13 Min.
01.02.2026
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

Es braucht die Kümmerer vor Ort

Der Paderborner Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz spricht im Exklusivinterview mit dem DOM darüber, wie wichtig die Kommunikation mit den Gläubigen für den eingeleiteten Bistumsprozess ist. Eine zentrale Frage für den Erfolg der Neustrukturierung werde auch sein, wie sich das Ehrenamt künftig entwickeln werde.

Von Patrick Kleibold und Wolfgang Maas

Nach fast zwei Jahren im Amt sind Sie längst nicht mehr der „neue“ Erzbischof. Sie sind viel gereist. Wie erleben Sie die Menschen? Und wie valide sind Ihre Erfahrungen, schließlich herrscht an allen Orten, die sie besuchen, Festtagsstimmung?

Ich war in allen Dekanaten, mittlerweile in manchen schon mehrmals zu verschiedenen Anlässen. Dazu konnte ich alle Schulen in Bistumsträgerschaft besuchen. Für den riesigen Bereich Caritas habe ich fokussiert auf Themenbereiche jeweils exemplarisch Einrichtungen wie Krankenhäuser, Altenheime, Jugendeinrichtungen, soziale Brennpunktprojekte besucht. Auch wenn ich nicht mehr neu in diesem Amt bin, so erlebe ich im zweiten Jahr immer noch eine Neugier mir gegenüber, dem „Neuen“. Man fragt sich: Wie denkt er und wie verändert sich seine Wahrnehmung? Das finde ich spannend. Ich ermutige die Menschen vor Ort mir zu erzählen, was sie bewegt und antreibt. Und ich finde es gut, dass man eben nicht nur über die schönen Seiten erzählt, sondern auch das Schwierige benennt. Ich erinnere mich an einen Vormittag mit vielen Küstern, Reinigungspersonal, Organisten, also mit denjenigen, die das kirchliche Leben vor Ort tragen, die jedoch nicht in der ersten Reihe stehen. Das waren intensive Gespräche, in denen mir ehrlich gesagt wurde, wo der Schuh drückt, was Frust macht. Also von daher: keine Festtagsstimmung, sondern Schritt für Schritt immer mehr Auseinandersetzung im Gespräch.

Wichtig ist es, zu den Menschen hinzugehen. Die Nähe zu suchen, ihnen aufmerksam zuzuhören und ihnen Resonanz zu geben. Und noch wichtiger: Resonanz mitzunehmen in das konzeptionelle Denken vom Schreibtisch oder vom Konferenztisch aus. Denn noch viel zu oft bleiben wir in unserem Konferenzraum, von dort aus ist die Welt „ungestörter“ gestaltbar. Aber dort laufen wir Gefahr, diese Stimmen nicht präsent zu haben und wirklich in unser Denken einfließen zu lassen. Doch gerade das ist mir ein wichtiges Anliegen.

Die Struktur des Erzbistums wird neu gedacht. Die vielen zurückliegenden Prozesse lassen sich kaum noch auflisten. Jetzt wieder ein neuer Prozess. Wie kann das noch Vertrauen bei den Gläubigen schaffen und wie wollen Sie diese auf dem Weg mitnehmen?

Tatsächlich gibt es an vielen Stellen aus einer Prozessmüdigkeit heraus auch eine Prozessskepsis gegenüber unserem Transformationsprozess. Das ist nicht zu leugnen. Der Bistumsprozess hat sich aus vielen vorherigen Prozessschritten ergeben, vieles hat sich über Jahre entwickelt und wurde schon lange vorbereitet. Wir machen also nicht alles anders, wir machen auch nicht alles neu. Womöglich ist es die Vielzahl an Prozessen – sei es der Immobilienprozess oder der Transformationsprozess der mittleren Ebene –, die eine Erschöpfung auslösen. Diese Prozesse gilt es zusammenzuführen, um ein Ganzes daraus zu schaffen. Deswegen ist es wichtig, dass wir uns in diesem Frühjahr auf eine gemeinsame Vision, auf ein gemeinsames Leitbild verständigen. Ich denke da an ein Zitat von Heinrich Spaemann: „Worauf wir schauen, dahinein werden wir verwandelt. Worauf wir achten, dahin kommen wir.“

