Und plötzlich spricht der Papst vom "Ersten Testament“
Ohne viel Aufhebens hat Leo XIV. einen Meilenstein im christlich-jüdischen Verhältnis gesetzt. Er unterzeichnete eine „Note“ mit dem Titel „Ein Weg der Hoffnung“.
Der Anlass für die Unterzeichnung der neuen „Hoffnungs-Note“ im Vatikan war auf den ersten Blick wenig spektakulär: Es ging um den (damals bereits verstrichenen) 60. Jahrestag der Konzilserklärung „Nostra aetate“ aus dem Jahr 1965 – jenes Dokuments, mit dem die katholische Kirche ihr Verhältnis zum Judentum sowie zu den Weltreligionen neu definierte.
Doch die bereits vom 22. Juni datierende, aber erst vergangene Woche publizierte Note, ist weit mehr als ein pflichtschuldiges Gedenk-Papier. Sie markiert in ihren Ausführung zum Judentum sowohl in den verwendeten Begriffen als auch in den religionsgeschichtlichen und theologischen Kernaussagen eine bemerkenswerte Weiterentwicklung der bisherigen Verlautbarungen von Papst und Vatikan.
Hoher Grad von Verbindlichkeit
Wie schon in dem epochalen Konzilsdokument Nostra aetate, so nimmt auch in der neuen Hoffnungs-Note der Abschnitt über die Beziehungen der katholischen Kirche (und des Christentums insgesamt) zum Judentum besonders breiten Raum ein. Es ist davon auszugehen, dass die darin enthaltenen Ausführungen vor allem aus dem Hause des Ökumene-Präfekten, Kardinal Kurt Koch, stammen.
In dessen Behörde pflegt eine speziell dafür bestimmte Kommission seit Jahrzehnten den Dialog mit dem Judentum. Aber dadurch, dass sie auch vom Präfekten des Glaubensdikasteriums sowie vom Papst gegengezeichnet sind, steht die Note auf einer anderen Stufe der Verbindlichkeit. Sie ist damit weit mehr als ein Thesen-Papier aus der Ökumene-Abteilung des Vatikans.
Dass es um sehr grundsätzliche Ideen geht, machen schon die ersten Kapitel deutlich. Dort zitieren die Autoren den Übervater der deutschen protestantischen Theologie, Karl Barth. Sie schreiben: „Um es mit dem Evangelisten Johannes (vgl. Joh 1,14) gemäß der Auslegung des evangelischen Theologen Karl Barth zu sagen: Das Wort wurde ‚jüdisches Fleisch‘ und kam, um unter uns zu wohnen. Diese Wohnung Jesu ist das Judentum seiner Zeit, eben der ursprüngliche Boden aus dem sich die Ecclesia ex circumcisione und dann die Ecclesia ex gentibus entwickelt haben“.
Im späteren Kapitel unter dem Titel „Die Besonderheit des Dialoges mit dem Judentum“ folgt für Kenner der Materie eine mittlere Sensation. Anders als früher üblich wird in dem Vatikandokument überhaupt nicht mehr vom „Alten Testament“ sondern durchgehend vom „Ersten Testament“ gesprochen.
Nun also, ohne einschränkende Fußnote und ohne Erklärung, spricht eine vom Papst unterzeichnete Note durchgehend vom „Ersten Testament“. Die Wortwahl verdeutlicht eine Annahme, die von vielen Vertretern der katholischen Theologie (und von protestantischen Theologen) seit Jahrzehnten gelehrt wird: Dass nämlich nicht das Neue Testament an die Stelle des Alten trat und dieses ersetzte; sondern dass Gottes Bund mit seinem Volk, wie es bereits Paulus im Römerbrief deutlich machte, nicht aufgekündigt ist und somit fortbesteht.
Diese Grundannahme hat nicht nur Auswirkungen auf den Umgang mit dem Teil der Bibel, den Juden und Christen bis heute gemeinsam als Wort Gottes ansehen. Sie verändert auch die Wahrnehmung des Judentums nach der Geburt Christi. Und diese neuen Perspektiven werden im Dokument „Weg der Hoffnung“ klar benannt.
