Eine Frage der Menschenwürde
Anonyme Gräber, zerstörte Friedhöfe, unflexible Regeln: Der Umgang mit Toten ist vielerorts ein Spiegel gesellschaftlicher Brüche und Konflikte. Fachleute appellieren an die Menschlichkeit.
Ein Video dokumentiert das Abscheuliche: Im Konflikt um Bergkarabach baumelte ein Totenschädel an einem Militärlaster – vermutlich ausgegraben aus einem geschändeten armenischen Grab. In China werden uigurische Grabstätten dem Erdboden gleichgemacht, im Iran jene der Minderheit der Bahai. Dabei enden die Menschenrechte nicht mit dem Tod, mahnt die UN-Sonderberichterstatterin für Religions- und Weltanschauungsfreiheit, Nazila Ghanea.
Eine vielbeachtete Veranstaltung der Hilfswerke Renovabis und missio Aachen sowie der Deutschen Kommission Justitia et Pax hat den „Umgang mit den Toten als Frage von Menschenwürde, Religions- und Weltanschauungsfreiheit“ jetzt in den Mittelpunkt gestellt. Dabei zeigt sich auch: Verstöße gegen die Totenruhe, Vandalismus und weitere Herausforderungen gibt es nicht nur in autoritären Regimen und Kriegsregionen – sondern auch vor der eigenen Haustür.
Kein Abschied
32.000 Friedhöfe sind insgesamt in Deutschland zu zählen. Vor zwei Jahren gab es Übergriffe auf allein 39 der jüdischen darunter, berichtet Bernd Hirschberger von Justitia et Pax. Ebenso stelle sich hierzulande die Frage, wie sich die Gesellschaft um Menschen kümmere, die allein gestorben sind: Rund 1.000 Menschen würden inzwischen jährlich „von Amts wegen“ beigesetzt, weil sich keine Angehörigen kümmern könnten oder wollten.
Naturkatastrophen und Epidemien können den Umgang mit Tod und Sterben ebenfalls herausfordern: In der Coronazeit konnten sich viele Menschen nicht von ihren Verstorbenen verabschieden, die Ahrtalflut hinterließ auch auf dem Friedhof von Ahrweiler massive Zerstörung.
Anderswo kommen diskriminierende Regelungen hinzu: Der Bibelwissenschaftler Shirley Lal Wijesinghe erinnert an die Kremierungspflicht, die in Sri Lanka während der Pandemie für Proteste sorgte. Nicht nur habe diese Anordnung der Regierung den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation widersprochen – sondern viele Familien hätten nie erfahren, wo jemand bestattet wurde.
Blumen auf dem Meer
Francesca Saccomandi ist für die Organisation Mediterranean Hope auf Lampedusa im Einsatz, wo mitunter in wenigen Tagen bis zu 1.000 geflüchtete Menschen ankommen. Noch viel mehr ertränken weiterhin auf dem Mittelmeer, mahnt die Helferin. Inzwischen mache die Erinnerungsarbeit einen großen Teil ihrer Arbeit aus – auch wenn man sich fragen könne: „Was bedeutet Gedenken, welchen Sinn haben Blumen auf dem Meer, wenn wir keine angemessenen Maßnahmen ergreifen, um diese Todesfälle zu verhindern?“
Saccomandi und andere versuchen daher, Informationen über Verstorbene zu sammeln und Grabstätten auf Lampedusa so würdig wie möglich zu gestalten. Sie beklagt eine „politische Indifferenz“: Es gebe keine offiziellen Bestrebungen, um diese Leichname zu identifizieren. Viele Familien bekämen niemals Antworten; muslimische Tote könnten meist nicht – wie in ihrer Religion vorgesehen – innerhalb von 24 Stunden bestattet werden.
Die Aufmerksamkeit für ertrinkende Flüchtlinge auf dem Mittelmeer habe generell nachgelassen, sagt Saccomandi: „Das Thema findet kaum Resonanz.“ Zuletzt hatte Papst Leo XIV. die Insel als „Bollwerk der Menschlichkeit“ gewürdigt und an die Worte seines Vorgängers Franziskus erinnert, der bereits 2013 in Lampedusa eine „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ angeprangert hatte. Am 4. Juli will auch Leo nach Lampedusa reisen.
Bestattungsrecht bundesweit harmonisieren
Zurück nach Deutschland: Unterschiedliche Riten müssten auch hierzulande stärker berücksichtigt werden, fordert die Religionsbeauftragte der Grünen, Lamya Kaddor. Das Bestattungsrecht, das Ländersache ist, müsse bundesweit stärker harmonisiert werden: So sei es auch hierzulande praktisch kaum jemals umsetzbar, muslimische Verstorbene binnen 24 Stunden zu bestatten.
Rituelle Waschungen seien schwer zu organisieren, islamische Friedhöfe gebe es nur selten, und die Sargpflicht sei noch nicht in allen Ländern gelockert worden. Im Islam ist die Bestattung in Leinentüchern vorgesehen. „Ein bundesweiter Mindeststandard wäre wünschenswert“, sagt die Islamwissenschaftlerin.