Während meiner Besuche wurde mir vielfach gesagt, wir sollten nun einen Prozess gestalten, den wir nicht in zwei oder drei Jahren nachjustieren müssen. „Bitte haben Sie den Mut, jetzt weit zu springen, auch wenn das Widerstand auslöst.“ Mir wurde gesagt, dass es wichtig sei, nicht in der Ideenphase stecken zu bleiben und dass wir den Prozess verbindlich und konsequent umsetzen sollen. Dazu müssen wir auf allen Ebenen Wege gehen, die synodal sind. Das ist eine neue Qualität, die zum Ausdruck bringt, dass wir nicht von oben herab entscheiden und sagen, wie es an der Basis zu laufen habe. Gleichzeitig haben wir als Bistumsleitung eine Zukunftsverantwortung. Wir müssen schauen, was geht und was nicht. Dem folgend setzen wir Leitplanken und formulieren Kriterien. Und die Basis trägt die Verantwortung dafür, dass das, was wirklich vor Ort lebt, weiterleben kann.

Eine Frage, die uns ein Kirchenvorstandsmitglied mitgegeben hat: Warum wird der Bistumsprozess nicht aus der Sicht der Gemeinden gedacht, sondern mit Blick auf die zurückgehende Priesterzahl und dann von oben herab?

Ich weiß nicht genau, warum der Eindruck des Gremienmitglieds so ist oder wie viele diesen teilen. Ich vermute, da spielen implizite Abwehrmechanismen mit, dass der Bistumsprozess etwas ist, was sich „die da oben“ ausgedacht haben. Für mich ist der Bistumsprozess jedoch ein gemeinschaftlicher Prozess, in dem sich jeder einbringen kann. Aber in einem solchen Prozess gibt es auch unterschiedliche Verantwortlichkeiten. Als Bistumsleitung sehen wir das Ganze, die Fakten und Entwicklungen des Bistums und müssen darauf reagieren. Das habe ich mit unserer Zukunftsverantwortung gemeint. Diese können wir nicht abgeben oder delegieren, wir müssen uns ihr stellen und mit der Basis ins Gespräch kommen, damit ein gemeinsamer Weg entstehen kann. Die Vor-Ort-­Perspektive ist eine andere. Beides hat seine Berechtigung und muss zusammengebracht werden.

Wir wollen keine funktionsfähigen Strukturen zerstören, sondern einen Weg finden, dass sie auch in Zukunft noch gestaltet werden können. Dazu braucht es eine Infrastruktur mit einer ausreichenden Verwaltung, verschiedenen Leitungsteams und eine Mindestanzahl an unterschiedlichen pastoralen Berufen. Diese Gedanken haben zur Entscheidung beigetragen, dass uns das langfristig in maximal 25 Seelsorgeräumen gelingen wird. Die Angst, dass wir alles auf die Bistumsebene hochziehen, ist unbegründet. Mit den 25 Seelsorgeräumen geht es um eine Rahmenstruktur. Dieser Rahmen muss vor Ort als Netzwerk gestaltet und gefüllt werden. Vielleicht verändern sich bisherige Rollen, fallen weg oder kommen neue hinzu. Es braucht aber in jedem Fall weiterhin diejenigen, die ihre lokale Verantwortung wahrnehmen, die Kümmerer vor Ort, die einen Gestaltungsfreiraum haben und nach dem Subsidiaritätsprinzip eigenverantwortlich mit entsprechenden Mitteln ausgestattet sind, um handeln zu können. Die konkrete Ausgestaltung der gottesdienstlichen, der seelsorglichen und der administrativen Landkarte bleibt Aufgabe der Basis.

Erwarten Sie mit Blick auf den Bistumsprozess erhöhte Austrittszahlen?

Ich bin mir nicht sicher, ob sich die Überlegungen, aus der Kirche auszutreten, an dieser Frage entzünden. Die überwiegende Mehrzahl der Personen, die aus der Kirche austreten, hat bereits einen langen Entfremdungsprozess durchlaufen. Mit Blick auf den Bistumsprozess diskutieren wir primär über interne und kirchenorganisatorische Fragen. Die Mehrheit der Gläubigen interessiert sich dafür, was unsere Kirche ihnen konkret anbietet und weniger für die Verwaltungsstruktur im Hintergrund. Entscheidend wird sein, dass wir den Gläubigen vor Ort Angebote machen, die ihnen bei ihrer Sinnsuche und Lebensdeutung helfen und die gleichermaßen Gemeinschaft stiften. Ganz wichtig ist eine gute Kommunikation, um die vielen engagierten Menschen auf diesem Weg mitzunehmen und sie nicht zu verlieren. Und eine weitere entscheidende Frage wird sein, wie sich das Ehrenamt künftig entwickelt. All dies muss im Bistumsprozess durchdekliniert werden.

Wie sieht in ihren Augen die Kirche von morgen aus?

