Wie ein deutscher Psychotherapeut den "Ground Zero" erlebt hat
25 Jahre nach dem Terror bleibt eine Hoffnung bestehen.
Am 11. September 2001 saß Christian Lüdke in seiner Praxis, als seine Frau anrief. „Mach mal den Fernseher an“, sagte sie. Lüdke sah die Bilder der Flugzeuge, die in die Türme des World Trade Center flogen. Kurz zuvor war er selbst in New York gewesen, hatte in der Bronx und in Brooklyn mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet. 25 Jahre ist es nun her, dass Terroristen mit entführten Flugzeugen das frühere New Yorker Handelszentrum und das Pentagon in Washington angriffen.
Zwei Tage später klingelte erneut das Telefon. Der Vorstand der Deutschen Bank fragte Lüdke, ob er bereit sei, nach New York zu fliegen. Das Unternehmen hatte einen Mitarbeiter bei den Anschlägen verloren und suchte psychologische Hilfe für die Angehörigen. Lüdke sagte zu.
Am John F. Kennedy Airport wurde er vom US-Geheimdienst FBI abgeholt. Schwarze Fahrzeuge, Männer in schwarzen Anzügen. „Das war alles so unwirklich“, sagt Lüdke heute. Sie brachten ihn nach Manhattan, zum Einsatz am Ground Zero: Dort sah Lüdke einen riesigen Trümmerberg, Staub und Dreck, Rauch und noch immer brennende Stellen. Der Begriff „Ground Zero“ steht ursprünglich für die oberirdische Explosionsstelle von Atombomben.
Hinter jeder Zahl steht ein Leben
Lüdke hatte zu diesem Zeitpunkt bereits viel Erfahrung mit Extremsituationen. Er war unter anderem nach Banküberfällen, Geiselnahmen und Amokläufen als Therapeut vor Ort gewesen. Bei seiner 15-jährigen Tätigkeit für Spezialeinheiten der Polizei in Nordrhein-Westfalen hatte er sich auf schwere Gewaltkriminalität und Traumatherapie spezialisiert. Trotzdem sei Ground Zero, wie er sagt, eine neue Dimension gewesen.
Seine erste Aufgabe in New York war die Betreuung einer deutschen Familie, deren Sohn bei den Anschlägen getötet worden war. Viele Angehörige konnten zunächst nicht glauben, dass der Mensch, den sie morgens noch gesehen hatten, nicht mehr zurückkommen würde. Lüdke behandelte 25 Familienmitglieder, Männer, Frauen und Kinder. Später kamen weitere Anfragen hinzu. Er arbeitete rund um die Uhr und schlief kaum.
Die Zahl der Toten ist für ihn bis heute mit den einzelnen Schicksalen verbunden. Er spricht nicht von 3.000 Toten, sondern er sagt: „Es ist 3.000 Mal ein Mensch gestorben.“ Für ihn macht das einen entscheidenden Unterschied. Hinter jeder Zahl steht eine Familie, eine Beziehung, ein eigenes Leben.
Vor Ort erfährt er auch, dass Menschen schier übermenschliche Kräfte entwickelten, um zu überleben. So habe eine zierliche junge Frau nach dem Einsturz der Türme einen schwereren Polizeibeamten getragen. „Physikalisch ist das eigentlich nicht möglich“, sagt Lüdke. Das Beispiel zeige, zu welch außergewöhnlichen Leistungen Menschen in Extremsituationen fähig seien.
Eine Erinnerung hat sich ihm besonders eingeprägt: die an einen neunjährigen Jungen namens Eddie. Er zeichnete die Skyline von New York, allerdings ohne die beiden Türme – und sagte zu Lüdke, es sei, als habe die Stadt zwei Zähne verloren und könne nun nie wieder lachen. Kinder verarbeiteten traumatische Erlebnisse anders als Erwachsene, erklärt Lüdke. Sie malten, spielten und bauten ihre eigenen Formen der Verarbeitung.
Dass Lüdke ausgerechnet als Traumatherapeut am Ground Zero landete, war nicht geplant. Er studierte Sport und katholische Theologie, betrieb Leistungssport und wollte Sportlehrer werden. Später promovierte er in Sportmedizin und absolvierte eine therapeutische Ausbildung.
Über seine Tätigkeit mit mentaler Robustheit und Hypnose wurde schließlich die Polizei auf ihn aufmerksam. Lüdke sammelte dort über viele Jahre Erfahrung mit schwerer Gewaltkriminalität und spezialisierte sich auf Traumatherapie und Krisenintervention.
Dennoch sei 9/11 sein erster Einsatz gewesen, bei dem er das Gefühl hatte, dass mehr als einzelne Menschen betroffen waren. Für ihn wurde New York zu einem Beispiel dafür, wie ein traumatisches Ereignis das Sicherheitsgefühl einer ganzen Gesellschaft erschüttern kann.
25 Jahre später hat sich der Terror verändert; es kam später zu Anschlägen in Madrid, London und Paris, in jüngster Zeit zu Attacken mit Messern oder Fahrzeugen auch in Deutschland. Für Lüdke haben diese Ereignisse das Gefühl gemeinsam, Terror könne grundsätzlich überall passieren.
Er warnt indes davor, sich dauerhaft von diesem Gefühl bestimmen zu lassen. Nach einem Anschlag sollten Menschen möglichst wieder in ihren Alltag zurückkehren. Zum Konzert gehen, Fußball schauen oder Karneval feiern: Für Lüdke sind solche Aktivitäten auch ein Zeichen dafür, dass eine Gesellschaft sich nicht dauerhaft einschüchtern lässt.
Auch der Therapeut braucht Abstand
Die Arbeit mit traumatisierten Menschen hat Lüdke zudem mit der Frage konfrontiert, wie viel von diesen Geschichten ein Therapeut „mitnehmen“ darf. Seine Antwort: möglichst wenig. Er arbeitet mit Fallbesprechungen; alle sechs bis acht Wochen bespricht er seine schwierigsten Fälle nach eigenen Angaben mit einem Supervisor.
Daneben setzt er auf ein stabiles Privatleben. Er ist seit 30 Jahren verheiratet, hat zwei erwachsene Töchter, treibt Sport und hält Pferde. Die Trennung zwischen beruflicher Belastung und Privatleben sei für ihn entscheidend. Lüdke nennt das Resilienz. In Vorträgen vergleicht er sie mit einem Schwamm: „Man kann ihn zusammendrücken, aber er findet wieder in seine ursprüngliche Form zurück.“ Diese Fähigkeit könne man trainieren. Schlaf, soziale Kontakte, Bewegung und sinnvolle Aufgaben gehören für ihn dazu.
Der Therapeut, der damals aus Deutschland nach New York kam, ist bis heute in der Krisenhilfe tätig. Vieles habe sich in den vergangenen 25 Jahren verändert. Geblieben ist seine Überzeugung, dass Menschen in Extremsituationen wieder Halt finden können. Professionelle Hilfe müsse dabei vor allem eines leisten: Stabilität geben, ohne Betroffenen die eigene Geschichte abzunehmen.
Dieser Blick auf die Menschen findet sich in seiner Arbeit als Autor wieder: In Lüdkes Buch „Magische Lebensmomente“ erzählen 43 Persönlichkeiten von bewegenden, inspirierenden und oft überraschenden Momenten, die ihr Leben geprägt haben.