3 Min.
18.06.2026
Jörg Meyrer, Pfarrer der Pfarreiengemeinschaft Bad Neuenahr-Ahrweiler, hat beim Bonifatius-Verlag ein neues Buch veröffentlicht.
Foto / Quelle: Harald Oppitz/KNA

Auf der Suche nach Aufbruch und Hoffnung

„Zusammenhalten“ hieß das sehr erfolgreiche Buch von Pfarrer Jörg Meyrer über die Flut im Ahrtal. Zum fünften Jahrestag erscheint nun „Aushalten“.

Bad Neuenahr-Ahrweiler

Nach „Zusammenhalten“ jetzt „Aushalten“. Doch auch wenn das neue Buch von Pfarrer Jörg Meyrer kurz vor dem fünften Jahrestag der Flut im Ahrtal erscheint, ist es keine klassische Fortsetzung. Damals beschrieb der Geistliche aus Bad Neuenahr-Ahrweiler sehr bewegend die Erlebnisse rund um die Katastrophe. Dadurch und durch seine Präsenz in den Medien wurde er zu einer Art „katholisches Gesicht der Ahrflut“, dessen Texte vielen Trost und Hilfe waren.

In seinem neuen Buch geht es aber nur noch am Rande um die Flut. Vor allem thematisiert der 63-Jährige eine ganz andere Krise: das „sterbende System der Volkskirche“, wie er es im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) nennt. „Was uns trägt, wenn nichts mehr trägt“ heißt der Untertitel. Und Meyrer wird darin auch sehr persönlich, etwa wenn er von eigenen Zweifeln und Therapieerfahrungen schreibt und dunkle Zeiten schildert, bis hin zum Suizid seines Bruders.

Kein unverwundbarer Priester

„Ich war noch nie der glatte und unverwundbare Priester, der über allem steht und immer sofort eine Lösung parat hat“, betont er. Und fügt hinzu, warum er vom „Sterben der Volkskirche“ spricht, was vielen zu schaffen mache, die noch andere Zeiten in Erinnerung haben.

Ob Kirchenbesuch oder Jugendarbeit, ob Kirchensteuern, Priester oder Ehrenamtliche – überall erlebt die katholische Kirche in Deutschland schmerzhafte Ein- und Abbrüche. Auch Missbrauch und der Umgang damit trügen ihren Teil dazu bei. Doch noch immer, so Meyrer, träumten viele von einem „Weiter so“. Dabei habe „nicht alles, was hier stirbt, auch eine Wiederbelebung verdient“.

Zumal das Sterben schon immer zur Kirche gehöre wie der Karfreitag zum Ostersonntag, ergänzt der Pfarrer: „Jesus ist ja auch kein Zombie, der nur wiederbelebt wurde.“ In der Geschichte habe es immer wieder solche „Phasen des Sterbens und des Nicht-mehr-Wissens, wie es weitergeht“ gegeben. Etwa in der Nazi-Zeit, unter Bismarck oder bei Napoleon. Und daraus seien immer neue Aufbrüche entstanden.

Der Geistliche legt den Finger in die Wunden und spricht sicher vielen engagierten Katholikinnen und Katholiken aus tiefster Seele in seiner Zustandsanalyse. Doch das schafft er ganz ohne Weinerlichkeit und Selbstmitleid. Wobei er das titelgebende „Aushalten“ klar vom rein passiven „Erdulden“ unterscheidet: „Aushalten ist eine aktive Haltung und heißt, dem Schwierigen einen Platz geben, ohne es zu beschönigen. Nicht weglaufen, sondern standhalten.“

Quellen, die in schweren Zeiten tragen

Was beim Standhalten helfen kann, beschreibt Jörg Meyrer auch, denn das ist ja sein Ziel: „Hoffnung machen und zeigen, dass es sich lohnt, dabeizubleiben und sich weiter zu engagieren.“ Für ihn persönlich gehören Bewegung und Begegnung zu den Quellen, die ihn auch durch schwere Zeiten tragen – außerdem „Zeit für mich, Zeit für das Gebet und die Natur“.

Auch Gottvertrauen spielt eine wichtige Rolle – wobei dieser Gott nicht der „liebe Gott aus Kinderzeiten“ ist: „Ich glaube an einen Gott, mit dem ich ringen muss und darf. Der mit mir ringt und mich nicht loslässt. Auch wenn ich andere Wege gehen will. Er hat mich immer zurückgeholt.“

Und hier kommt dann doch auch mal die Zeit der Flut ins Spiel: Seitdem ist ihm das Evangelium von der Brotvermehrung ein echter Trost: „Nicht wir müssen die viele Not beantworten, den Hunger stillen. Das macht Jesus. Unser Dienst ist: Die fünf Brote und zwei Fische, die wir haben, ihm zu geben. Oder anders: Das wenige, was wir können, tun – und staunen, was er mit dem Wenigen machen kann.“

Meyrer beschreibt auch eine Kirche der Zukunft – nach dem Sterben der Volkskirche: Diese werde „kleiner sein und demütiger, offen und bekennend“. Macht und Leitung müssten geteilt werden – in Teams mit Frauen und Männern, Haupt- und Ehrenamtlichen. Und: „Nicht Macht, sondern Glaubwürdigkeit wird entscheidend.“

Als Kirche nah an den Menschen

Dabei geht es ihm – nach vielen kräftezehrenden Erfahrungen in Bistumssynoden und anderen Reformdebatten – weniger um Strukturen, sondern vor allem um eine Kirche vor Ort, die nah an den Menschen ist. Die ein offenes Ohr und Herz hat für deren Alltagsnöte und die rausgeht aus den eigenen Mauern, auch über die (Sozialen) Medien.

Seine eigene Rolle beschreibt der Pfarrer so: „Vor allem nicht dem Heiligen Geist im Weg stehen. Nicht verhindern, sondern ermöglichen. Und Menschen ermutigen, die Ideen, die sie haben, auch umzusetzen.“

Dazu will Jörg Meyrer auch mit seinem neuen Buch beitragen, ohne fertige Rezepte zu liefern oder auch nur anzudeuten, er habe solche in der Tasche: „Ich habe Mosaiksteine gesammelt, die mir Kraft geben, weiterzumachen und auszuhalten. Und mein Wunsch ist, dass jeder so in seinem Leben schaut: Was gibt Kraft und macht Mut? Sammelt Eure eigenen Mosaiksteinchen, auch wenn diese noch lange kein fertiges Bild ergeben.“

KNA

Service

Jörg Meyrer: „Aushalten: Was uns trägt, wenn nichts mehr trägt“, Bonifatius Verlag, 192 Seiten, 18 Euro.

0 Kommentare
Älteste
Neuste
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anschauen