Hier bei uns: Wie geht es weiter mit dem Glauben?
Das Dekanat Höxter gehört zum „Kernland“ des Erzbistums. Die Kirchengeschichte dieser Region reicht mehr als 1 200 Jahre zurück.
Das große Fest ist gerade vorbei: Zehntausende Besucher waren in Brakel beim Annentag. Die meisten von ihnen sicherlich wegen der Kirmes, doch nicht wenige, um den Gedenktag der Heiligen Anna zu begehen, zu beten und Gottesdienst zu feiern.
Jetzt steht Aufräumen an. Karussells und Bierbuden werden abgebaut, die große Bühne an der Pfarrkirche steht kurz vor dem Abtransport. Hier wartet auch der „Kirchenanhänger“ darauf, wieder an den Haken genommen zu werden. Der Pavillon vor dem Dekanatsbüro ist bereits in seine Einzelteile zerlegt und wird weggepackt. Das historische Gebäude, in dem das Büro untergebracht ist, grenzt direkt an die Kapuzinerkirche, das erste große Werk des berühmten westfälischen Barock-Baumeisters Johann Conrad Schlaun.
Glaubensgeschichte über Jahrhunderte
So wie in Brakel findet man materielle und immaterielle Zeugnisse einer über Jahrhunderte gelebten Glaubens- und Kirchengeschichte im gesamten Dekanat Höxter – herausragend wie in Corvey oder weniger spektakulär in den kleineren Orten. Doch damit für die Menschen dort nicht weniger wichtig und identitätsstiftend.
Diese Geschichte ist beeindruckend, aber eben Geschichte und somit Vergangenheit. Jetzt steht der Transformationsprozess im Erzbistum an. Und mit dem sind jede Menge Fragen und Ängste verbunden: Was von den alten Traditionen hat eine Zukunft und kann in zeitgemäßer Form fortgeführt werden? Wovon muss man sich verabschieden – vielleicht auch, weil es dem Neuen im Weg steht? Und ganz konkret: Wie geht es vor der eigenen Haustür mit der „Kirche im Dorf“ weiter?
„Wir sind hier im katholischen Kernland unseres Erzbistums“, sagt Andreas Kurte, Pfarrer in Brakel und Dechant des Dekanates Höxter, um direkt hinzuzufügen: „Aber was über Jahrhunderte Bestand hatte, steht vor einem fundamentalen Umbruch. Jetzt lösen wir Pfarreien auf, von denen manche älter als 800 Jahre sind – das ist schmerzhaft und erschüttert die Gläubigen!“
Die Fakten, die er in diesem Zusammenhang anführt, sprechen eine deutliche Sprache. Lebten 2005 im Dekanat Höxter noch exakt 103 349 Katholiken, waren es zwanzig Jahre später genau 70 549. Die Zahl der Gottesdienstbesucher ist im gleichen Zeitraum von gut 20 000 auf rund ein Viertel davon gesunken, wobei die Quote an den über 100 Kirchorten mit 100 bis 4 500 Katholiken zwischen drei und 20 Prozent schwankt. Doch im Schnitt sind die Zahlen nicht höher als im Rest des Erzbistums – „urkatholisch“ hin oder her. Das Dekanat, das flächenmäßig mit dem Kreis Höxter übereinstimmt, erstreckt sich über 1 200 Quadratkilometer, entsprechend groß sind die Entfernungen.
„Erschütterung und Abschiedsschmerz“
In knapp zehn Jahren wird es im Erzbistum noch rund 170 Priester geben gegenüber aktuell etwa 450. Andreas Kurte: „Wie soll das in Zukunft auf dieser Fläche alles gehen?“ Demografie ist im Kreis Höxter überhaupt ein großes Thema, wie Dekanatsreferentin Gisela Fritsche erklärt: Der Altersdurchschnitt liegt mit rund 46 Jahren höher als sonst in Nordrhein-Westfalen.
Rational gibt es angesichts dieser Tatsachen am Bistumsprozess und der Transformation des Dekanates in einen Seelsorgeraum nichts zu rütteln. Anders sieht es auf der emotionalen Seite aus. Gisela Fritsche: „Für die eher traditionell geprägte ältere Generation ist das, was passieren soll, schon eine tiefe Erschütterung, der Abschiedsschmerz ist an vielen Punkten spürbar.“ Verlustängste reichen laut Karin Stieneke von der Unsicherheit bei Kirchenvorständen über die Zukunft des Gemeindevermögens bis zur Frage „Wer beerdigt mich?“. Karin Stieneke ist Verwaltungsleiterin im Pastoralen Raum Brakeler Land. Beim Thema „Finanzen“ kommt es ihrer Meinung nach darauf an, dass die ehrenamtliche Arbeit vor Ort gesichert ist, die Vermögensverwaltung sei nicht der Kernpunkt: „Die Frage muss lauten, was es an kirchlichem Leben gibt, und was es dafür an finanziellen Mitteln braucht.“
In der Pastoral wird vieles in Zukunft also ehrenamtlich geschehen müssen. Die Strukturen, die das ermöglichen sollen, sind originärer Teil des Bistumsprozesses. Entscheidend wird sein – da sind sich die drei einig –, welches Bild von Pastoral und Kirche dahintersteht; bei denen, die sich engagieren, und denen, die dies ermöglichen sollen.
