Als sich Hitler in eine Dorfkirche in Lothringen stahl
In vielen der Nachbardörfer ist der Turm des Getreidesilos die höchste Erhebung. So auch in Vasperviller. Nur: Das hier ist kein Silo.
„Viel los“ ist nicht, hier im ländlichen Lothringen, ungefähr 10 bis 15 Kilometer Luftlinie bis zur Grenze zum Saarland. In vielen Dörfern ist der Turm des Getreidesilos die höchste Erhebung. So ist es auch in Vasperviller, im Département Moselle. Doch halt: Das hier ist gar kein Silo, sondern eine Kirche. Und was für eine!
Vasperviller, deutsch Wasperweiler, lothringisch Woschperwiller mit seinen rund 320 Einwohnern liegt an der Roten Saar, in den nordwestlichen Ausläufern der Vogesen, gut zehn Kilometer südlich von Sarrebourg. Hier, ausgerechnet hier, entstand Mitte des 20. Jahrhunderts, nach den schrecklichen Jahren des Zweiten Weltkriegs, ein kleines Wunderwerk des modernen Kirchenbaus. Und dafür kamen gleich mehrere ungewöhnliche Faktoren zusammen, die der Historiker Michael Kuderna intensiv erforscht und beschrieben hat.
Da war zunächst ein Gelübde dreier lothringischer Soldaten inmitten ihrer Schlachten. Da war der Ortspfarrer, der sich für moderne Sakralkunst begeisterte; seine kleine Gemeinde, die mitzog. Und da war Karl Litzenburger, Jahrgang 1912; ein rheinpfälzischer Architekt und Soldat, entsetzt vom nazideutschen Krieg und in die Region übergesiedelt.
Beistand vom Kulturminister
Sie fassten den Entschluss, im Ort eine Kirche zu errichten; mit ganz beschränkten finanziellen Mitteln, aber mit großer Kühnheit – und dem besten Sachverstand und Können, die sie zusammentragen konnten. Ein Jahrzehnt verging mit Planung, Selbststudium und allerlei Klinkenputzen. Unter anderem verschaffte Kulturminister André Malraux dem deutschen Diplom-Ingenieur Litzenburger die volle statt der bis dato nur eingeschränkten Berufsfreiheit als Architekt.
Als der Kirchbau 1967 endlich beginnen konnte, hatte das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) schon eine weitere wichtige Komponente zugeliefert: Die Liturgiereform stellte nun die Gemeinde und die Sammlung zum Gebet stark in den Mittelpunkt.
Die Kirchweihe zu Ehren der heiligen Theresia vom Kinde Jesu fand am 29. September 1968 statt. Die Gemeinde besitzt sogar Reliquien der Therese von Lisieux (1873-1897). Nicht nur durch das geneigte Dach; auch in seiner betonten Schlichtheit im Inneren erinnert das markante Gotteshaus aus Beton und Ziegeln an die berühmte Le-Corbusier-Kirche in Ronchamp in der Region Franche-Comté.
Unter all den Besonderheiten des Kirchbaus von Vasperviller hat es mit den 17 farbenprächtigen Bleiglasfenstern der Nordfassade noch einmal eine ganz besondere Bewandtnis. Ihr Thema ist der Stammbaum Christi; und häufig sind es Frauen, die hier die biblischen Geschichten vermitteln. Geschaffen hat sie ebenfalls eine Frau: die Ärztin Gabriele Kütemeyer, Tochter eines Heidelberger Freundes von Architekt Litzenburger aus gemeinsamen Zeiten des Widerstands im Krieg.
Kütemeyer, die heute am Bodensee lebt, erzählte später dem Buchautor Kuderna: „Ich hatte gerade Staatsexamen gemacht und keine Lust, sofort in die Klinik zu gehen.“ Da passte es, dass Litzenburger bei einem Besuch der Eltern eine Zeichnung von Gabriele sah und sagte: „Solche Fenster will ich haben.“
Im Dialog mit der Bibel – und mit den Gemeindemitgliedern in Lothringen – schuf die Medizinerin-Künstlerin also in ihrem Sabbatjahr den Zyklus alttestamentlicher Erzählungen – ehrenamtlich, ohne Honorar. Eine der unregelmäßig großen Fenster erregt seit jeher besondere Aufmerksamkeit: das sogenannte Hitler-Fenster.
Der "Führer" als Götze
Die Szene symbolisiert den Sieg des Christentums über das Heidentum und heißt: „Rahel stiehlt ihrem Vater die Götzenbilder“ (Genesis 31). Und wen trägt Rahel da als Hausgott unterm Arm? Adolf Hitler, den „Führer“ als Dämon; unverkennbar mit Schnäuzer und bösem Blick; unschwer zu deuten als Mahnmal gegen die Tyrannei, die auch Lothringen noch wenige Jahrzehnte zuvor heimgesucht hatte. Später berichtete Kütemeyer, ihr Vater habe sie auf die Idee gebracht, weil er immer von „Götzenanbetung“ in der NS-Zeit gesprochen habe.
Im hinteren Teil der Kirche von Vasperviller eine weitere Besonderheit mit theologischem Tiefgang: ein Mahnmal für drei Märtyrer der Neuzeit, mit ihren Namen und Lebensdaten. Ein katholischer Priester, ein Mennonit und ein Juden aus der Region – sowie Beil, Schlinge und Gaskammer. Beklemmend.
Es ist wohl bezeichnend, dass die Ideengeber, Künstler und Erbauer der Gemeindekirche von Vasperviller danach wieder an ihre „normale“ Arbeit gingen. Der bescheidene Architekt Litzenburger baute wieder bescheidene Wohnhäuser; die Glaskünstlerin Kütemeyer wurde in der Schweiz zur Psychotherapeutin; und die Bauunternehmer und Handwerker der Region setzten wieder anderes ins Werk. Die Kirche von Vasperviller wurde 2016/17 vom französischen Staat als „bemerkenswertes Zeugnis zeitgenössischer Architektur“ anerkannt.
KNA