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19.06.2026
Die Statue von Kardinal Franz Hengsbach, emeritierter Bischof von Essen, wird 2023 aufgrund von Missbrauchsvorwürfen abgebaut.
Foto / Quelle: Olaf Biernat/KNA

Forschende legen bald erste Aufarbeitungsergebnisse vor

Jahrzehnte nach seinem Tod wurden Missbrauchsvorwürfe gegen den früheren Essener Bischof Franz Hengsbach bekannt.

Essen

Er gehörte zu den kirchlichen Galionsfiguren der Nachkriegsjahrzehnte in Deutschland: Der Gründungsbischof des Ruhrbistums Essen, Kardinal Franz Hengsbach. Heute sehen ihn viele in einem anderen Licht. Denn Hengsbach, der im Ruhrpott noch lange nach seinem Tod 1991 hohes Ansehen genoss, wird sexueller Missbrauch vorgeworfen. Kommende Woche stellen Forschende erste Zwischenergebnisse einer Aufarbeitungsstudie zu diesen Hinweisen vor.

Ins Rollen kam die Studie im September 2023. Damals berichtete das Bistum Essen in einer Pressemitteilung von Anschuldigungen gegen Hengsbach wegen sexualisierter Gewalt. Einer der Fälle bezieht sich auf seine Zeit als Bischof von Essen ab 1958, einer auf seine vorherige Tätigkeit als Weihbischof im Erzbistum Paderborn. Auch die Paderborner veröffentlichten in der Sache eine Pressemitteilung.

Vorwurf gegen Hengsbach und seinen Bruder

Den beiden Bistümern zufolge ergibt sich aus Kirchenakten folgendes Bild: Hengsbach und sein Bruder, ebenfalls Priester, sollen 1954 im Erzbistum Paderborn einer damals 16-Jährigen mehrfach sexuelle Gewalt angetan haben. 2011 meldete sich die Frau bei der Erzdiözese. Hengsbach war damals schon lange tot, doch sein Bruder wurde von Kirchenverantwortlichen befragt. Der bestritt die Vorwürfe vehement. Mittlerweile ist auch er gestorben.

Die Kirchenverantwortlichen bewerteten die Beschuldigungen als nicht plausibel – ein Fehler, wie das Erzbistum Paderborn heute betont. Denn gegen den Bruder gab es noch einen weiteren Hinweis einer anderen Frau. Beide Vorwürfe hätten zusammen betrachtet werden müssen. 2023 entschuldigte sich ein Vertreter des Erzbistums bei der Betroffenen.

Die Erzdiözese meldete den Fall 2011 an den Vatikan. Der entschied, die Sache fallen zu lassen. Einen Antrag auf Anerkennung des Leids leitete das Erzbistum nicht an die zuständige Stelle bei der Deutschen Bischofskonferenz weiter. Aber: Es informierte den Bischof von Essen, Franz-Josef Overbeck, über die Angelegenheit. Der war damals seit etwa zwei Jahren im Amt.

Franz Hengsbach, aufgenommen auf einem Kongress der Bischöflichen Aktion Adveniat im November 1969 in Trier.
Foto / Quelle: KNA-Bild

Auch Overbeck wurde zunächst nicht aktiv. „Aufgrund der Zuständigkeit der Kongregation für die Glaubenslehre sah ich den Vorgang als bearbeitet an“, erklärte er später – und entschuldigte sich in einem Brief an die Gemeinden im Bistum Essen für diese Einschätzung.

Der Bischof gestand eigene Fehler ein. So habe er 2011 seine damalige Missbrauchsbeauftragte nicht informiert. Auch habe er später einem Forschungsteam nichts dazu gesagt. Gemeint sind die Sozialwissenschaftler des Münchner Instituts IPP, die im Februar 2023 eine Aufarbeitungsstudie zu sexueller Gewalt im Bistum Essen vorlegten. Daraus geht zwar hervor, dass Hengsbach völlig unzureichend mit Missbrauchsanschuldigungen gegen Priester umging. Dass er jedoch selbst Missbrauch begangen haben könnte – dazu gibt es in der Studie keinen Hinweis.

In seinem Entschuldigungsbrief schrieb Overbeck, dass er nach den Standards der damaligen Zeit gehandelt habe, „die sich aus heutiger Sicht als vollkommen ungenügend darstellen“. Er hätte die Dinge infrage stellen müssen. Und: „Ich konnte auch nicht glauben, dass ein geschätzter Kardinal, der zugleich mein Vorgänger im Bischofsamt war, anderen Menschen furchtbares Leid zugefügt haben könnte.“ Damit sei er einem Muster gefolgt, schrieb er selbstkritisch – nämlich „dem Schutz des Ansehens eines kirchlichen Würdenträgers Vorrang zu geben und die betroffenen Menschen nicht hinreichend zu sehen“.

Weiterer Hinweis gegen Hengsbach

Im Oktober 2022 kam es schließlich zu einer weiteren Meldung: Eine betroffene Person berichtete dem Bistum Essen, es habe einen sexuellen Übergriff durch Bischof Hengsbach im Jahr 1967 gegeben. Im März 2023 erfuhr Overbeck von der Sache und veranlasste weitere Nachforschungen. Unter anderem fragte das Ruhrbistum im Erzbistum Paderborn nach, ob dort Vorwürfe gegen den Kardinal vorlägen. Hengsbachs Personalakten wurden geprüft, der Hinweis aus dem Jahr 2011 kam noch einmal zutage.

Den hatte Overbeck ja ursprünglich nicht weiterverfolgt. Doch nun war da dieser neue Vorwurf. Der Bischof entschied, die Beschuldigungen öffentlich zu machen. Gleichzeitig riefen das Bistum Essen und das Erzbistum Paderborn mögliche weitere Betroffene auf, sich zu melden.

Die Reaktionen auf die Veröffentlichung waren weitreichend. Unter anderem ließ das Essener Domkapitel eine Gedenkstatue für den Gründungsbischof auf dem Essener Domhof entfernen. Dort soll nun ein Gedenkort für Missbrauchsbetroffene in der Kirche entstehen.

Im Oktober 2024 startete das IPP gemeinsam mit der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg und dem Berliner Institut Dissens eine neue Aufarbeitungsstudie zu den Missbrauchsvorwürfen gegen Hengsbach. Ein Schlag für die Forschenden war der Unfalltod des Hamburger Studienleiters Thomas Großbölting im Februar 2025. Eigentlich wollte sein Team 2027 die Endergebnisse vorstellen. Nun legt es am 25. Juni einen ersten Zwischenstand vor. Dann wird sich abzeichnen, welches Licht die Forschenden auf die einstige Galionsfigur werfen.

KNA
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