„Ich kenne die Sorgen und Nöte“
Viktor Schefer aus Delbrück empfängt am Samstag vor Pfingten das Sakrament der Priesterweihe. Im Interview spricht er über seinen Weg.
Wie ist bei Ihnen der Entschluss gereift, Priester zu werden?
Eigentlich war das schon mein Kindheitstraum, schon mit acht, neun Jahren. Nach meiner Erstkommunion hat sich das noch mal ein bisschen vertieft. Mich hat schon immer die Eucharistie sehr geprägt, ich konnte sehr viel Kraft daraus schöpfen, als Kind habe ich mich immer auf die heilige Messe gefreut. Über die Jahre hinweg ist der Wunsch stärker geworden, in der Pubertät hat sich das dann ein wenig gewandelt. Die Frage, was man sucht, stellt sich ganz neu. Ich habe mich dann entschlossen, eine Berufsausbildung zu machen und war im Einzelhandel tätig und anschließend im Vertrieb. 2012 habe ich dann mein Propädeutikum hier gemacht, bin aber 2013, nach Ende des Propädeutikums, wieder ausgetreten. Nicht, dass es vom Glauben her nicht gepasst hat, es war für mich noch nicht der richtige Zeitpunkt. Ich bin wieder ins Berufsleben zurückgegangen und habe im internationalen Vertrieb gearbeitet. 2020 bin ich nach reiflicher Überlegung ins Spätberufenenseminar St. Lambert in Lantershofen eingetreten. Vorangegangen waren viele Gespräche mit meinem früheren Delbrücker Heimatpfarrer Dr. Thomas Witt. Er hat mich über ein Dreivierteljahr 2019/2020 intensiv bei dieser Frage begleitet.
Sie haben es eben angesprochen, Sie waren als Kind von Eucharistie in gewisser Weise fasziniert. Sind Sie katholisch sozialisiert?
Auf jeden Fall; in erster Linie durch meine Mutter und meine Oma. Gebet und Kirche haben in meiner Familie immer eine große Rolle gespielt. Alle waren immer fest im Glauben. Daran hat sich über die ganzen Jahre hinweg nichts geändert. Mein Vater ist evangelisch, hat meinen Weg aber immer mitgetragen und unterstützt. Mir ist in Erinnerung, wie er mich – als ich Messdiener war – morgens geweckt hat, wenn ich später von einer Party nach Hause gekommen bin, damit ich rechtzeitig in der Kirche bin. Ihm war das nie egal.
Wie hat denn Ihre Familie reagiert, als Sie den Entschluss getroffen haben, Priester zu werden?
Sehr positiv. Beim zweiten Mal war von meinen Eltern allerdings zu spüren, dass sie sich die Frage gestellt haben, ob ich es diesmal wirklich durchhalte, nachdem ich einmal aus dem Priesterseminar ausgetreten war. Gleichzeitig haben sie sich gefreut und gehofft, dass ich meinen Weg wirklich gefunden habe. Also der typische Blick der Eltern auf den Sohn, weil der Beruf ja immer eine große Rolle spielt, wenn es um die Kinder geht. Meine Mutter sagte kürzlich noch, wie froh sie sei, dass es zu einem guten Abschluss komme.
Sie haben Thomas Witt erwähnt, gab es Priester in ihrem Leben, die Sie bestärkt oder motiviert haben, diese Richtung einzuschlagen? Hatten Sie ein Vorbild?
Mit dem Begriff Vorbild bin ich immer vorsichtig. Mein Delbrücker Heimatpfarrer Dr. Thomas Witt hat mich auf jeden Fall beeindruckt; ebenso wie Dr. Rainer Hohmann, den ich aus meiner Zeit im Clementinum kenne. Es gab Priester und Mitstudenten, die über die Jahre gute Freunde geworden sind, mit denen ich mich immer austauschen konnte – auch als ich nicht im Priesterseminar gelebt habe.
Sie sind in diesem Jahr der einzige Weihekandidat, die Zahl der Priester wird stark schwinden. Was bedeutet das für Sie, wenn diese Gemeinschaft immer kleiner wird?
Nicht nur die Zahl der Priester schwindet, auch die Zahl der anderen pastoralen Berufe schwindet, die gesamte Gemeinschaft der Gläubigen wird kleiner. Schauen Sie nur auf die Gottesdienstbesucher. Gleichzeitig bedeutet ja nicht, dass wenn etwas kleiner wird, es auch gleichzeitig schlechter wird. Auf jeden Fall wird es anders. Ich habe das in meiner Zeit als Diakon in Soest deutlich gemerkt, allein die Aufgabenbereiche werden größer. Der Einzelne muss mehr übernehmen; aber darauf freue ich mich sowie auf die vielen schönen Aufgaben in der Pastoral. Denn ich habe auch gemerkt, dass Priester sehr gebraucht werden innerhalb der Gemeinde – von allen Altersgruppen. Das hat mich sehr gestärkt in dem Sinne, dass ich gemerkt habe, dass ich willkommen bin. Das ist eine große Motivation!
