5 Min.
10.09.2026
Schritt für Schritt in Richtung Genesung.
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

Ein offenes Ohr auf dem Weg der Genesung

An elf Standorten bietet das Erzbistum Paderborn Kur- und Rehaklinikseelsorge an. Die Aatalklinik in Bad Wünnenberg, die keinen kirchlichen Träger hat, ist einer davon.

Von Wolfgang Maas (Text) und Patrick Kleibold (Fotos)
Bas Wünnenberg

Die ältere Dame schiebt ihren Rollator energisch vor sich her. Hier kann doch etwas nicht stimmen! Barbara Ostwald nimmt sich der Frau an, die einen offiziell aussehenden Zettel nach oben hält. Ostwald, die sich ehrenamtlich in der Kurseelsorge in der Aatalklinik Wünnenberg engagiert, beruhigt die Patientin. „Da gab es eine Doppelbelegung“, stellt die Kurseelsorgerin schnell fest. In dem Raum, in dem eigentlich die Dame eine Anwendung bekommen sollte, ist schon jemand. Ärgerlich, aber kein Beinbruch. Mithilfe der Kurseelsorgerin ist das Problem schnell geklärt, die Patientin beruhigt und zufrieden.

Das sei typisch für die Kurseelsorge, sagt Annette Wagemeyer, Diözesanbeauftragte für die Kur- und Rehaklinikseelsorge beim Erzbistum Paderborn. Wer sich in diesem Bereich ehrenamtlich engagiert, ist immer ansprechbar – für die alltäglichen Probleme im Klinikalltag, ebenso wie für gesellschaftliche Pro­bleme, die sich hier widerspiegeln.

Nicht nur Ältere vereinsamen

„Das familiäre Gefüge greift schon länger nicht mehr. Jeder kreist um sich selbst“, weiß die Klinikleiterin Frauke Haaks. Dies werde von der Gesellschaft so akzeptiert. Eine gepackte Tasche mit sauberer Kleidung für den Notfall oder ein Kulturbeutel mit Zahnbürste oder Deo sei heute nicht mehr selbstverständlich. Die Gründe sieht Haaks auch darin, dass Familien nicht mehr im gleichen Ort leben und darin, dass – nicht nur ältere – Menschen immer mehr vereinsamen.

Peter Feige nickt nachdenklich. Der ehemalige Polizist hat die recht neue Ausbildung zum ehrenamtlichen, seelsorglichen Patientenbegleiter abgeschlossen und engagiert sich mit einem Kollegen ebenfalls in Bad Wünnenberg. Hier lernte er einen Mann kennen, dessen Frau gestorben war, als er in der Klinik Patient war. „Mit ihm habe ich sofort gesprochen.“ Annette Wagemeyer ergänzt: „Ein Mann hat nach einem Schlaganfall drei Tage lang unbemerkt in seiner Wohnung gelegen. Erst nach drei Tagen hat er es geschafft, an die Tür zu robben und durch Klopfen auf sich aufmerksam zu machen.“

Die Aatalklinik in Bad Wünnenberg.
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

Dass es in der nicht katholischen Aatalklinik überhaupt Kur- und Rehaklinikseelsorge gibt, lag an der Klinikleiterin Frauke Haaks und einem Anruf aus Paderborn. Eine Ordensschwester wollte nach Bad Wünnenberg kommen und als Seelsorgerin arbeiten. „Das fand ich ungewöhnlich. Dann haben wir uns Gedanken gemacht, wie das funktionieren könnte“, sagt Haaks. Die Klinikleitung ließ sich darauf ein. „Wenn es vom Typ her passt, dann kann das etwas werden“, war die Überzeugung. Und die Schwester sollte Ansprechpartnerin für alle Patientinnen und Patienten – nicht nur für die christlichen – sein. Als diese Schwester schließlich in den Ruhestand ging, folgte ihr eine weitere. Heute ist Annette Wagemeier als hauptamtliche Kraft zusammen mit rund 20 Ehrenamtlern für die Seelsorge zuständig. Das weiß auch Chefarzt Dr. med. Rüdiger Buschfort sehr zu schätzen. Es gebe einen regelmäßigen Austausch zwischen den Ärztinnen, Ärzten und dem Seelsorge-­Team – in beide Richtungen. „Wir sind nah am Patienten und informieren, wenn wir fühlen, dass jemand Hilfe braucht“, betont der Chefarzt.

Davon profitiert auch Annegret Schmidt. Auch sie kam nach einem Schlaganfall in die Reha. Ruhig und gefasst erzählt sie, was ihr Halt gab: die Wortgottesdienste, die jeden Sonntag hier stattfinden. „Es geht mir dann besser, das hätte ich nie gedacht.“ Die Sorgen, wie ihr Leben nach der Entlassung aussehen wird, treten in den Hintergrund. Stattdessen blicke sie jetzt darauf, was sie wieder könne „durch Gottes Hilfe und die Therapie“.

