Von Stoßgebeten und spürbarer Unterstützung
„Beten – aber wie?“ Wer nicht weiß, zu wem, für wen oder was er beten soll, findet in einem neuen Heft des Katholischen Bibelwerks Anregungen. Auch für schwere Lebenslagen, wenn das Gebet ins Nichts zu gehen scheint.
Selten haben wohl so viele Menschen auf der Welt für einen einzigen Menschen gebetet wie zuletzt für Papst Leo XIV. Es dürften Millionen Gebete gewesen sein. Fünf Tage nach seiner Krebs-OP sagte Leo am Sonntag zur Menschenmenge auf dem Petersplatz: „Ich möchte all jenen danken, die in den vergangenen Tagen für mich gebetet haben. Ich habe eure Unterstützung wirklich gespürt.“
Kann man in einer Notlage Gebete anderer Menschen tatsächlich spüren? Wie geht Beten eigentlich? Und wie hat Jesus gebetet? Ein jetzt erschienenes Heft des Katholischen Bibelwerks in Stuttgart mit dem schlichten Titel „Gebet“ befasst sich auf 36 Seiten mit diesem Thema. „Was ist eigentlich ein Gebet?“, fragen die Autoren. Und was ist, wenn Worte fehlen oder Gott zu schweigen scheint?
Wenn Worte fehlen
Manchmal beginne ein Gebet schon dort, wo jemand nach Worten sucht. Christina Brudereck, evangelische Theologin und Schriftstellerin, empfiehlt in einem Interview in dem Heft: „Schreib auf, was im Kopf ist. (…) Zwei Minuten lang legst du den Stift nicht aus der Hand. Wenn du nicht mehr weißt, was du schreiben sollst, dann schreib: Ich weiß nicht, was ich schreiben soll. Und wenn da am Ende steht: Mir fällt kein Wort ein außer Vertrauen, dann ist das dein Gebet.“
Brudereck, die auch auf Instagram aktiv ist und sich Theopoetin nennt, fügt hinzu: „Wenn du selbst keine Worte hast, lies die Worte von anderen.“ Das könne ein Psalm-Vers sein. Denn wer beten möchte, müsse nicht bei null anfangen, so die Autoren des Hefts aus der Reihe „Bibel heute“. Die Bibel halte einen reichen Schatz an Worten, Bildern und Erfahrungen bereit.
Wie nenne ich Gott?
Neben biblischen Gebeten finden sich in dem Heft auch Gedichte, Lieder und Gebete aus jüdischer Tradition. Und Abhandlungen über den Namen Gottes. Sonja Weeber, die sich im Theologiestudium mit dem Alten Testament und Geschlechterforschung befasste, schreibt: „Wie nenne ich Gott?“ Herr oder Vater seien geläufig. Manchmal auch Mutter, was gar nicht so unbiblisch sei. Heißt es doch bei Jesaja: „Wie einen Mann, den seine Mutter tröstet, so tröste ich euch.“ (Jesaja 66,13).
Zur Verwendung vielfältiger Gottesnamen lade schon die erstmals vor 20 Jahren herausgegebene „Bibel in gerechter Sprache“ ein, erläutert Weeber. Und zwar mit folgenden Namensvarianten: „Der Ewige, die Ewige, Schechina, Adonaj, ha-Schem, der Name, Gott, die Lebendige, der Lebendige, Ich-bin-da, ha-Makom, Du, Er, Sie, die Eine, der Eine, die Heilige, der Heilige.“
Jesus betet in Schlüsselmomenten
Der katholische Theologe und Neutestamentler Christian Schramm fragt: Ist der biblische Jesus eigentlich gläubig und fromm? Das sei gar nicht so simpel, ebenso wie die Frage: „Wie betet Jesus?“ Schramm porträtiert Jesus schließlich als jemanden, der gerade in entscheidenden Momenten seines Lebens betet. „Alles in allem tritt uns Jesus als vorbildlicher Beter entgegen, der nichts einfach so und unbedacht tut oder entscheidet.“
Gerade in Schlüsselmomenten seines Lebens suche Jesus eine „Vergewisserung im Gebet zu Gott“. Eine Weichenstellung im Leben Jesu: die Auswahl der zwölf Apostel. Im Lukas-Evangelium heißt es, der Wahl sei eine intensive Gebetsnacht vorausgegangen: „Es geschah aber in diesen Tagen, dass er auf einen Berg ging, um zu beten. Und er verbrachte die ganze Nacht im Gebet zu Gott. Als es Tag wurde, rief er seine Jünger zu sich und wählte aus ihnen zwölf aus; sie nannte er auch Apostel.“ (Lukas 6,12-13)
"Man betet, fühlt aber innere Leere“
Nicht immer aber ist die Kraft des Gebets so spürbar wie im Erleben des krebskranken Papstes Leo XIV. Mit solchen Lebenslagen befasst sich der katholische Theologe Philipp Graf: „Man betet, fühlt aber innere Leere. Da ist niemand, der antwortet.“
Dass ein Gebet ins Nichts zu gehen scheint, sei jedoch eine Erfahrung, die Menschen machen, seit sie beten – oft beschrieben als dunkle Nacht. „Wer nichts spürt und dennoch betet, steht in der Tradition Hiobs, der Psalmbetenden und der großen Mystikerinnen und Mystiker, die Gott suchen – und unverhofft finden.“
Die Bibel kennt Stoßgebete
Wenn es brenzlig wird, könne auch ein Stoßgebet das Mittel der Wahl sein. „Die Bibel kennt Stoßgebete“, heißt es in dem Heft. „Sie eröffnen Weite, wo es eng wird.“ Dabei muss es gar nicht so demütig zugehen wie bei „Herr, erbarme Dich!“. Manchmal genügt auch ein biblischer Ausruf, den viele Menschen tagtäglich sagen oder nur denken: „Mein Gott!“ (Psalm 22,2; Johannes 20,28). So ein stoßhaftes Schnellgebet könnte auch jüngst Papst Leo durch den Kopf gegangen sein, kurz bevor er als Krebspatient in den Operationssaal kam.
KNA