Ich gebe keine Antwort darauf, wie die Kirche von morgen aussieht. Wenn ich das tun würde, würde es heißen, der entscheidet doch von oben nach unten und alle müssten dann dieser Idee von Kirche folgen. Ich möchte ergebnisoffen in die Gespräche und Diskussionen mit den Menschen hineingehen. Das ist kein Widerspruch zu dem, was ich bereits sagte: Leitplanken, Rahmenbedingungen, Kriterien einer Qualitätssicherung und manches mehr gehören in die Verantwortung der Bistumsleitung, die sich davor nicht drücken kann. Dazu braucht es aber kritische Resonanz aus der Erfahrung vor Ort. Ich höre mir die Gedanken anderer gerne an und diese Gedanken verändern dann auch meine eigenen. Die Kirche von morgen und ihre konkrete Präsenz vor Ort können wir nur gemeinsam gestalten und prägen, die Idee eines Einzelnen wäre nicht zielführend. Wichtig dabei ist, dass wir zu einer geistlichen Grundhaltung kommen. Es geht nicht einfach um Organisationsmanagement. Wir wollen nicht den Mangel verwalten, sondern den Wandel gestalten. Diese Aussage ist für mich mehr als eine Parole. Wenn ich mich darauf einlasse, verändert das meine Haltung grundlegend. In meinem Hirtenwort bin ich daher auf die Frage der Berufung eingegangen. Die Frage, die ich mir stelle, ist: Wie können wir heute unsere Berufung als Volk Gottes mehr, besser und intensiver gerecht werden? Jeder Einzelne ist gefordert, sich die Frage zu stellen, wozu Gott mich hier vor Ort ganz konkret ruft.

In den Gemeinden werden Dinge organisiert, aber niemand spricht davon, wer welches Charisma hat und wie es sich nutzen lässt. Wie nehmen Sie das wahr im Gespräch mit Hauptamtlichen?

Sehr unterschiedlich. Es gibt Menschen, die haben ein ausgeprägtes Gespür für diese Tiefendimension, die sich oft aber wie einsame Rufer in der Wüste empfinden, wenn sie von Berufung und Charismenorientierung sprechen. Es gibt andere, die empfinden ihr Engagement schon auch als geistliche Berufung, die aber sagen: Ich muss das nicht plakativ vor mir hertragen. Und es gibt diejenigen, die damit zufrieden sind, weiterhin zu organisieren, was ihnen wichtig ist. Ich sehe es schon als meine Verantwortung, immer wieder die Frage in Erinnerung zu rufen: Wie gelingt es uns sicherzustellen, dass wir wirklich einen geistigen Weg gehen? Dazu hat die Weltsynode in Rom wertvolle Anregungen gegeben. Nicht nur zu diskutieren, sondern auch gemeinsam geistlich zu unterscheiden, was hilfreich und was hinderlich ist, unsere Berufung wirksamer zu leben.

Das klingt so, als müsse auch eine neue Gesprächskultur etabliert werden.

Bestimmte Punkte wollen wir nicht nur debattieren, nicht nur im Diskurs halten. Wir wollen darauf schauen: Wie gelingt uns eine geistlichere Gesprächskultur? Worauf wir schauen, das prägt uns. Wenn ich nur darauf schaue, wie ich mein Ziel durchsetzen will, wird das die Art und Weise, wie ich in ein Gespräch gehe, anders prägen, als wenn ich schaue: Was könnte unsere Sendung sein? Wie können wir das gemeinsam bewältigen? Deswegen will ich auch Kritik am Diözesanprozess gar nicht schlecht reden. Es ist gut unterscheidbar, ob diese aus Sorgen und Bedenken, Überforderung oder fehlender Information entsteht oder Stereotype, Ressentiments und Klischees vor sich herträgt. Ich wünschte mir für uns eine Gesprächskultur im Geist des heiligen Ignatius. Es muss uns zuerst darum gehen, die Aussage des anderen zu retten, anstatt sie zu verurteilen.

Großveranstaltungen wie „MEHR“ in Augsburg oder der „Willow Creek Leitungskongress“, der ab dem 12. ­Fe­bruar in Dortmund stattfindet, ernten auch Kritik. Glaube soll hier zu stark individualisiert werden. Wie stehen Sie zu solchen Veranstaltungen auf dem Gebiet des Erzbistums?

