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10.07.2026
Rock-Ikonen wie die Rolling Stones altern nicht.
Foto / Quelle: pixabay

Neue Rocksongs statt Ruhestand

Die Frage, wie lange er das noch machen wolle, wurde Mick Jagger schon mit Mitte 20 gestellt – die Antwort liefert das 25. Album der Rolling Stones.

Bonn

Kurz vor Mick Jaggers 83. Geburtstag zeigt eine der erfolgreichsten Rockbands aller Zeiten, dass sie es noch immer draufhat: Am Freitag erscheint „Foreign Tongues“, das 25. Studioalbum der Rolling Stones; am 26. Juli feiert der Sänger Geburtstag. Seine verbliebenen Bandkollegen sind unwesentlich jünger – Keith Richards zieht im Dezember gleich, Ron Wood bleibt auch mit 79 das „ewige Küken“.

Für nächstes Jahr hat die Gruppe eine Tour angekündigt – eine „Residency“, also ein Konzertreihe an ein- und demselben Ort, komme nicht in Frage. Dass mit Charlie Watts im August 2021 nicht nur ein begnadeter Drummer starb, sondern auch der einzige „Stone“, der sich je wie ein britischer Gentleman im gesetzten Alter kleidete, beklagen Fans bis heute. Er wurde 80 Jahre alt. Doch nicht nur manche Melodien und Lieder werden unsterblich – erstaunlich langlebig sind oft auch ihre Urheber.

Dirigenten werden oft sehr alt

Musikalische Tätigkeit gilt als förderlich für kognitive Leistungsfähigkeit, weil sie Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Koordination beansprucht. Belegt ist dies für einen Berufsstand, mit dem die Stones auf den ersten Blick wenig gemeinsam zu haben scheinen: Dirigenten.

Herbert Blomstedt etwa, der am Samstag 99 Jahre alt wird, betritt die Bühne mittlerweile mit einem Rollator und leitet die Orchester im Sitzen. Doch sobald er die Arme hebt, ist das Alter vergessen – die komplexen Meisterwerke dirigiert er nach wie vor auswendig. Ein Ende ist nicht in Sicht: Weitere Auftritte sind bis in das nächste Jahr hinein geplant, stehen aber unter Vorbehalt – momentan ist er erkrankt und hat Konzerte abgesagt.

Bemerkenswert findet Alternsforscher Uwe Sperling diese Entwicklung: Wer nicht in guter körperlicher und geistiger Verfassung ist, wäre nicht in der Lage, auch im fortgeschrittenen Alter komplexe Partituren zu erfassen, ein Orchester, gegebenenfalls Solisten oder Chöre zu koordinieren – beziehungsweise eine Band anzuführen – sowie musikalische Entscheidungen in Echtzeit zu treffen. Diese Anforderungen setzten ein hohes Maß an Konzentration, Gedächtnisleistung und körperlicher Präsenz voraus.

Die Magie der Stars

Auch an Musikstars geht das Alter allerdings nicht spurlos vorbei – dabei verehren viele Menschen sie gerade deshalb, „weil sie uns an einem Hauch Magie aus einer anderen Welt teilhaben lassen“, wie die US-Autorin Susan Cain schreibt. Vor drei Jahren hat das Institut Arbeit und Technik der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen eine Studie zu „Altersbildern in der Rockmusik“ veröffentlicht.

Untersucht haben Peter Enste und Michael Cirkel ganz unterschiedliche Songs – von den Beatles und den Sex Pistols, von BAP und Ton Steine Scherben, von Tracy Chapman und Billie Eilish. Letztere war gerade 20 Jahre alt, als sie „Getting Older“ veröffentlichte. „Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Älterwerden in Texten ist offenbar nicht an ein bestimmtes Lebensalter gebunden“, sagt Enste, Studienautor und Direktor des Forschungsschwerpunkts „Gesundheitswirtschaft & Lebensqualität“ des Hochschulinstituts.

Lieber tot als alt - oder doch nicht?

Andere Ergebnisse haben die Forscher weniger überrascht: zum Beispiel, dass das Alter in vielen Rock-Klassikern der 1960er Jahre eher negativ dargestellt wird. „Das war eine andere Zeit, und Musik wurde bewusst als Sprachrohr gesellschaftlicher Auseinandersetzung genutzt, auch zwischen den Generationen“, erklärt Enste. Heute habe sich dies deutlich relativiert, wenn etwa zwei, drei Generationen gemeinsam Konzerte besuchten.

Auch die Musikerinnen und Musiker selbst entwickeln sich weiter – oder erläutern frühe Songzeilen. Ein Vers der Band The Who wurde gewissermaßen zum geflügelten Wort: „I hope I die before I get old“, zu Deutsch: „Ich hoffe, ich sterbe, bevor ich alt werde.“ Urheber Roger Daltrey – heute 82 – sagte dem „Spiegel“, die Zeile habe sich schon immer mehr auf den Verstand als auf den Körper und die drohenden Gebrechen des Alters bezogen: „Es geht darum, offen zu bleiben, noch zu brennen für eine Sache.“

Was Musik über die Gesellschaft lehrt

Die Rockmusik sei in puncto Altersbilder auch ein Spiegel der gesamtgesellschaftlichen Realität, sagt Enste: „Es gibt Mick Jagger, der mit über 80 Jahren noch über die Bühne flitzt. Es gibt aber auch Gebrechlichkeit, wenn etwa Phil Collins bei seiner letzten Tour mit Gehstock auftritt.“

Was es brauche, seien generell realistische Altersbilder, mahnt der Experte. „Momentan sind unsere Vorstellungen immer noch häufig negativ geprägt. Alten Menschen aber zu sagen, schau dir doch Mick Jagger an, der ist auch noch fit – das würde für neue Stigmatisierung sorgen.“ Ob das Alter so verlaufen könne wie beim Stones-Sänger, sei zudem auch eine finanzielle Frage.

Das sieht Alternsforscher Sperling ähnlich: Die Öffentlichkeit nehme vor allem jene Hochbetagten wahr, die weiterhin Außergewöhnliches leisten. Weniger sichtbar seien die vielen anderen älteren Menschen, die ebenfalls aktiv, engagiert und kreativ bleiben.

KNA
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