Papst Leo XIV. entschleunigt und will entpolarisieren
Nach einem Jahr im Amt stehen noch viele Entscheidungen aus.
Leo XIV. übt sein Amt bedächtig aus. „Weniger ist mehr“, scheint seine Devise. Er produziert seltener Schlagzeilen als sein Vorgänger; aber wenn er es tut, hallt es lange nach. Lediglich ein langes Interview hat er bislang gegeben. Und die Veröffentlichung seiner ersten Enzyklika wurde erst für Herbst 2025, dann „nach dem Jahreswechsel“ und schließlich „im Mai“ 2026 erwartet. Auch neue Kardinäle sind bislang nicht in Sichtweite.
Ähnlich behutsam agiert er in der Personalpolitik im Vatikan. Von den Spitzenämtern in der römischen Kurie besetzte er im ersten halben Jahr nur eines neu. Eine Handvoll weitere Ernennungen folgte in den Monaten danach; und so sind nach einem Jahr Leo die meisten Kurien-Präfekten – vergleichbar den Ministern einer Regierung – immer noch dieselben, die Papst Franziskus ernannt hat.
"Behördenchefs auf Abruf"
Leo XIV. bestätigte sie bloß provisorisch auf ihren Posten. Das sei eine „Maßnahme, die für kluges Personalmanagement spricht“, ist dazu in der Kurie zu hören. Der Effekt: Von den „Behördenchefs auf Abruf“ wagt sich keiner aus der Deckung, denn keiner sitzt fest im Sattel.
Am deutlichsten ist dies beim Glaubenspräfekten Víctor Fernández: Der argentinische Kardinal war unter Franziskus für manche theologische Überraschung gut – nun hält er sich zurück und arbeitet die von der Weltsynode (2023-2024) formulierten Aufgaben ab. Herausgekommen ist dabei bislang inhaltlich wenig Spektakuläres, aber immerhin eine neue Art der Transparenz. So etwa beim Thema Frauendiakonat, wo die zuständige Kommission sogar ihre einzelnen, oft kontroversen Abstimmungsergebnisse offenlegte.
Viel wahrnehmbarer war in Leos erstem Papst-Jahr die Nummer zwei im Vatikan, Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin. Zwischen ihm und dem Papst hat sich eine Arbeitsteilung herausgebildet: Parolin spricht klar und „politisch“. Und das hilft Leo vor allem in der Außenpolitik, wo sich der gebürtige US-Amerikaner lange schwertat mit Stellungnahmen zu Trump.
Zunächst überließ er meist Parolin die konkrete Kritik an der oft erratischen US-Außenpolitik und konzentrierte sich aufs Grundsätzliche. Erst als Trump die „Auslöschung einer Zivilisation“ im Iran androhte, kam der Papst aus der Deckung und nannte das „inakzeptabel“. Parallel attackierten die US-Kardinäle Trump mit dem Wort, dass dieser Krieg nicht gerecht sei.
Als dann Trump – und sein Vize Vance – ihrerseits den Papst kritisierten und dabei maßlos überzogen, mauserte der sich plötzlich zur weltweit prominentesten Stimme gegen die Eskalation im Iran und im Libanon.
Papst Leo XIV. will sich klein machen
Doch anders als Trump legte Leo nicht nach, sondern bemühte sich um verbale Abrüstung im Streit mit dem Weißen Haus. Zwar warb er bei seiner ersten langen Auslandsreise in Afrika immer wieder neu um Frieden und Achtung des Völkerrecht. Doch anders als Franziskus befeuerte er den Streit nicht mit polarisierenden Stellungnahmen und neuen Interviews.
Vielmehr versteht er sich, wie er es bei seinem Amtsantritt am 18. Mai betonte, als Diener der Einheit. Das gilt für die Menschheitsfamilie, vor allem aber für die Kirche. Damals sagte er: „Ich würde mir wünschen, dass dies unser erstes großes Verlangen ist: eine geeinte Kirche, als Zeichen der Einheit und der Gemeinschaft, die zum Ferment einer versöhnten Welt wird. In unserer Zeit erleben wir noch immer zu viel Zwietracht, zu viele Wunden (…) durch Hass, Gewalt, Vorurteile, Angst vor dem Anderen.“
Behutsamer Umgang mit Traditionalisten
Was das bedeutet, zeigte er bei einem besonders heiklen Thema: Beim Umgang mit der Minderheit der Traditionalisten und der alten Liturgie. Um diese „Wunde“ in der Kirche (O-Ton Leo) zu heilen, kommt er den Ultrakonservativen vorsichtig entgegen und ermutigt die Bischöfe, das ebenfalls zu tun. Eine Kirche, die selbst bei diesem Kernthema zerstritten wäre, könne kein Vorbild der Einheit für die Welt sein, so seine Mahnung.
In diese Richtung weist auch das von ihm für Oktober angekündigte Treffen mit den Vorsitzenden der weltweit rund 120 Bischofskonferenzen in Rom. Mit ihnen will er über das Dokument „Amoris laetitia“ zu Ehe und Familie beraten, das Papst Franziskus 2016 in Kraft setzte. Es änderte damals den Umgang der Kirche mit Paaren in zweiter Zivilehe und löste bei Konservativen scharfe Kritik aus. Vier Kardinäle kritisierten damals den Papst öffentlich wegen seiner Reformen. Der Verlauf der erneuten Debatte zu dem Thema wird weiteren Aufschluss darüber geben, ob der Entpolarisierungs-Kurs des Papstes in der Kirche funktioniert.