Ich glaube, wir müssen mit dem Thema behutsam umgehen und prüfen, welche Etikette, welche Adjektive wir benutzen. „Zu individualistisch“, „zu wenig diakonisch“ – man muss sich gut anschauen, was damit gemeint ist. Auch hier braucht es gute Unterscheidung. Ich glaube, dass in diesen Bewegungen sehr wohl etwas angesprochen wird, was Menschen bewegt. Sonst würden sie nicht eine solche Resonanz auslösen. Es gelingt anscheinend sehr gut, Menschen in einer Weise anzusprechen, dass sie persönliche, innerlich berührende Erfahrungen machen können. Es gelingt zu sensibilisieren, was es heißt: eine persönliche Gottesbeziehung zu entwickeln. Dieser – von konkreter Erfahrung herkommender – Ansatz ist nicht zu unterschätzen. Ob das jetzt individualistisch ist – ein solches Etikett will ich gar nicht. Zudem zeigt sich, dass über einen solchen Ansatz auch ein erlebbares „Wir“ entsteht.

Den Wunsch nach Spiritualität gibt es also immer noch in der säkularen Gesellschaft?

Es gibt die Sehnsucht nach geistiger, spiritueller Erfahrung. Da bin ich überzeugt. Aber wir haben verlernt, wie das geht, eine innere Erfahrung zu machen. Wie geht das, geistlich etwas zu spüren? Genau an diesen Punkten wird aber auch deutlich, dass wir sehr sensibel und mit großer Behutsamkeit damit umgehen müssen. Wenn es um emotionale, innere Erfahrung geht, sind Menschen sehr verletzlich. Denn wenn ich innere Erfahrungen ermöglichen möchte, Menschen auch emotional treffen will, dann habe ich eine Riesenverantwortung nämlich nicht manipulativ zu werden und dafür, dass dieses „Wir“ wirklich eingebunden bleibt in das Gesamt einer Kirche. Das sind die Fragen, die ich habe. Also auch hier: sorgfältig unterscheiden, das Gute entdecken und zugleich wach und sensibel die Gefährdungen im Blick behalten. Schnelle Urteile liegen meist falsch.

Seit Sie Erzbischof sind, hat sich auch in der Kommunikation einiges entwickelt. Sie sind sehr stark in den sozialen Medien involviert und posten regelmäßig. Führt das tatsächlich zu mehr Kontakt mit den Gläubigen oder fördert das eher den schnellen Konsum?

Ich mag es nicht, in Entweder-­oder zu denken. Ich glaube, das wird der Gesamtsituation nicht gerecht. Wir sind als Kirche in einer Gesellschaft, die von bestimmten Kommunikationsdynamiken geprägt ist. Diese Dynamiken muss ich kennen, muss ich wahrnehmen, mit denen muss ich umgehen, wenn ich inhaltlich etwas erreichen will. Ich habe immer noch den Anspruch, dass wir in einem guten Sinn missionarisch gesendet sind, um profiliert diese Gesellschaft zu prägen und mitzugestalten, Menschen zu erreichen und Menschen in einem positiven Sinne zu gewinnen. Wenn das so ist, dann müssen wir mit bestimmten Kommunikationsmitteln in guter und kompetenter Weise umgehen.

Es geht auch um die Nähe zu den Menschen …

Wenn wir sagen, wir wollen als Kirche nah am Menschen sein, bringt das vieles auf den Punkt. Die meisten sagen zunächst: Ja, wir wollen räumlich nah vor Ort bleiben. Und das ist auch richtig. Nur nah am Menschen zu sein, passiert noch einmal auf ganz anderen Ebenen. Sind wir sprachlich nah an den Menschen? Sind wir denn thematisch nah an den Menschen dran, also wirklich nah an den Themen, die sie umtreiben? Deswegen bin ich dankbar, dass ich in ein Erzbistum gekommen bin, das früh und intensiv in Kommunikation investiert hat. Das hat nicht mit mir angefangen. Wenn ich eine solche Kommunikation will, dann braucht es auch meine Bereitschaft, sich dieser Dynamik auszusetzen. Ich will möglichst viele mit unserer Botschaft erreichen und Interesse wecken. Das ist mein Auftrag als Hirte. Ich muss zeigen, worum geht es diesem Erzbistum, was sind seine Themen, wie vielfältig und reich ist kirchliches Leben im Erzbistum Paderborn! Mir wäre es oft recht, wenn noch viele andere Köpfe dafür präsent sind, was sie – wenn man genauer hinschaut – auch tatsächlich sind. Ein Bistum ist nie die „One-Man-­Show“ des Bischofs!

Also doch mehr als schneller Konsum?