Kurseelsorger wie Barbara Ostwald ermöglichen es Patientinnen wie Annegret Schmidt, die derzeit auf einen Rollstuhl angewiesen ist, am Gottesdienst teilzunehmen. Einen typischen Ablauf für einen Ehrenamtler am Sonntagvormittag beschreibt sie so: „Ich komme kurz vor 9 Uhr und bekomme eine Liste, wer Inte­resse hat.“ Wer nicht mehr uneingeschränkt mobil ist, bekommt Hilfe für den Weg. „Ich bleibe auch die ganze Zeit dabei, falls etwas ist und ich eingreifen muss.“ Und wer das Bett nicht verlassen kann, bekommt die Kommunion im Zimmer. Das komme insgesamt gut an. „Die Leute sind sehr dankbar, wenn ich ihnen die Kommunion bringe“, betont Ursula Thebille, die ebenfalls zum Team gehört. Die Ehrenamtlerin wiederum freut sich, von den Lebenswegen ihrer Gesprächspartnerinnen und -partner zu erfahren.

So etwas wie ein Wunder

Und es gibt sie tatsächlich, die Wunder, die niemand mehr für möglich gehalten hat. Anke Heß, verantwortlich für die Therapiegesamtleitung der Klinik, steht im sogenannten Therapieflur. Hier reihen sich verschiedene Rollstühle aneinander, immer wieder kommen Patienten vorbei, mit Folien verdeckte Betten stehen an einer Wand. Über ihnen sind Schwarz-Weiß-­Bilder zu sehen. Ungewöhnliche Fälle, die auch anderen Mut machen, wollte das Personal unter der Überschrift #MyWay zeigen. Einer davon ist Arthur. Der große junge Mann steht etwas unsicher, auf dem Foto hält er einen Blumenstrauß in der Hand. Und das ist für ihn absolut nicht selbstverständlich und beileibe keine Kleinigkeit.

„Arthur hat sein Examen bestanden und mit Freunden gefeiert“, erzählt Anke Heß. Der Abend wurde länger und ausgelassener. Im Übermut stiegen die jungen Männer auf Mauern und ließen sich wieder herunterfallen. Diesen Übermut bezahlte Arthur teuer. Denn er fiel fast acht Meter in die Tiefe. Niemand hatte da­rauf geachtet, was sich hinter der Mauer befindet, den Abgrund hatte keiner aus der Gruppe gesehen. Als der junge Mann in die Aatalklinik kam, lag er bereits drei Monate lang im Wachkoma.

Sonntags wird ein Wortgottesdienst angeboten.
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

Das änderte sich so schnell nicht und schnell ist ohnehin der falsche Begriff. Doch als eine Therapeutin vorschlug, Arthur im Schwimmbad des Hauses zu behandeln, kam der Durchbruch. Denn der Patient reagierte selbstständig auf Berührungen. „Wir konnten ihn schließlich gehend entlassen“, so Anke Heß. Ein Wunder? Vielleicht, doch die Therapeutin bleibt realistisch. Ja, einen solchen Fall habe sie in fast 25 Jahren noch nicht erlebt. Zur Wahrheit gehört aber auch: Der Patient ist nicht komplett geheilt und wird sein Leben lang Einschränkungen haben.

Wieder völlig gesund sein – diese Erwartung haben viele Patientinnen und Patienten, das wissen auch die ehrenamtlich Engagierten. „Wann kann ich wieder nach Hause und meine Katzen versorgen?“ – „Wie schnell ist alles wieder wie vor dem Schlaganfall?“ Die Antwort falle auch Ärztinnen und Ärzten oft schwer. Die Seelsorgenden, die häufig keine medizinische Ausbildung haben und das auch gar nicht müssen, können dies nicht beantworten. Und antworten müssen sie auch nicht immer.

Zuhören, wenn jemand seinen Frust loswerden will, oder einfach nur da sein – das können sie zur Genesung beitragen. Dafür brauche man mitunter allerdings ein dickes Fell. Barbara Ostwald wurde zum Beispiel von einer älteren Patientin angefahren: „Hören Sie auf, mir dauernd gute Laune machen zu wollen.“ Eine ehrliche, aber nicht besonders sensible Reaktion. Doch angesichts der Belastungen und des Drucks, unter dem die Kranken stehen, sei das verständlich. Wichtig sei zudem, dass Patientinnen und Patienten ein Ziel vor Augen haben. Wieder für die Enkel da sein können oder die Hochzeit der eigenen Kinder zu erleben – wer motiviert ist, bei dem können Therapien besser anschlagen. Und für die ehrenamtlich Engagierten steht fest: „Wenn ich hierherkomme, ist das ein schönes Gefühl“, wie es Barbara Ostwald zusammenfasst.

Hintergrund

An insgesamt elf Standorten im gesamten Erzbistum – etwa in Bad Wildungen, Bad Oeynhausen, Bad Arolsen und Bad Sassendorf – bietet das Erzbistum Paderborn Kur- und Rehaklinikseelsorge an, obwohl keine einzige Klinik in katholischer Trägerschaft ist. Weitere Informationen und Kontaktmöglichkeiten für Menschen, die sich für dieses Ehrenamt interessieren, gibt es im Internet unter: https://www.erzbistum-paderborn.de/beratung-hilfe/kategorialseelsorge/

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