5 Min.
22.05.2026
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

Zwischenstopp in der Hölle

Die DOM-Redaktion geht auf die Kirchen-Fahrradtour in Hövelhof. Rund 33 Kilometer liegen vor uns – ein Weg voller Gegensätze.

Von Wolfgang Maas, Andreas Wiedenhaus und Patrick Kleibold
Hövelhof

Eines vorweg: Die Strecke, die insgesamt neun Kapellen und Kirchen verbindet, ist nicht als eigene Tour ausgeschildert. Vielmehr nutzt sie bestehende Radwege. Deshalb ist eine extra für diese Strecke angefertigte Karte sinnvoll, die es bei der Tourist-Information an der Schloßstraße 11 gibt. Sinnvoll ist sie auch deshalb, weil es unterwegs nicht überall Handyempfang gibt. Das mobile Navi bleibt immer wieder stumm. Zudem sollte man den Bahnhof als Startpunkt wählen, da es dort einen kostenlosen Parkplatz gibt, den man ohne Zeitlimit nutzen darf. Wer möchte, kann auch mit dem Zug anreisen. Die Strecke von Paderborn nach Bielefeld wird halbstündlich gefahren.

Dann mal los. Die Tour führt überwiegend über Asphalt. In Richtung des Stadtteils Riege fährt man sogar durch ein Waldstück, doch der Weg ist gut befahrbar. Starke Anstiege gibt es nicht, ein E-Bike ist nicht zwingend nötig, erleichtert die Tour aber spürbar. Und schnell fallen die Gegensätze auf. Nur wenige Kilometer von der Hövelhofer Innenstadt entfernt führt der Radweg über Felder, es riecht nach Erde und Landluft.

Ein Haltepunkt ist die Hövelsenner Kapelle.
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

Ein Haltepunkt ist die Hövelsenner Kapelle, ein schmuckes Gebäude mit schöner Innenausstattung. Die Kapelle erinnert an die Bewohner des Hövelhofer Ortsteils Hövelsenne, der im letzten Jahrhundert fast vollständig dem heutigen Truppenübungsplatz Senne weichen musste. Der Bau ist ein im Maßstab verkleinerter Nachbau der früheren St.-Josephs-Kirche, die 1974 endgültig aufgegeben werden musste und später gesprengt wurde. Die eingravierten Namen auf den Pflastersteinen vor dem Gebäude stehen für die 135 früheren Hof­stellen, deren Bewohner nach Mecklenburg, ins Rheinland oder direkt nach Hövelhof umgesiedelt wurden. Kurz dahinter geht es dann nicht mehr weiter, Schranken versperren den Weg. Hier beginnt der Truppenübungsplatz Senne. Die Warntafeln sind eindeutig, wir sehen Patrouillenfahrzeuge und hören Schüsse. Dabei blicken wir in eine wunderschöne Allee, die Bäume säumen den nächsten Abschnitt der Route.

An Krieg und Militär werden die Radfahrer auch an einer anderen Stelle erinnert. Am 14. März 1604 ereignete sich im Delbrücker Land das „Massaker am Haspelkamp“. Dieser Tag gilt als einer der schwärzesten Tage in der Geschichte der Region. Es handelt sich dabei um eine grausame Vergeltungsaktion spanischer Söldner an der bäuerlichen Bevölkerung während des Achtzigjährigen Krieges. In den Tagen zuvor durchquerten spanische Söldner, die im benachbarten niederländischen Freiheitskampf gegen die Habsburger im Einsatz waren, das Paderborner Land. Nach Berichten sollen Bauern am sogenannten „Espelschling“ – einer Grenzbefestigung – auf abziehende spanische Truppen geschossen und dabei zwei Offiziere getötet haben. Die Spanier kehrten daraufhin um. Die Bauern flüchteten in die Sümpfe des Haspelkamps, die jedoch aufgrund eines strengen Winters zugefroren waren, was den Söldnern das Vordringen ermöglichte. Überlieferungen zufolge kamen etwa 500 bis 700 Menschen ums Leben und über 40 Häuser wurden niedergebrannt. Frauen, Kinder und Vieh wurden teilweise in die brennenden Häuser getrieben.

Hinter „Die Hölle“ verbirgt sich diese Gaststätte.
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

Und es gibt noch einen weiteren Ort auf der Tour, der mit Blick auf die Schrecken des Krieges errichtet wurde. Die Hofkapelle in der Nähe von Espeln wurde 1951 von Georg Rodehuth (1919–2016) aus Dankbarkeit über seine Rückkehr aus Krieg und russischer Gefangenschaft erbaut. Noch heute ist diese Kapelle Station der alljährlichen Fronleichnamsprozession. Nur 150 Meter weiter stand eine Christenlehrkapelle aus dem Jahr 1794, in der die Espelner ihre ersten Andachten feierten. Diese Kapelle wurde kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs, Ostern 1945, von der deutschen Wehrmacht zerstört. Ein Holzkreuz und eine Gedenktafel erinnern noch heute daran.