Es gibt diesen schnellen Konsum, was ich auch an der Resonanz eines Posts sehe. Ich kann aber nicht sagen, dass nur irgendwelche „Happy-Event-­Geschichten“ durch die Decke gehen – Hauptsache, so verrückt wie möglich. Das stimmt nicht. Ein Post auf Instagram zum Beispiel, in dem ich mich zurückgemeldet habe aus der Stille des Klosters, von Gebet und Meditation erzählt habe, hat mehr Resonanz ausgelöst als ein Post über den Besuch im Fußballstadion. Es braucht bei diesen Medien immer beides: Unterhaltungscontent und Inhalt, Ernst und Botschaft.

Das vergangene Jahr stand im Zeichen der Hoffnung. Was nehmen Sie aus dem Jahr mit?

Zum Abschluss des Jahres, als wir den Schlussgottesdienst gefeiert haben, hatten wir Vertreterinnen und Vertreter aus allen zwölf Hoffnungsorten eingeladen. Ich habe mir im Vorfeld lange Gedanken darüber gemacht, was die Botschaft für diesen Gottesdienst sein könnte. Legst du da jetzt noch etwas drauf, einen neuen Gedanken zur Hoffnung? Ziehst du vor allem Bilanz in Zahlen? Da ist mir deutlich geworden: Ich hätte eine Erfolgsbilanz auch mit Zahlen belegen können. Aber darauf kommt es nicht an. Ich bin sehr froh über die Art und Weise, wie wir das Heilige Jahr gestaltet und genutzt haben. Die Leute haben im Laufe des Jahres erfahren: Mensch, das ist ein Thema, bei dem das Heilige Jahr konkret werden kann. Es war nicht meine Idee, sondern die Idee der Konzeptionsgruppe, zu sagen: Bekommen wir das nicht hin, dass wir zwölf Orte mit unterschiedlichen Schwerpunkten einbringen, an denen Hoffnung konkret wird? Dass es so gelungen ist, dass das Heilige Jahr nicht etwas Abgehobenes geworden ist, finde ich großartig. Der Erfolg ist, wenn Menschen an diesen Orten für sich entdeckt haben, was Hoffnung ist und vielleicht sogar gespürt haben: Das hat mir gutgetan, das hat mir neue Hoffnung gegeben. Das ist für mich eine großartige Bilanz.

Was hat Sie persönlich besonders bewegt?

Ich war an einem Tag in Marsberg. Da haben wir einen Gottesdienst gefeiert mit 50 Schwerstkranken und ganz alten Menschen, die die Krankensalbung empfangen haben. Das war für mich ein berührender Gottesdienst. Am gleichen Tag war ich in der forensischen Klinik vom LWL und habe mit Strafgefangenen einen Nachmittag verbracht. Manche waren Christen, manche Muslime, manche gar nicht gläubig. Die Strafgefangenen haben mir erzählt, was für sie Hoffnung in ihrer Situation bedeutet. Wir hätten stundenlang zusammensitzen können. Ein Beispiel, das mich besonders berührt hat: Ein Gefangener erzählte, dass er seine Strafe absitzen, vor allem aber seine Sucht bewältigen muss – und er das unbedingt erreichen will, vor allem wegen seines Kindes. Das motiviert ihn, gibt ihm Kraft und lässt ihn nicht verzweifeln. Aber er hat Angst, dass er es nicht schafft, seine Sucht zu bewältigen. Hoffnung? Er hofft, dass es jemanden – einen Gott? – gibt, der hilft, wenn die eigene Kraft nicht ausreicht. Er hat die Hoffnung, dass er nicht nur auf sich selbst angewiesen ist. Eine Begegnung, die mich besonders bewegt hat. Großartig! Allein dafür hat sich alles gelohnt.

Brauchen Menschen diese christliche Hoffnung überhaupt noch?

Eine spannende Frage: Worauf baut ein Mensch seine Hoffnung, wenn er nicht an Gott glaubt? Hoffnung aber brauchen wir, um im Erschöpfungszustand unserer Gesellschaft ein Stück weiterzukommen. Hoffnung verbindet uns in einer säkularen Gesellschaft, auch wenn sie unterschiedlich motiviert ist. Wir können gerade jetzt neu entdecken, wie stark unsere christliche Hoffnungsbotschaft ist, die wir haben. Sie hat noch nicht abgedankt. Wir sind in der Gesellschaft präsent, indem wir unsere Botschaft anbieten, nicht aufdringlich, aber selbstbewusst. Das wäre auch die Haltung, die für den Gestaltwandel in den pastoralen Prozessen in der Fläche wichtig ist.

0 Kommentare
Älteste
Neuste
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anschauen