Wenn Glaube gefährlich wird
Entführungen in Nigeria, Blasphemievorwürfe in Pakistan, wachsende Repression in Syrien und Ägypten: Der Druck auf Christen nimmt nach Einschätzung mehrerer Organisationen in vielen Regionen der Welt zu.
An einem Julitag sitzt eine christliche Familie in Pakistan in einem Gerichtssaal und sieht ihre 18-jährige Tochter zum ersten Mal seit mehr als zwei Monaten wieder. Nach Darstellung christlicher Menschenrechtsgruppen war die junge Frau aus einer Näherei entführt worden. Nun trägt sie muslimische Kleidung und wird von religiösen Amtsträgern begleitet. Mutter und Schwester dürfen nicht mit ihr sprechen. Das Gericht lehnt es ab, sie zu ihren Eltern zurückkehren zu lassen.
Hilfswerk: 388 Millionen Christen unter Druck
Den statistischen Rahmen lieferte im Januar das christliche Hilfswerk Open Doors. Nach dessen Weltverfolgungsindex 2026 sind weltweit rund 388 Millionen Christinnen und Christen einem hohen bis extremen Maß an Verfolgung ausgesetzt. Im Jahr zuvor waren es nach Angaben der Organisation, die evangelikalen Kirchen nahesteht, rund 380 Millionen.
Im Berichtszeitraum seien 4.849 Christen wegen der Ausübung ihres Glaubens getötet worden, fast 400 mehr als im Vorjahr. Allein 3.490 Todesopfer habe es in Nigeria gegeben. Dort verüben islamistische Gruppen vor allem im Norden immer wieder Anschläge und Massaker. Auch Entführungen von Geistlichen und Gemeindemitgliedern gehören seit Jahren zum Alltag.
Gewalt wird zum Geschäftsmodell
Auch das katholische Hilfswerk Kirche in Not warnt, Gewalt habe sich mancherorts zu einem Geschäftsmodell entwickelt. Geschäftsführer Florian Ripka sprach für 2025 von einer vielerorts „verheerenden“ Lage. Neben dschihadistischer Gewalt nannte er autoritäre Regime, religiösen Fanatismus, Nationalismus und organisierte Kriminalität als Ursachen.
Besonders gefährlich ist die Lage nach Einschätzung mehrerer Organisationen in Subsahara-Afrika. Vierzehn Staaten der Region stehen auf dem Weltverfolgungsindex. Schwache staatliche Strukturen schafften Räume, die bewaffnete Gruppen ausnutzten, heißt es bei Open Doors. Kirche in Not wirft Regierungen in Nigeria und anderen Ländern vor, die Bevölkerung nicht ausreichend zu schützen.
In Pakistan können Blasphemievorwürfe für Christen lebensgefährlich werden. Menschenrechtsorganisationen kritisieren seit langem, dass die Gesetze für persönliche Abrechnungen missbraucht würden. Schon ein Verdacht könne Haft, Ausgrenzung oder Selbstjustiz auslösen.
Blasphemievorwürfe bedrohen Christen
Wie gering die Aussicht auf juristische Aufarbeitung sein kann, zeigt der Fall des christlichen Ehepaars Shahzad Masih und Shama Bibi. Beide wurden 2014 nach falschen Blasphemievorwürfen von einem Mob getötet. Shama Bibi war schwanger. Nachdem der Oberste Gerichtshof die letzten Angeklagten freigesprochen hatte, endete das Verfahren, ohne dass jemand rechtskräftig für den Tod des Paares verurteilt wurde. Die katholischen Bischöfe Pakistans sahen darin ein Zeichen für Defizite beim Schutz religiöser Minderheiten.
Auch in Staaten mit jahrhundertealten christlichen Traditionen wächst die Unsicherheit. In Ägypten sind vor allem Kopten betroffen. Der koptisch-orthodoxe Papst Tawadros II. vermeidet zwar den Begriff Christenverfolgung und betont das friedliche Zusammenleben. Internationale Organisationen verweisen jedoch auf gesellschaftliche Diskriminierung, lokale Gewalt und staatliche Hürden.
Kopten in Ägypten unter Druck
Berichte aus dem Gouvernement Minya zeigen, wie schnell Spannungen eskalieren können. Nach Angaben koptischer Quellen wurden dort Gemeindemitglieder bedrängt und Kirchgänger zeitweise daran gehindert, eine Kirche zu verlassen. Sicherheitskräfte seien erst Stunden später eingeschritten. Der koptische Bischof Macarius sprach von einem wiederkehrenden Muster.
Auch aus Israel melden kirchliche und interreligiöse Einrichtungen Übergriffe. Das Rossing Center, das sich dem Dialog zwischen Juden, Christen und Muslimen verschrieben hat, dokumentierte 111 Vorfälle, darunter Sachbeschädigungen, Belästigungen von Geistlichen und Spuckattacken. Besonders häufig seien die Jerusalemer Altstadt und christliche Einrichtungen auf dem Zionsberg betroffen.
Lage in Syrien verschlechtert sich stark
Am stärksten verschlechtert hat sich die Lage nach Einschätzung von Open Doors in Syrien. Das Land rückte im Index vom 18. auf den sechsten Platz vor. Mindestens 27 Christen seien im Berichtszeitraum wegen ihres Glaubens getötet worden. Hinzu kämen Drohungen, Aufforderungen zur Konversion und Forderungen nach Zahlung einer Kopfsteuer.
Seit dem Sturz Baschar al-Assads und der Machtübernahme islamistischer Kräfte ist die Zukunft der christlichen Minderheiten noch ungewisser. Open Doors schätzt, dass heute nur noch rund 300.000 Christen im Land leben. Hunderttausende hätten Syrien in den vergangenen Jahren verlassen. Anschläge auf Kirchen und Berichte über Einschüchterungen nähren die Sorge, dass eine der ältesten christlichen Gemeinschaften der Welt weiter schrumpft.
Digitale Kontrolle in China
Die in den USA ansässige christliche Menschenrechts- und Hilfsorganisation International Christian Concern verweist zudem auf autoritäre Herrschaft, religiösen Extremismus, Nationalismus und moderne Überwachungstechnik. In China würden digitale Kontrolle und neue Vorschriften genutzt, um das religiöse Leben stärker zu reglementieren. Viele Gemeinden träfen sich deshalb nur noch in kleinen Gruppen im Untergrund.
Die Berichte unterscheiden sich in Methodik und Schwerpunkt. Ihre Zahlen sind nicht überall unabhängig überprüfbar, und die Bewertungen stammen häufig von Organisationen mit kirchlichem oder menschenrechtlichem Auftrag. Dennoch weisen sie in eine ähnliche Richtung: Wo staatliche Institutionen schwach sind, Religion politisch instrumentalisiert wird oder Rechtssysteme Minderheiten benachteiligen, steigt das Risiko für christliche Gemeinden.