Gemeinsam unterwegs für den Frieden
Auf den Spuren von Franz Stock führte ein Friedensweg von Olsberg hinauf zum Borberg. Mit dabei waren Menschen aus Deutschland und Frankreich.
Der Morgen beginnt in Dortmund. Eric Mignien ist müde, aber zufrieden. Hinter ihm liegt eine Nacht im Bus, vor ihm ein gemeinsamer Tag im Sauerland. Der Franzose ist aus Paris angereist, um mit Freunden und Mitgliedern des Franz-Stock-Komitees einen besonderen Weg zu gehen: hinauf zum Borberg bei Olsberg/Brilon, zur dortigen Friedenskapelle.
Für Mignien ist die Reise mehr als ein Ausflug. Er engagiert sich sowohl bei den „Compagnons de Saint François“ – den Gefährten des Heiligen Franziskus – als auch bei „Les Amis de Franz Stock“. Franz Stock verbindet die Menschen, die an diesem Tag zusammenkommen. Der aus Neheim stammende katholische Priester hatte während des Zweiten Weltkriegs in Frankreich gewirkt und sich dort unter schwierigsten Bedingungen für Gefangene und zum Tode Verurteilte eingesetzt. Nach dem Krieg wurde er zu einem wichtigen Symbol der deutsch-französischen Verständigung.
Dass nun ein Franzose aus Paris gemeinsam mit Deutschen auf den Spuren Stocks unterwegs ist, macht diese Geschichte ganz unmittelbar erlebbar.
„Frieden auf Erden“ – „Paix sur terre“
Bevor es ins Sauerland geht, macht die Gruppe Station in Holzwickede. Vor der dortigen Liebfrauen-Kirche steht ein Friedenspfahl. Auf ihm finden sich die Worte „Frieden auf Erden“ und „Paix sur terre“. Passender könnte der Auftakt kaum sein. Pastor Bernhard Middelanis empfängt die Gäste im Pfarrhaus. Kaffee und frische Brötchen sorgen dafür, dass auch Eric Mignien nach der langen Nachtfahrt wieder zu Kräften kommt. Es wird erzählt, gelacht und miteinander gesprochen. Schon hier zeigt sich, worum es an diesem Tag gehen soll: um Begegnung, Frieden und die Überwindung von Grenzen.
Anschließend geht es weiter Richtung Sauerland. In Neheim, dem Geburtsort Franz Stocks, bleibt Zeit für einen kurzen Besuch an seinem Elternhaus. Am 21. September 1904 wurde Stock hier geboren. Heute erinnert die Gedenk- und Begegnungsstätte an den Priester, dessen Lebensweg eng mit der deutsch-französischen Geschichte des 20. Jahrhunderts verbunden ist. Das Elternhaus ist jede Woche freitags in der Zeit von 16 bis 18 Uhr geöffnet.
Dann führt die Fahrt weiter nach Olsberg. Am Bahnhof beginnt der eigentliche Friedensweg. Gut ein Dutzend Menschen macht sich auf den Weg. Mitglieder und Freunde des Franz-Stock-Komitees sind dabei, ebenso die „Compagnons de Saint François“, „Les Amis de Franz Stock“ und Pax Christi. Zunächst geht es durch Olsberg und über Wirtschaftswege hinaus in die Landschaft. Der Weg führt über die „Rote Brücke (Querung der Oberen Ruhrtalbahn) und wird zunehmend steiler. Ziel ist der Borberg, rund 670 Meter hoch gelegen.
Seit 1963 führen Kreuzwegstationen den sogenannte Glockenpfad hinauf zum Berg. Doch an diesem Tag geht es nicht nur um den Aufstieg. Pfarrer i. R. Wilfried Göddeke aus Dortmund hat für die Stationen eigene Texte verfasst. Sie stellen eine Verbindung zwischen dem Leidensweg Jesu und dem Lebensweg Franz Stocks her. Beide werden dabei zu „unsichtbaren Weggefährten“.
Mit jeder Station verändert sich die Stimmung. Gespräche werden leiser, schließlich verstummen sie ganz. Die Gedanken richten sich auf Franz Stock: auf seine Jahre in Frankreich, auf seinen Dienst an Gefangenen und zum Tode Verurteilten und auf seinen beharrlichen Einsatz für Menschlichkeit und Verständigung.
Der Weg nach oben wird damit zu einer Zeit des Nachdenkens. Die körperliche Anstrengung gehört dazu. Schritt für Schritt geht es bergauf – und gleichzeitig tiefer hinein in die Geschichte eines Mannes, dessen Leben von den deutsch-französischen Beziehungen geprägt war.
Frieden auf dem Borberg
Oben angekommen wartet die Friedenskapelle. Sie ist der „Mutter Gottes vom Guten Frieden“ geweiht. Hier feiert die Gruppe gemeinsam Gottesdienst. Die Heilige Messe zelebriert Pfarrer Stephan Jung aus Neheim, der Vorsitzende des Franz-Stock-Komitees. Nach dem Kreuzweg ist die Feier ein Moment der Ruhe und des gemeinsamen Innehaltens. Lateinische Gesänge aus Taizé erklingen, dazu das hebräische Friedenslied „Hevenu Schalom Alechem“. Eric Mignien kann mitsingen. Verschiedene Sprachen, unterschiedliche Herkunft – und doch ein gemeinsames Gebet.
Auch außerhalb der Kapelle erzählt der Borberg von der Geschichte des Friedens. Das Konzilskreuz, die Friedenseiche von 1931, ein Gedenkstein an das damalige große Treffen und der Borbergskirchhof mit seiner Kirchenruine erinnern daran, dass Menschen diesen Ort seit Generationen aufsuchen, um zu beten, sich zu erinnern und Zeichen zu setzen.
Der Borberg ist deshalb mehr als ein Wanderziel. Er ist ein Ort, an dem sich Landschaft, Geschichte und die Suche nach Frieden verbinden. Nach dem Aufenthalt auf dem Borberg führt der Weg durch das Hilbringsetal wieder bergab. Die Anspannung des Aufstiegs ist vorbei. Gespräche entstehen, und aus dem geistlichen Weg wird wieder eine gemeinsame Wanderung.
An der Hiebammenhütte wartet die verdiente Einkehr. Bei Essen und Getränken wird erzählt, diskutiert und gelacht. Die Teilnehmer lassen die Erlebnisse des Tages noch einmal Revue passieren. Schließlich geht es zurück nach Olsberg. Und auch das Wetter scheint sich dem Verlauf des Tages anzupassen. Nach dem trüben Morgen bricht am Abend die Sonne durch und legt ein warmes Licht über die Landschaft.