Esoterik-Markt boomt - auch aus Enttäuschung über Kirche
Sich selbst finden oder nach Sinn suchen: Das wünschen sich Menschen heute offenbar mehr denn je. Nicht alle Angebote, die dabei helfen wollen, sind vertrauenswürdig.
Wer vom Sinnangebot der Kirche enttäuscht ist, wendet sich womöglich unseriösen Versprechen zu: Davor warnt Psychotherapeut Werner Gross. „Menschen brauchen ein Sinnsystem“, sagte er der Zeitschrift „Psychologie Heute“ (August-Ausgabe). „Doch die traditionellen Erklärungen der Kirchen, die jahrhundertelang das Sinnsystem der meisten Menschen geprägt haben, taugen für viele Leute nicht mehr.“
Im Bereich der Lebenshilfe gebe es dagegen „ungewöhnliche, kreative Antworten auf Sinnfragen. Freundlich formuliert handelt es sich bei den Anbieterinnen um ein buntes Völkchen, das Neugier weckt.“
Gross war in den 1990er Jahren Sachverständiger der Enquete-Kommission des Bundestags zu Sekten und Psychogruppen. Dieser Markt setzt nach seinen Worten in Deutschland jährlich „viele Milliarden Euro“ um; er geht von 30.000 bis 50.000 Personen aus, die sich hierzulande als „Coach“ bezeichnen. Es handelt sich nicht um eine geschützte Berufsbezeichnung.
Worauf man bei der Sinnsuche achten sollte
Nach seinen Schätzungen sind seriöse Coachings für 80 bis 90 Prozent der Nutzenden unproblematisch – „wenn man ein seriöses Angebot herausfischt“. Zu Wachsamkeit rät Gross bei hohen Preisen: „Da kostet ein Seminar oder ein Kurs am Anfang vielleicht 200 oder 300 Euro, der zweite dann schon 500, und der dritte nimmt mir schon 1.500 Euro vom Konto. Und wenn ich einmal angefixt bin von einem unseriösen Anbieter, dann öffnet sich das Portemonnaie immer leichter.“
Auch Machtanspruch, spirituelle Fassade oder überzogene Heilsversprechen deuten nach Worten des Experten auf unseriöse Angebote hin. „Vorsicht ist geboten, wenn versucht wird, Bewusstseinskontrolle zu erlangen, also zum Beispiel absolute Hingabe gefordert wird.“
In einer akuten Krise oder mit einer chronischen Erkrankung sei man in der etablierten Psychotherapie am besten aufgehoben, so Gross. Ansonsten begebe man sich „auf dünnes Eis“. Immer wieder erreichten Sekten-Beratungsstellen etwa Berichte über Menschen, die im Rahmen unseriöser Programme psychotische Störungen, Verhaltensänderungen oder Suizidgedanken entwickelt haben.
Coaching kann durchaus hilfreich sein
Unter Generalverdacht sieht Gross jedoch Coachings, Ratgeber und Retreats keineswegs. Man müsse nicht „bei jedem Problem oder bei der Sinnsuche zum Psychologen oder zur Psychotherapeutin“: „Wenn keine ernsthaften körperlichen oder psychischen Erkrankungen vorliegen, kann bei Berufsproblemen, Beziehungsschwierigkeiten oder Sinnfragen auch ein Stück Eskapismus mit besonderen, intensiven Erfahrungen und Erlebnissen sinnvoll sein.“
Sinnvoll sei zunächst ein Telefonat und das Vertrauen auf das eigene Bauchgefühl, ob jemand vertrauenswürdig wirke, sagte der Therapeut – und ebenso die Prüfung, welche berufliche Qualifikation jemand mitbringe oder ob diese Person schon einmal negativ aufgefallen sei. „Wenn jemand seine schamanischen Künste zur Behandlung von traumatischen Erlebnissen in persönlicher Reifung und Introspektion erworben hat, sollte ich die Finger davon lassen.“