Durch den Bistumsprozess gerät vieles in Bewegung. Wie blicken Sie auf das, was auf Sie zukommt?
Der Prozess ist angestoßen, aber noch lange nicht abgeschlossen. Alles muss sich entwickeln, und niemand kann heute sagen, welche Entscheidungen richtig sind, die getroffen werden. Mein Vertrauen in die Bistumsleitung ist groß und ich habe vollstes Vertrauen, dass sie die richtigen Entscheidungen für unser Erzbistum, auch mit Hinblick auf die „Zeichen der Zeit“, treffen werden. Die zentralen Aufgaben der Priester werden bleiben: Das sind die Spendung der Sakramente, im Mittelpunkt die Feier der Eucharistie. Wichtig ist es, ansprechbar zu sein und selbst Menschen anzusprechen. Ich hatte im Diakonat die unterschiedlichsten Begegnungen – in der Grundschule mit Kindern, in der JVA Werl mit Straftätern. Ich bin sehr dankbar für die Erfahrungen, die ich machen konnte. Unabhängig davon, was meine Aufgaben sein werden, weiß ich, dass Gott mir den richtigen Weg zeigen wird. Ich sehe keinen Grund, pessimistisch zu sein.
Das Image der Priester hat sich gewandelt – in der Gesellschaft und innerhalb der Kirche. Was heißt das für Sie?
Man hat auch in den Gemeinden einen anderen Status, glaube ich. Das sehe ich aber nicht negativ. Ich habe in der Gemeinde erlebt, wenn der Priester nicht als derjenige gesehen wird, der sagen soll, wie man zu leben hat. Sondern als Mensch, dem man normal begegnet, mit dem man ganz normal reden und sich austauschen kann. Das ist doch etwas Wunderschönes; gerade im Kontakt mit Kindern und Jugendlichen. Ich habe als Kind noch anders auf Priester geschaut, habe aufgrund ihres Amtes regelrecht zu ihnen aufgeschaut. Dass sich dieses Bild gewandelt hat, ist auf jeden Fall positiv!
Kontakte zu knüpfen scheint für Sie wichtig zu sein, Sie haben das mehrfach angesprochen. Können Sie gut auf Menschen zugehen?
Ich glaube schon. Für mich ist es kein Lebensmodell, mich in meinen eigenen vier Wänden einzuschließen. Für uns Priester muss gelten: Wenn die Menschen nicht mehr zu uns kommen, dann müssen wir auf die Menschen zugehen. Das wird eine Originäre für die Zukunft! Ganz egal, ob es um ein Jugendprojekt geht oder das Seniorencafé.
Gibt es Aufgaben, die Ihnen besonders liegen?
Etwas, was ich ebenfalls in Soest entdeckt habe, ist die Arbeit in der Grundschule, die Religionspädagogik. Ich hätte vorher nicht gedacht, dass ich so gut mit Kindern kann – auch mit 25 Kindern in einer Klasse. Das ist eine totale Bereicherung gewesen. Die andere Seite, die JVA, wie ich es eben schon angesprochen habe, könnte ich auch als Aufgabenbereich sehen. Denn auch diese Menschen, die schwere und schwerste Straftaten begangen haben, haben es verdient, dass ihnen jemand zuhört. Und da sehe ich mich auch total, auch bei diesen Menschen zu sein. In Paderborn habe ich beim Streetworking mitgearbeitet; auch die Arbeit mit Obdachlosen oder Drogenabhängigen ist mir eine Herzensangelegenheit.
Wie schätzen Sie Ihre Berufserfahrungen mit Blick auf die kommenden Aufgaben ein?
Ich denke schon, dass ich stark davon profitieren werde. Durch meine Arbeit im internationalen Vertrieb habe ich viele Länder, Kulturen und Religionen kennengelernt. Ich bin mit allen Menschen gut klargekommen und bin mir ziemlich sicher, dass ich von diesen Erfahrungen im priesterlichen Dienst profitieren kann. All die Jahre waren in meinen Augen keine verlorene Zeit, weil ich dadurch die Sorgen und Nöte der Menschen etwa im Beruf aus eigener Anschauung kenne. Ich kann z. B. nachvollziehen, wenn Mütter oder Väter beim Elternabend vor der Erstkommunion erschöpft sind oder nur wenig Zeit haben, weil sie die Arbeit und alles andere unter einen Hut bekommen müssen. Man muss sich fragen, was man ihnen dann zumuten kann – was man überhaupt von Menschen erwarten kann; etwa mit Blick auf ehrenamtliches Engagement.
Sind Sie aufgeregt vor der Weihe?
Dazu komme ich zurzeit kaum, weil die Zeit gut ausgefüllt ist! Aber ich bin mir sicher, dass, je näher der Tag kommt, die Aufregung größer wird.