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27.08.2026
Ergreifender Moment: Maria begegnet ihrem Sohn auf seinem Weg zur Kreuzigung.
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

Mit Maria zwischen Leid, Trost und Hoffnung

Die Kleinenberger Mysterienspiele greifen eine jahrhundertealte Tradition auf und führen sie in die Gegenwart.

Von Andreas Wiedenhaus
Lichtenau-Kleinenberg

Jesus hat es nicht weit. Er wohnt auf der anderen Straßenseite; fast genau gegenüber der Wallfahrtskirche Mariä Heimsuchung in Kleinenberg. Oliver Voß spielt den Gottessohn in einer Szene der Mysterienspiele in dem kleinen Wallfahrtsort. Heute Abend wird geprobt. Doch der Christus-­Darsteller, der bereits sein Purpurgewand angelegt hat und die Dornenkrone auf dem Kopf trägt, steht nicht im Mittelpunkt der Szene.

Maria ist die Hauptperson, nicht nur in dieser Sequenz: Das Leben der Gottesmutter bildet den Kern der Kleinenberger Mysterienspiele. Diese Perspektive macht sie zu einer in Deutschland einzigartigen Glaubenserfahrung. Seit 2002 werden sie alle fünf Jahre aufgeführt. In diesem Jahr ist es am 11. und 12. September wieder so weit.

Zum Rhythmus des „Todesmarsches“trägt Jesus das Kreuz

Mittlerweile haben sich auch die anderen Darstellerinnen und Darsteller an der Kreuzwegstation oberhalb der Wallfahrtskirche eingefunden. Sie freuen sich über den Schatten, den die großen Bäume rechts und links des Weges spenden. Rabea Schreckenberg spielt Maria in dieser Szene. Sie legt ihre Sonnenbrille ab, streift ihr rotes Gewand über und legt sich ein hellblaues Tuch um den Kopf. Alle anderen schlüpfen ebenfalls in ihre Kostüme. Verwandeln sich in Veronika, die Jesus das Schweißtuch reicht, in Simon von Cyrene oder werden zu Legionären, Frauen am Weg. Ein kleiner Junge trägt das Schild, das später über dem Kopf Jesu am Kreuz befestigt werden wird.

Veronika steht ganz unter dem Eindruck der Begegnung mit Christus.
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

Dann wird es still, die Probe beginnt. Benedikt Mehring schreitet der Gruppe voran, auf der Trommel schlägt er einen eintönigen Rhythmus, den „Todesmarsch“. Jesus ist auf dem Weg zu seiner Hinrichtung. Doch der Gottessohn bricht unter der Last des Kreuzes zusammen. Maria ist verzweifelt, Veronika reicht Jesus das Schweißtuch und hält es anschließend hoch. In ihren Worten liegen Trauer und Verzweiflung über das Handeln der Menschen: „Während ein Unschuldiger stirbt, werdet ihr eines Tages euren Fehler beweinen!“

Nina-­Maria Mehring steht ein wenig entfernt, schaut zu und nickt zufrieden. Bei ihr laufen alle Fäden zusammen, sie hat die Gesamtleitung des Spiels. Am Ablauf der Szene hat sie nichts auszusetzen: „Alle beherrschen ihren Text, haben die Rollen perfekt einstudiert.“ Einige waren schon bei den vergangenen Aufführungen dabei. „Insgesamt sind 80 Darstellerinnen und Darsteller beteiligt“, erzählt die Spielleiterin. Letztlich, so Nina-­Maria Mehring, sei fast der gesamte Ort involviert: „Hinter den Kulissen gibt es natürlich auch jede Menge zu tun, damit alles reibungslos abläuft.“ Das reicht vom Fahrdienst für Besucher, die nicht mehr so mobil sind, bis zu demjenigen, der pünktlich zur halben Stunde einen Lichtschalter bedienen muss.

Insgesamt acht Szenen mit wechselnden Darstellerinnen und Darstellern

Geprobt wird heute auf dem Kreuzweg die fünfte der insgesamt acht Szenen der Mysterienspiele. Sie reichen vom Besuch Marias bei Elisabeth über die Hochzeit zu Kana bis zum Kreuzestod, Marias Trauer und schließlich die Himmelfahrt der Gottesmutter. Die Darstellerinnen und Darsteller wechseln von Schauplatz zu Schauplatz.

Das Mysterienspiel ist eng mit der Kleinenberger Wallfahrt verknüpft. Seit vielen Jahrhunderten wird die Gottesmutter als „Helferin von kleinen Berge“ in dem Ort verehrt. Die Legende besagt, dass an der Stelle, an der heute die Wallfahrtskirche steht, vor Hunderten von Jahren ein Schäfer ein hölzernes Bildnis Mariens mit Jesus auf dem Arm fand. Als der Schäfer dem Pfarrer davon erzählte, stellte dieser das Bild in der Pfarrkirche auf. Nachdem es am anderen Tag verschwunden war, fand der Schäfer es an der gleichen Stelle wie beim ersten Mal wieder. Erneut übernahm der Pfarrer die Statue, schloss sie diesmal aber in den Tabernakel ein. Doch auch am nächsten Tag fand der Schäfer das Bildnis an der gewohnten Stelle vor. Das brachte die Beteiligten zur Erkenntnis, dass sich die Statue nicht an einen anderen Ort verbringen ließ. Daraufhin wurde der Muttergottes vor den Toren der Stadt eine kleine Kapelle errichtet: an der Stelle, wo heute die Wallfahrtskapelle steht.

