Haben Aufstieg der AfD geschehen lassen
Wie viel Schuld hatten die Menschen, die den frühen Aufstieg der Nazis nicht verhindert haben? Der Schriftsteller und Jurist Bernhard Schlink urteilt inzwischen sanfter – und zieht einen Vergleich zur AfD.
Bestsellerautor Bernhard Schlink urteilt inzwischen milder über die Menschen, die zu Beginn der Nazi-Zeit keinen Widerstand gegen den Aufstieg des Regimes gezeigt haben. „Ich bin nachsichtiger geworden denen gegenüber, die es in den 30er Jahren einfach haben geschehen lassen“, sagte er am Dienstagabend bei einer Veranstaltung der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.
„Wir haben den Aufstieg der AfD auch nicht aufgehalten“, fügte er hinzu. „Wir lassen es geschehen, weil wir hilflos sind gegenüber dem Rad der Geschichte, das sich einfach dreht.“
Schlink, der auch emeritierter Juraprofessor ist, wurde vor allem durch seinen Roman „Der Vorleser“ bekannt. Mit seinen Büchern besucht er Schulen, um Konzepte von Schuld, Reue und Sühne zu vermitteln. „Ich tue, was ich tun kann. Aber das ist ja alles nur Stückwerk“, sagte er.
Kategorischer Imperativ als Kind gelernt
Gerade durch Literatur ließen sich Fragen von Schuld und Vergebung besprechen. „Literatur kann fesseln und ist ein Medium der moralischen Erziehung“, sagte Schlink, der schon früh mit philosophischen Konzepten in Berührung gekommen sei: Bereits mit zehn Jahren habe ihm seine Mutter den Kategorischen Imperativ des Philosophen Immanuel Kant (1724-1804) erklärt.
Der Kategorische Imperativ lautet in einer seiner Grundformen: „Handle so, dass die Maxime deines Willens immer auch ein Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung sein könnte.“
Autor und Richter
Schlink wurde am 6. Juli 1944 als jüngstes von vier Geschwistern nahe Bielefeld geboren. Er studierte in Heidelberg und Berlin Jura. Nach der Promotion lehrte er unter anderem in Bonn und Frankfurt; von 1990 bis 2018 war er Professor an der Berliner Humboldt-Universität, von 1987 bis 2006 Richter am NRW-Gerichtshof.
Als Autor zählen neben dem „Vorleser“ (1995) die Romane „Die Enkelin“ (2021), „Olga“ (2018) und „Das Wochenende“ (2008) zu seinen wichtigsten Büchern. Darüber hinaus legte er mehrere Erzählbände und das Bühnenwerk „20. Juli“ (2021) vor.
KNA