogen, um ihn bei der Pflege zu unterstützen. Doch diese niemals geplante Wohngemeinschaft sei alles andere als konfliktfrei, erzählt Schönhardt. Sein eigenes Leben sei nahezu vollständig zusammengebrochen. Er spricht von einem „Gefängnis“, einem „goldenen Käfig“, aus dem es kein Entkommen gebe.

Vor einem Jahr hat sich dieses Gefängnis „noch einmal erheblich verengt“, wie Schönhardt berichtet. Damals versuchte er, seine Mutter auf der Treppe aufzufangen – und brach sich dabei selbst das Knie. „Das Auffangen hat funktioniert. Mutter hatte nur eine kleine Beule. Aber ich kann heute noch nicht richtig laufen“, erzählt er mit einem bitteren Lachen. Zeit für gezieltes Training bleibe ihm kaum. Auch die Reha, auf die ihn seine Krankenkasse schickt, werde schwer zu organisieren: Seine halbtags berufstätige Schwester komme mit der Pflege allein nicht zurecht.

Beistelltisch mit einem Glas Tee, Kalender und Medikamenten zuhause in der Wohnung einer kranken Frau in Bonn.
Foto / Quelle: Harald Oppitz/KNA

Für Millionen Menschen in Deutschland ist Pflege Alltag. Laut dem Statistischen Bundesamt waren Ende 2023 rund 5,7 Millionen Menschen pflegebedürftig, 86 Prozent von ihnen wurden zu Hause versorgt. Bei mehr als drei Millionen Betroffenen übernehmen Angehörige die Betreuung nahezu allein – so wie Ralf Schönhardt.

Welche Folgen das hat, zeigt eine Studie der Universität Witten/Herdecke aus dem Jahr 2019: 42 Prozent der befragten pflegenden Angehörigen schätzten ihren Gesundheitszustand im Vergleich zu Gleichaltrigen als schlechter ein, 72 Prozent fühlten sich psychisch stark belastet. Viele berichteten zudem von Einschränkungen in ihrer Privatsphäre, ihrer Freizeit und ihrem Sozialleben.

Zu wenig Unterstützung von außen

Das Annehmen der Situation ist schwierig, sagt Schönhardt. „Es ist kontinuierliche Reflexion notwendig, wie man zu der Situation steht und welche – auch spirituelle – Haltung man hierzu vertritt.“ Im vergangenen Jahr sei er oft wütend gewesen – auch darüber, wie einsam man selbst in einem sozialen Umfeld werden könne. „Ich fühlte mich streckenweise mächtig allein“, klagt er. Unterstützung von außen habe er zu wenig erlebt.

Zwar erhält seine Mutter regelmäßig Hausbesuche von Therapeuten und einer Logopädin, die mit ihr unter anderem das Sprechen und Schlucken trainieren. Insgesamt werde es aber immer schwieriger, medizinische Unterstützung nach Hause kommen zu lassen. Denn die Ärzte, so Schönhardt, seien arbeitsmäßig ohnehin schon überlastet; Hausbesuche rechneten sich nicht.

Einen Pflegedienst hat er nicht beauftragt. Denn dieser arbeite nach Minuten, organisiert wie ein „Profit-Center“, kritisiert der pflegende Sohn. Pflege lasse sich aber nicht in Minuten abrechnen. „Wir brauchen morgens schnell mal eine Stunde,“ erläutert er. Der Dienst komme ohnehin nicht genau dann, wenn seine Mutter zur Toilette müsse. „Ich bin schon bereit zu delegieren. Aber es muss dann auch eine Lösung sein – und kein Zehn-Prozent-Ersatz“, so sein Fazit. In vielen Fällen komme dann nur eine im Haus lebende Pflegekraft in Frage.

Alt werden in den eigenen vier Wänden ist für pflegebedürftige Personen aufwändig.
Foto / Quelle: Julia Steinbrecht/KNA

Dass er inzwischen wieder Fahrrad fahren kann – notfalls mit Krücken -, sei seine Rettung gewesen. „Ich vergöttere mein Rad geradezu, es gibt mir einen Rest Mobilität und Freiheit.“ Diesen Rest verteidigt er. „Das muss ab und zu mal festgestellt werden, dass mir noch ein Stück eigenes Leben bleibt.“

Früher habe er Yoga gemacht, heute nehme er sich hin und wieder ein Wochenende für Schulungen oder meditative Einkehr – auch gegen Widerstände. Für kurze Zeit helfe ihm das. Doch die Erfahrungen mit in den Alltag zu nehmen, sei schwer. „Die Schnittstelle ist hart“, so Schönhardt.

Außerdem haben seine Freiräume eine Kehrseite. Wenn er einen Nachmittag für sich beanspruche, müsse er hundertprozentig überzeugt sein, dass das in Ordnung sei. „Wenn meine Mutter genau dann stirbt, wenn ich nicht da bin, dann muss ich mit mir im Reinen sein“, gibt er zu bedenken.

Sinn auch im Leid?

Was ihm im kraftraubenden Alltag helfe, sei ein Gedanke aus dem seelsorglichen Kontext: dass selbst leidvolle Situationen einen individuellen Sinn haben können. Welcher das genau ist, sagt er nicht. Vielleicht sei der Tod seines Vaters, den er ebenfalls intensiv begleitet habe, eine Vorbereitung auf diese Pflege gewesen. Sicher sei nur: Der Pflegealltag habe seine Einstellung zu materiellen Verlusten verändert, die im Moment enorm seien – und zu dem, was im Leben wirklich zählt.

Über all das spricht Ralf Schönhardt ruhig, fast sachlich. „Sie ist halt da“, sagt er über die Pflege. Wie lange sie noch andauert, fragt er nicht mehr.

KNA
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