Zur Halbzeit der Tour wäre eine Rast zum Aufwärmen nicht schlecht, warum nicht in der „Hölle“? So nennt der Volksmund die Gaststätte „Im Krug zum grünen Kranze“ mitten im Stadtteil Espeln. Doch leider ist hier alles dunkel. Auch fehlt die Karte, die bei Gaststätten am Eingang über das Speisen- und Getränkeangebot informiert. Woher der Spitzname kommt? Wir hätten gerne persönlich gefragt, finden jedoch im Internet die Antwort auf unsere Frage. Traditionell werden in der Gaststätte hausgemachte deftige Eintöpfe serviert, einer davon heißt „Teufelssuppe“. Ohnehin gibt es entlang der Strecke kaum Möglichkeiten einzukehren – zumindest nicht an diesem kalten Donnerstagmittag im Mai.

Zur Erinnerung an Johannes Brink, der von ehemaliger sowjetischer Kriegsgefangener getötet wurde.
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

Zurück in den Wald rund um Riege. Hier gibt es Informationen über ein Verbrechen, das am 17. Juli 1945 für Aussehen sorgte. Der gehbehinderte Johannes Brink befuhr mit seinem Fahrrad auf dem Arbeitsweg die Junkernallee. Er traf dort auf eine Gruppe umherziehender ehemaliger sowjetischer Kriegsgefangener aus dem Stalag 326 (VI/K) in Eselsheide bei Stukenbrock. Nach Jahren großer Entbehrungen und furchtbaren Hungers waren sie auf der Suche nach Nahrungsmitteln und rächten sich durch den Raub von Wertgegenständen für erlittenes Unrecht an der hiesigen Zivilbevölkerung. Als sich Johannes Brink gegen den Raub seines Fahrrades zur Wehr setzen wollte, wurde er von einem der Russen durch zwei Schüsse getötet. Seine Angehörigen errichteten am Ort des Geschehens einen Gedenkstein.

Auf dem Weg zurück nach Hövelhof kommen wir an Bredemeiers Kapelle vorbei. Errichtet wurde sie am Ortsausgang von Hövelhof an der Gütersloher Straße Richtung Kaunitz im Jahr 1896 als Hofkapelle des Bredemeier-Hofes. Dieser war neben dem Apelhof und dem Hövelhof eines der bedeutendsten Anwesen der Gemeinde. Alle drei gehörten zu den Urhöfen des Delbrücker Landes. Die Kapelle wurde am Waldesrand auf halber Strecke des sogenannten Bredemeier Kirchwegs vom Hof bis zur Kirche in der Dorfmitte errichtet. Aus dieser Zeit hat die heutige „Kirchstraße“ ihren Namen. Viele Jahre wurde in dieser Kapelle eine barocke Madonnenstatue aus dem Jahr 1725 aufgestellt, die sich noch immer im Familienbesitz befindet. Heute ist in der Kapelle eine Kopie dieser wertvollen Figur zu sehen, die von den Hövelhofer Schützen in Auftrag gegeben worden ist.

Die Johanneskirche wurde 1957 gebaut und eingeweiht. 1982 wurde die Evangelische Kirchengemeinde selbstständig.
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

Durch die Innenstadt Hövelhofs geht es vorbei an der katholischen St.-Johannes-Nepomuk-Kirche – die als erste katholische Kirche in der Region als offizielle Radfahrkirche vom Evangelischen Netzwerk „Kirche in Freizeit und Tourismus“ ausgezeichnet wurde – zurück zum Bahnhof. Das Gotteshaus wäre eigentlich die erste Station gewesen – aber wir sehen es biblisch: Die Letzten werden die Ersten sein! Und es ist auch kein Pro­blem, wenn man die Reihenfolge nicht einhält. Denn die einzelnen Stationen wirken auch so.

Was bleibt? Wer sich auf die Tour einlässt, erlebt nicht nur viel Natur. Sogar Störche sehen wir, ein ungewohnter Anblick für Stadtmenschen. Die Kapellen und Kirchen sollte man in aller Ruhe auf sich wirken lassen. Sie zeigen zudem eine Vielfalt an Architektur – zumindest von außen, denn nicht alle waren geöffnet. Und die Tour macht Spaß, gerade wegen ihrer Gegensätze.

Hintergrund

Wie der Name deutlich macht, beschäftigt sich die rund 33 km lange Hövelhofer Kirchen-Tour mit den Kirchen und Kapellen rund um die Stadt. Auf der Tour erwarten Sie neben den großen Kirchen in Hövelhof und den Ortsteilen auch kleine, im Privatbesitz befindliche Kapellen oder sogar ein ganzer Nachbau einer Kapelle. Jedes Gebäude hat eine eigene, beeindruckende Geschichte. Auf der Route liegen die katholische St.-Johannes-Nepomuk-Kirche, die evangelische Johanneskirche, die Hövelsenner Kapelle, die St.-Nikolaus-Kapelle im Salvator Kolleg, die Rodehuths Kapelle, die Herz-Jesu-Kirche Espeln, die Herz-Jesu-Kirche Riege, die Kapelle auf dem Oberramselhof und die Bredemeiers Kapelle.

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