Zum Teil der Lösung werden
Bis zum 27. Mai wartet der Escape-Room „Fixing Boat – Finding Identity“ in der Kirche St. Michael in Brakel auf Besucher.
Der weiße Container steht eingequetscht zwischen dem Altarraum und dem Taufbecken aus dem 17. Jahrhundert, als hätten ihn Außerirdische in der Kirche St. Michael abgesetzt. Zu siebt sitzen wir im Stuhlkreis vor der Stahlkiste: Dirk Damm und Julia Hansmeyer von ADA, der Agentur für Antidiskriminierungsarbeit in Warburg, und fünf Teilnehmende, die den Escape-Room „Fixing the Boat – Finding Identity“ besuchen wollen. Die Antidiskriminierungsagentur hat den Escape-Room für gut einen Monat nach Brakel geholt. SABRA, eine jüdische Initiative aus Düsseldorf, ist seit zwei Jahren mit dem Escape-Room in Deutschland unterwegs.
Vor Ort unterstützt eine Veranstaltergemeinschaft den Escape-Room. Viele ehrenamtliche Mitarbeitende begleiten die Besuchergruppen durch den Escape-Room. Diese Multiplikatoren wurden in einer zweitägigen Schulung auf ihre Aufgabe vorbereitet.
Julia Hansmeyer und Dirk Damm sind unsere Multiplikatoren. Sie mussten keinen Vorbereitungskurs mehr besuchen, weil sie den Escape-Room schon vor zwei Jahren nach Warburg geholt haben und damals bereits Teilnehmergruppen anleiteten. „Es kommt nicht darauf an, Wissen anzuwenden, sondern auf den Zusammenhalt“, sagt Dirk Damm zur Vorbereitung. Die beiden Multiplikatoren sehen von außen, was wir fünf Teilnehmer im Escape-Room unternehmen, und sie können uns mit Nachrichten weiterhelfen, die sie auf ein Tablet senden. Zum Abschied drücken sie uns das Gerät in die Hand und bitten um die Handys und Uhren. Kontakte zur Außenwelt würden den „Flow“ stören. Wir sollen ganz in die Welt im Escape-Room eintauchen.
Die Welt wiederherstellen
Noch bevor wir durch die Eingangstür gehen, fällt das Wort „Tikkun“ neben dem Türrahmen auf. Das Wort ist Teil des zentralen Prinzips „Tikkun Olam“ im Judentum, das übersetzt bedeutet, „Welt wiederherstellen“ oder zu „heilen“. Im Escape-Room sollen wir lernen, wie jeder dazu beitragen kann, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Die wichtigste Verhaltensweise, die zu diesem Ziel führt, ist Kooperation – mit anderen Menschen zusammenarbeiten. Der Escape-Room ist eine Kabine auf einem Schiff, das die Gruppe startklar machen muss, bevor ein Sturm ausbricht. Auf diese Weise sollen wir uns selbst als Teil einer Gemeinschaft erleben, so wie es der Titel sagt: „Fixing the Boat – Finding Identity“. Wir sind im Escape-Room Teil der Lösung.
Zuerst müssen wir vier Funktionen aktivieren, die für die Seefahrt wichtig sind: Kommunikationsgerät, Kompass, Steuerrad und Anker. Sie können in Betrieb genommen werden, wenn die Teilnehmenden Rätsel lösen. Das ist nicht so einfach, auch weil die Zeit drängt. Der Sturm im Hintergrund wird immer stärker. Drei der fünf Teilnehmenden in unserer Gruppe sind zum ersten Mal in einem Escape-Room. Ihnen fällt es nicht leicht, sich auf die spezielle Denkweise einzustellen, die zum Rätsellösen notwendig ist. Wir müssen Codes knacken und erfahren dabei viel über jüdische Lebenswelten: die jüdische Geschichte, jüdische Feiertage, jüdische Künstler und das Familienleben jüdischer Familien.
„Judentum ist mehr als Religion“, sagt Rea Rosenberg. Die Kulturpädagogin und Mitarbeiterin von SABRA hat den Escape-Room mitentwickelt und ist jetzt immer dabei, wenn die beiden mobilen Spielstätten des Projektes irgendwo in Deutschland Station machen. Sie begleitet den Aufbau und schult die Multiplikatoren. „Gedenkstätten- oder Synagogenbesuche sind ohnehin bekannt“, sagt Rea Rosenberg. „Über moderne jüdische Menschen und über das Leben in der Diaspora, also in einer Minderheit, ist weniger bekannt. Wir holen die Leute im Hier und Jetzt ab.“
Antisemitismus beginnt mit Nichtwissen und „Fremdmachung“. Wer den anderen nicht kennt, glaubt schneller an Klischees und Vorurteile. Das subtile Gefühl, dass ein Abstand zwischen mir und „denen“ besteht, ist jedoch automatisch weg, wenn es sich um ein Spiel und Zusammenarbeit handelt. „Es kommt auf die Form der Vermittlung an“, sagt Rea Rosenberg.
Aktiv werden
„Im Escape-Room muss man aktiv werden, etwas tun, lesen, handeln. Es wird nicht langweilig.“ Lehrer würden nach dem Spiel häufig zu Protokoll geben, wie außerordentlich es sei, dass Schülerinnen und Schüler 90 Minuten durchgehalten haben, ohne ihr Handy zu vermissen. Die Rückmeldungen sind insgesamt sehr positiv. Allein schon die Tatsache, dass es in den zweieinhalb Jahren seit dem Bestehen des Escape-Rooms keine antisemitischen Sprüche und Schmierereien gegeben hat, ist bezeichnend.
Unsere Gruppe schafft die Lösung – mit ein wenig Hilfe der beiden Multiplikatoren, die sich auf dem Tablet gemeldet haben. 70 Minuten haben wir dazu gebraucht, gerade noch rechtzeitig, bevor die Wellen auf dem Bildschirm bedrohliche Ausmaße annahmen. Wir haben die Lösung in einer guten Zeit geschafft, teilt uns Julia Hansmeyer mit, als wir wieder draußen vor dem Escape-Room-Container sitzen. Wir haben das Boot fahrtüchtig gemacht, weil wir zusammengehalten haben. Das ist eine Lehre, die mehr zählt als viele Unterrichtsstunden über das Thema Solidarität oder politische Reden, die den Zusammenhalt der Gesellschaft beschwören.
Zur Sache
Der Escape-Room bleibt bis zum 27. Mai in der Kirche St. Michael in Brakel. Anmeldungen sind per E-Mail (ada@diakonie-pbhx.de) möglich. Der Escape-Room ist ein Projekt von SABRA, einer Servicestelle der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, die durch das Land NRW gefördert wird. Die mittlerweile zwei Escape-Rooms haben in 20 Städten überall in Deutschland Halt gemacht. Rund um den Escape-Room, bis zum 27. Mai und teilweise sogar noch später, findet das Veranstaltungsprogramm „L’Chaim“ statt. Unter der Federführung des Pastoralen Raumes Brakeler Land laden mehrere Vereine und Gruppen zu den Veranstaltungen ein. Die Termine finden Interessenten auf der Webseite des Pastoralen Raumes unter: www.pr-brakel.dedtext