Menschen 50plus sind wie Teenager - nur mit Kreditkarte
Menschen im Alter zwischen 50 und 69 Jahren stellen sich offenbar ähnliche Fragen wie Jugendliche nach dem Schulabschluss.
Die Bevölkerung zwischen 50 und 69 Jahren ist digital unfähig, hilfsbedürftig, bequem und anspruchslos: So lautet der Mythos. Das berichtete Ines Imdahl, Gründerin und Geschäftsführerin von rheingold salon, auf der Marketing-Messe DMEXCO, die am Donnerstag in Köln zu Ende geht. Doch die Realität sieht anders aus.
Es gibt viele Studien zur Frage, was die Gen Z beschäftigt, also die zwischen 1995 und 2010 Geborenen. Allerdings machen sie nur rund ein Zehntel der Bevölkerung aus. Zu den 50- bis 69-Jährigen gehört dagegen fast jeder Dritte in der Bevölkerung. Zu ihren Bedürfnissen gebe es jedoch wenig Forschung, kritisiert Imdahl. Sie hat sich diese Bevölkerungsgruppe genauer angesehen.
Diese Generation hat nach ihrer Beobachtung das Lebensgefühl, mittendrin zu sein. Sie könnten einerseits auf vergangene Erfahrungen zurückgreifen und hätten andererseits Zukünftiges im Blick. Wichtig sei den Befragten, „dass sie total stolz sind, ihr Wissen, ihr Können, ihre Kompetenz weiterzugeben“, sagt die Expertin. Als Gesprächspartnerin komme man bisweilen mit Tipps zu Kleidung, Gesundheit und dem Fernsehprogramm heraus – oft auch ohne vorher danach zu fragen.
Anspruchsvoll und lebenslustig
Die Generation sei anspruchsvoller als die Jüngeren, beim Konsum ebenso wie bei der Partnerwahl und dem Job, sagt Imdahl weiter. „Und wir trauen uns auch, uns im Restaurant zu beschweren.“ Menschen in dieser Altersspanne könnten ihr Leben unabhängiger leben als früher, weniger fremdbestimmt. Sie hätten zudem eine hohe Lebenslust.
„Wichtig ist, dass der Blick auf das Älterwerden sich im Laufe der Zeit komplett verändert.“ Früher sei das Altern eher eine Entwicklung gewesen, die man hinnehmen musste. Heute seien viele aus dieser passiven Rolle heraus: „Menschen haben sich komplett abgewandt von der Schicksalsgläubigkeit und glauben, dass sie ihr Leben selbst in der Hand haben.“ Schlagworte wie Longevity – also der Wunsch nach einem langen, gesunden, selbstbestimmten Leben – seien in den Vordergrund gerückt.
Die vielen Möglichkeiten seien in der heutigen Zeit einzigartig und brächten auch Herausforderungen mit sich. „Die 50plus steht nämlich vor ähnlichen Fragen, Optionen und Entscheidungen in diesem Lebenswandel wie Teenager nach dem Abschluss ihrer Schule – nur mit Kreditkarte.“ Bestimmte Fragen stellten sich viele Menschen einmal in der Pubertät – und ab dem 50. Geburtstag würden sie auf neue Art aufgeworfen.
Dazu zählten Überlegungen wie: Mit wem will ich leben? Wo will ich leben – ziehe ich noch einmal um? Wie möchte ich meine Sexualität leben? Wie gehe ich mit meinen Eltern um? Und wie kann ich etwas zur Gesellschaft beitragen? Partnerschaft sei den heutigen Ü-50ern besonders wichtig, so Imdahl. Es folgten Aussehen und Schönheit, Beruf und Berufung sowie Wohnen und Leben. Dabei gibt es jedoch einige Unterschiede zwischen Frauen und Männern.
Frauen hinterfragten den Status quo auf allen Ebenen, sagt die Expertin. Damit fingen sie spätestens mit 50 Jahren an, oft schon etwas früher. „Und sie planen ganz konkret Veränderungen und Umbrüche ein“, zum Beispiel eine neue Ausbildung oder einen neuen Wohnort. Männer planten eher, ihr Leben zu erhalten und auszubauen. „Sie entwickeln ehrlicherweise eine immer höhere Zufriedenheit mit ihrem Tun“ und werden entspannter.
Frauen hinterfragen indes auch Partnerschaften eher und überlegten, wie sie damit umgehen könnten, wenn der Mann an ihrer Seite irgendwann nicht mehr dazugehöre – aus welchem Grund auch immer. Männer verstünden die Partnerschaft eher als Grundlage und Stabilität. Bei den Männern gehe das Leben auch nach dem Renteneintritt oft recht beständig weiter.
Unterschiede bei Finanzen und Aussehen
Beim Thema Finanzen sind Männer etwas gelassener als Frauen, sagt Imdahl. Letztere fangen teilweise erst im mittleren Lebensalter an, an der Börse zu handeln. Zudem hinterfragten sie ihr Aussehen deutlich stärker: Jede von ihr befragte Frau habe sich in ihrem Leben einmal gefragt, ob sie natürlich altern wolle. Männer seien – abgesehen von ihren Haaren – zufriedener mit ihrem Aussehen. Eigene Bedürfnisse würden beiden Geschlechtern wichtiger, ebenso der Stolz auf das, was man erreicht habe.
Frauen zwischen 50 und 69 Jahren verstünden das Leben eher als Abfolge von Höhen und Tiefen, die sich aktiv gestalten lassen. Doch: „Sie wünschen sich manchmal insgeheim mehr Stabilität und Geradlinigkeit“ – und dass sie zufrieden sein können. Männer hätten eher einen linearen Blick auf das Leben, sagt Imdahl. Doch in längeren Gesprächen erzählten auch sie von Lebensträumen – wie einer eigenen Band.undtext