Wieso Pfingsten?
„Zu Pfingsten sind die Geschenke am geringsten“, spottete einst Bert Brecht. Dabei ist Pfingsten praktisch: freie Tage, in allen Sprachen reden – und vor allem: mehr Geist.
Es gibt ein paar Tage, die die Bundesbürger besonders gern mögen – auch wenn sie meist gar nicht verstehen, warum sie nicht zur Arbeit müssen: kirchliche Feiertage. So wird aus dem Todestag Jesu Christi, dem Kar-Freitag (althochdeutsch für „Kummer“ oder „Klage“) der „Car-Freitag“, der für Raser und Autoschrauber die Saison der illegalen Straßenrennen einläutet. Auch andere Kirchenfeste sind heute vor allem Grill- und Event-Tage, etwa Christi Himmelfahrt, als „Vatertag“ bekannt. Und jetzt kommt Pfingsten – was soll das eigentlich?
Anders als die Reiseströme unserer Tage suggerieren könnten, ist Pfingsten nicht im niederländischen Zeeland entstanden. Man muss zurückgehen in den schillernden religiösen Kosmos des antiken Nahen Ostens, um die Entstehung dieses Festes der Ausgießung des Geistes verstehen zu können. Wie schon der Aggregatzustand von „Geist“ nahelegt, ist Pfingsten schwer zu fassen: keine Deko, kein Produktmarketing. Nur „Geist“… – Geht es da denn mit rechten Dingen zu?
Zeitlicher Ankerpunkt für das christliche Osterfest, also die Auferstehung, war das jüdische Pessach-Fest, das Jesus beim Letzten Abendmahl am Gründonnerstag in Jerusalem mit seinen Jüngern feierte. Es war der Vorabend seiner Kreuzigung. 50 Tage nach Pessach (pentekoste = griechisch „fünfzig“) feierten die Juden „Schawuot“, das sogenannte Wochenfest – eben sieben Wochen nach Pessach. Schawuot ist zugleich ein Erntedank, da es den Abschluss der Weizenernte markiert.
In anderer Menschen Sprachen reden
Die Jünger Jesu, die natürlich weiter den jüdischen Festkalender pflegten, waren an diesem Tag versammelt. Die Apostelgeschichte berichtet, wie sie durch das Pfingstwunder „mit Heiligem Geist erfüllt wurden und begannen, mit anderen Zungen zu reden“. Jeder in Jerusalem, auch die Fremden aus anderen Ländern, konnte sie in ihrer Sprache reden hören.
Dieses sogenannte Sprachenwunder, das als das Geburtsfest der Kirche gilt – damals wuchs die Jerusalemer Gemeinde von 120 auf mehr als 3.000 an – deuten Theologen so, dass die christliche Botschaft überall verkündet werden solle. Der Geist als eine der drei Personen Gottes (Vater, Sohn, Heiliger Geist) ist nach kirchlicher Lehre in die Welt gesandt, um die Botschaft Jesu lebendig zu halten. Zugleich ist er Kraftquelle und Verkündigungsauftrag für alle Christen, der die 50-tägige Osterzeit abschließt.
Volkskundlich gesehen ist Pfingsten ein Frühlingsfest, ähnlich dem 1. Mai. Bräuche, die mit Wachsen, Blühen und Wiedererwachen der Natur zu tun haben, tauchen vor dem nahenden Sommer noch einmal auf. Flurumritte, Grenzabschreitungen und Prozessionen sollen der neuen Saat Segen bringen.
Bunte Triebe sind das Schmücken bis Schlachten des Pfingstochsen, Geißbockversteigerungen oder der „Pfingstquack“: eine Verballhornung des lateinischen Wortes für „fünfzig“, bei dem im Elsass, in der Pfalz oder im Saarland junge Männer mit Handkarren durchs Dorf ziehen, um Speis und vor allem Trank einzutreiben. Schließlich gingen vor der neuen Ernte allmählich die alten Vorräte zur Neige. Kaum noch praktiziert wird der Umgang des „Schnoock“, „Pfingstlümmels“ oder „Maimanns“, einer Laubgestalt zur Winteraustreibung.
Im besten Fall belächelt
Was die Apostelgeschichte aus dem religiös aufgeheizten Jerusalem vor 2.000 Jahren berichtet, ist heute freilich nicht mehr eins zu eins zu übertragen. Wer heute glossolalierend, also ohne vernehmbaren Sinn sprechend, durch die Straßen liefe, würde im besten Fall belächelt, im schlechtesten wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses buchstäblich aus dem Verkehr gezogen. Selbst damals fühlte sich der Apostel Petrus genötigt zu beteuern, dass diese Männer nicht „vom süßen Wein betrunken“ seien, sondern dass sich hier Prophetie erfülle.
Manche christlichen Pfingstgemeinschaften sprechen heute vom „Fehler des Aufhörens“ – und meinen damit die moderne rationalistische Ablehnung religiöser Ekstase und eine Verschließung gegenüber göttlichen Offenbarungen. Ohne solche Formen religiöser Entäußerung moralisch bewerten zu wollen: Mehr internationale Verständigung und ein bisschen zusätzlicher Geist könnten doch gerade unserer Zeit kaum nicht schaden. In diesem Sinne: Frohe Pfingsten!
KNA