Und da könnten Probleme liegen, wie Kurte aus Erfahrung weiß: „Es gibt häufig noch ein großes Engagement für das Dorf und die Kirche dort.“ Das sei ein Segen, aber zugleich auch eine Krux: „Denn dieser Einsatz konzentriert sich meistens nur rund um den eigenen Kirchturm.“
Ehrenamt und Demografie
Beim Ehrenamt spielt die Demografie ebenfalls eine Rolle. Ein Großteil der Engagierten kommt aus der Generation „60plus“. Und die setzt eigene Prioritäten, etwa mit Blick auf das, was unbedingt direkt vor Ort stattfinden soll. Karin Stieneke: „Die jüngeren Leute haben so eine enge Bindung an die Kirche im Ort nicht mehr, sie sind mobiler, nehmen pastorale Angebote auch woanders wahr.“ Die Bereitschaft, sich zu bewegen – auch im übertragenen Sinn –, wünschen sich die drei bei möglichst vielen Menschen im Dekanat.
Eine Zukunftsaufgabe lautet demnach: die Menschen an die Kirche zu binden, deren Engagement es braucht, damit man gemeinsam etwas entwickelt und der Glaube in der Region lebendig bleibt. Doch wie kann das möglichst generationenübergreifend geschehen? Bei dieser Frage schlägt Andreas Kurte den Bogen zur Geschichte: „Die Region ist durch die vielen Klöster vom Benediktinischen Geist geprägt.“
Rundreisen, um ins Gespräch zu kommen
Und dann zitiert der Geistliche das erste Wort der Benediktiner-Ordensregel: „Höre!“ Um also zu erfahren, was die Menschen im Dekanat erwarten, erhoffen oder auch befürchten, wird es ab Anfang September unter dem Leitwort „Hier bei uns“ Rundreisen durch das Dekanat geben. Gisela Fritsche hofft, dabei auch mit Jüngeren ins Gespräch zu kommen: „Was wünscht sich die Jugend? Das wissen wir doch häufig gar nicht!“
Was sich die drei hier im Dekanatsbüro in diesem Zusammenhang wünschen, ist klar: „Wir müssen bei diesen Treffen über den Glauben und Inhalte sprechen, denn wir reden viel zu viel über Strukturen, Bürokratie und Verwaltung.“ Vielleicht lassen sich dann auch die verhärteten Fronten aufbrechen, die sich bereits gebildet haben – etwa im Zusammenhang mit dem Manifest der Heimatpfleger zum Bistumsprozess.
Das Wort „alternativlos“, das man in ähnlichen Situationen so oft hört, fällt während des Gesprächs an diesem Nachmittag nicht. Ein „Augen zu und durch“ soll es nicht geben. Es komme darauf an, etwas zu schaffen, was funktioniere. Da müssten auch Fehler passieren dürfen. Deshalb sind Gisela Fritsche, Karin Stieneke und Andreas Kurte auch zurückhaltend, was den Zeitrahmen betrifft: „Wir wollen hier im Dekanat nicht die Musterschüler im Erzbistum sein, die am schnellsten fertig sind!“
Hintergrund
HintergrundDas Dekanat Höxter besteht aus sieben pastoralen Räumen, in denen 92 Gemeinden liegen. Stand 2025 gehörten 70 549 Katholiken zum Dekanat. Geografisch erstreckt es sich im Norden von St. Marien, Steinheim bis St. Simon u. Juda, Wormeln im Süden und liegt damit ausschließlich in Nordrhein-Westfalen. In der Fläche ist es identisch mit dem Kreis Höxter. Im Zuge des Bistumsprozesses soll aus dem Dekanat ein Seelsorgeraum werden. Mit dem Kloster Corvey verfügt es als einziges Dekanat im Erzbistum Paderborn über eine UNESCO Welterbestätte. Das ehemalige Benediktinerkloster wurde am 21. Juni 2014 mit dem Titel ausgezeichnet.