„Das Abbild Jesu, eingeprägt mit seinem kostbaren Blute!“ Veronika reicht Jesus das Schweißtuch.
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

Im 18. Jahrhundert entstand in Kleinenberg die Idee, die Wallfahrt für die Gläubigen attraktiver zu gestalten. Der damalige Pastor des Ortes, Heinrich Winnimar Leifferen, initiierte neben einer Reihe anderer Aktivitäten auch ein religiöses Theater um das Leben Marias. Mysterienspiele hatten als geistliche Dramen damals schon eine lange Tradition. Sie wurden seit dem Mittelalter in Kirchen oder auf öffentlichen Plätzen aufgeführt, um dem einfachen Volk, das nur selten lesen oder schreiben konnte, religiöse Inhalte auf eine verständliche und gleichzeitig beeindruckende Art und Weise nahezubringen.

Tradition aus dem 18. Jahrhundertwurde wiederbelebt und aktualisiert

Die Kleinenberger Mysterienspiele gab es allerdings nicht lange, in der Zeit nach dem Siebenjährigen Krieg wurden sie zum Ende des 18. Jahrhunderts verboten. Dabei ging es nicht um die Inhalte des Stückes, sondern um das Auftreten der Darsteller: Ihre Gewänder waren derart verschlissen, dass sie „dem Spiel schadeten“, wie es in einer Infobroschüre zu den Mysterienspielen heißt.

Aus allen Altersgruppen kommen die Darsteller.
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

Doch das Wissen um die Spiele geriet nicht gänzlich in Vergessenheit. Im Jahr 2000 wurde in Lichtenau über ein neues Tourismuskonzept diskutiert. Als der Ortsheimatpfleger in diesem Zusammenhang von den Mysterienspielen berichtete, war man sich sehr schnell einig, sie wiederzubeleben. Zugute kam den Kleinenbergern damals die Tatsache, dass es damals eine aktive Theaterszene in dem Ort gab, die „Heimatbühne“ und das Jugendtheater. Neben vielen anderen waren dort ­Ingrid und Rainer Beseler aktiv. Sie engagierten sich dann auch für die Mysterienspiele. Ihre Leitung lag anschließend lange Jahre in den Händen von Ingrid Beseler.

Gemeinsam auf dem Weg: Die Zuschauer wandern von Szene zu Szene

Was zu diesem Zeitpunkt im Jahr 2000 allerdings noch fehlte, war ein aktueller Text. Damals schrieb Frank Dieckbreder von der Bielefelder Gruppe „sunya“ das Stück „Maria – Annäherung an Wallfahrt“. Nach zweijähriger Vorlaufzeit wurde es 2002 bei den ersten Kleinenberger Mysterienspielen aufgeführt. In den Folgejahren wurde der textliche Umfang erweitert, unter anderem steuerte Hermann ­Multhaupt, langjähriger „Dom“-­Chefredakteur, einige Szenen bei.

Die Kleinenberger sehen sich in einem Punkt eng der Tradition mittelalterlicher Mysterienspiele verwandt: So wie damals sind die Zuschauer in das Geschehen eingebunden. Theater, Religion und Glauben werden zum gemeinschaftlichen Erlebnis, bei dem sich alle auf einen Pilgerweg begeben, um zentrale Stellen aus dem Leben der Gottesmutter nachzuempfinden. In Gruppen wird das Publikum zu den Spielorten der einzelnen Szenen geführt und legt so einen rund 2,5 Kilometer langen barriere­armen Weg durch den Wallfahrtsort zurück.

Ganz Kleinenberg steht im Zeichen der Mysterienspiele. Fast alle im Ort sind vor oder hinter den Kulissen beteiligt.
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

Seit zwei Jahren wird auf die aktuellen Spiele im ganzen Ort hingearbeitet, berichtet Nina-­Maria Mehring: „Die Darstellerinnen und Darsteller haben vor etwa einem Jahr mit den Proben begonnen.“ Da wurde schon fleißig an Kulissen und Kostümen gearbeitet. Für die Spielleiterin gibt es also jede Menge zu planen und zu organisieren. Trotz all dieser Fragen rund um Organisation und Logistik, die sie täglich beschäftigen, steht für die Kleinenbergerin die religiöse Erfahrung im Mittelpunkt. „Die Mysterienspiele machen was mit einem“, weiß Nina-­Maria Mehring. Und diese positive Erfahrung wünscht sie auch allen Besuchern der Aufführungen, wie sie in einem Interview erklärte: „Ich glaube an das Gute im Menschen. Wenn es nach mir ginge, müssten viele Menschen – egal, welchen Glaubens – die Botschaften von Maria sehen. Sie müssen gehört werden. Denn dann wird die Welt ein besserer Ort. Da bin ich mir sicher.“

Zur Sache

Die erste Aufführung der Mysterienspiele findet am Freitag, 11. September, ab 14.00 Uhr statt, eine zweite, die Nachtvorstellung, folgt um 21.30 Uhr. Am Samstag, 12. September, beginnt die Vorstellung ebenfalls um 14.00 Uhr, um 19.00 Uhr steht eine Lichterprozession vom Muttergottes-­Brunnen zur Wallfahrtskirche auf dem Programm. Ein Wallfahrtshochamt mit Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz wird am Sonntag, 13. September, um 10.00 Uhr gefeiert. Eintrittskarten gibt es online (www.wallfahrt-­kleinenberg.de) bzw. telefonisch (0 56 47/94 68 68 oder 01 75/1 24 88 14). Erwachsene zahlen 15 Euro inklusive Textheft. Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre haben freien Eintritt.

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