Dies fängt an mit der Feststellung: „Sowohl das heutige Judentum als auch das zeitgenössische Christentum beruhen auf dem im Ersten Testament offenbarten Wort und haben ihre Wurzeln im Judentum der Zeit Jesu.“ Gerade letzterer Aspekt ist bemerkenswert, und die Note führt dazu aus: „Mit dem Juden Jesus übernahmen die ersten Christen tatsächlich Grundsätze des damaligen Judentums und passten sie der neuen nachösterlichen Situation an.
“Später im Text heißt es dann: „Was aber Jesus an jüdischem Erbe in das Christentum eingebracht hat, ist Teil der theologischen Struktur des Christentums selbst.“ Damit endet aus Sicht der Autoren jedoch nicht der Einfluss des Judentums auf das Christentum. Auch das spätere Judentum und seine „Glaubenspraxis“ sind aus Sicht der Autoren für das Christentum von Bedeutung.
Wörtlich heißt es dazu: „Gottes Bund mit dem jüdischen Volk ist unwiderruflich, und dies fordert die Kirche beständig heraus. (…) Wenn wir in Bezug auf das Judentum bekräftigen, dass wir nicht ohne einander auskommen können, bedeutet dies auch, dass die Glaubenspraxis der heutigen Juden – und nicht nur jene, die mit dem Ersten Testament verbunden ist – für die Christen von Bedeutung ist.“
Unter Berufung auf Papst Franziskus fährt der Text fort: „Gott wirkt weiterhin im Volk des Alten Bundes“. Die spätere jüdische Glaubenspraxis könne demnach als eine „Auswirkung des offenbarten Wortes betrachtet werden, das stets lebendig und wirksam ist und das sie angenommen haben; aus diesem Grund handelt es sich um einen tatsächlichen und dynamischen Wert, der uns stets bereichern kann“.
Vor einer Rehabilitierung des Talmud?
Ohne es explizit zu erwähnen, bedeutet das auch eine klare Distanzierung von den „Ketzerprozessen“, welche die katholische Kirche im 13. Jahrhundert und danach gegen den Talmud und andere jüdische Schriften führte. Sie gipfelten damals in den berühmt-berüchtigten massenhaften Talmud-Verbrennungen in Paris und Rom.
Fast schon selbstverständlich enthält der Text eine klare Verurteilung des historischen und des modernen Antisemitismus – und eine entsprechende Einordnung der Shoah: „Der Antisemitismus hat sich im Laufe der Geschichte, auch in unserer Zeit, auf grausame Weise gezeigt; doch seinen dunkelsten Höhepunkt fand er zweifellos in der Shoah.“
Etwas vager bleibt das Dokument dort, wo es um den derzeitigen, eher schwierigen Stand des jüdisch-christlichen Dialogs geht. Dort heißt es: „Die Konflikte, die in den letzten Jahren im Nahen Osten ausgebrochen sind, haben auch den jüdisch-christlichen Dialog geprägt. Viele Kommunikationsbrücken sind ins Wanken geraten und werden aufgrund der unterschiedlichen Deutung der Geschehnisse, die oft selbst innerhalb der jeweiligen Religionsgemeinschaften nicht eindeutig ist, weiterhin auf die Probe gestellt.“
Damit wird offenbar der Umstand beschrieben, dass es auch unter Juden solche gibt, die das Vorgehen des Staates Israel in den Palästinensergebieten und im Süden Libanons nicht gutheißen. Der sehr pessimistischen Deutung, wonach der Dialog zwischen Juden und Christen seit dem 7. Oktober 2023 „praktisch tot“ sei – eine Einschätzung, die selbst im Vatikan unter Eingeweihten mitunter resigniert geäußert wurde – widerspricht das Dokument ausdrücklich.
Stattdessen erklärt es zuversichtlich: „Dennoch sind die Säulen des Dialogs unter Gläubigen, die in sechzig Jahren gemeinsamer Arbeit errichtet wurden, stabil geblieben. Auf diesen Säulen ist es möglich und notwendig, weiter aufzubauen und dabei weiterhin Inspiration aus den Empfehlungen der Konzilsväter zu schöpfen, um in gegenseitigem Kennenlernen und gegenseitiger Wertschätzung zu wachsen.“