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21.07.2026
Foto / Quelle: Jutta Simone Thiel/KNA

Ein neues Leben für einen unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten

Er lernt Deutsch, holt Schulabschlüsse nach und träumt von einem Studium. Vieles ist Yasin Kazemi auf seinem Weg in Deutschland gelungen. Doch eine Frage bleibt offen: Darf er hierbleiben?

München

Yasin Kazemi hat ein klares Ziel: Der 23-Jährige besucht die Fachoberschule in München und möchte nach dem Abitur Wirtschaftsinformatik studieren. Inzwischen spricht der Afghane fast akzentfrei Deutsch, spielt Fußball und geht klettern – oft mit Deutschen. Doch über seiner Zukunft steht ein Fragezeichen: Ob er in Deutschland bleiben darf, weiß Yasin nicht. „Ich blende das aus“, sagt er. „Sonst kann ich mein Leben nicht leben.“

Yasin wächst in Afghanistan auf. Er gehört der schiitischen Minderheit der Hazara an, die häufig Opfer von Anschlägen und Verfolgung wird. Als ein Freund bei einem Attentat auf seine Schule ums Leben kommt, fürchtet der damals 16-Jährige, das nächste Opfer zu sein. „Ich wollte leben, lernen, studieren.“

Lange sparen für eine einzige Flucht

Solche Geschichten hört Jens Kraatz immer wieder. Als Abteilungsleiter des Trägers Condrobs betreut unbegleitete minderjährige Geflüchtete. Viele Familien könnten es sich schlicht nicht leisten, gemeinsam zu fliehen. Deshalb werde oft über Jahre gespart oder Geld geliehen, um zumindest einem Sohn die Flucht nach Europa zu ermöglichen – in der Hoffnung, dass er später die Familie unterstützen kann und in Sicherheit ist.

So war es auch bei Yasin. „Du kannst das schaffen“, sagten ihm seine Eltern, als sie ihn verabschiedeten. Mit 1.600 Euro machte sich der Jugendliche auf den Weg. Elf Monate dauerte seine Flucht bis nach Deutschland – „ich war einer der Schnellsten“, sagt er.

Die Route führte über den Iran und die Türkei bis nach Griechenland. Meist lief die Gruppe nachts einem Schlepper hinterher, tagsüber versteckte sie sich. Essen gab es kaum. „Ich hatte zwei Hände voll Nüsse für 14 Tage“, erinnert sich der junge Mann. Den Winter verbrachte er im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos – in einem selbstgekauften Zelt. Dort lebten zeitweise 22.000 Menschen auf engstem Raum. Es mangelte an Hygiene, viele Bewohner waren krank. Auch Yasin infizierte sich mit Krätze.

Wie Geflüchtete den neuen Alltag erlernen

Nach Monaten, in denen es vor allem ums Überleben ging, beginnt für unbegleitete Minderjährige in Deutschland der Weg in einen neuen Alltag. „Das Erste, was wir machen, ist, ihnen zu signalisieren: Da, wo du jetzt bist, bist du sicher“, sagt Kraatz. Die meisten seien schwer belastet oder verletzt. „Es braucht medizinische Versorgung und auf jeden Fall eine psychische Stabilisierung.“

Der steinige Weg zur Integration

Auf einen Platz im Deutschkurs musste Yasin zunächst warten. Die Zeit nutzte er, um sich mit YouTube-Videos selbst Deutsch beizubringen und sich mit Sport fitzuhalten. Viele andere hätten dafür keine Kraft gehabt: „Die waren alle fertig und haben aufgegeben“, erinnert sich Yasin. Die Flucht habe sie so erschöpft, dass für Schule oder Zukunftspläne kaum noch Energie geblieben sei.

Hinzu komme das Heimweh. Besonders fehle vielen die Familie. Yasin: „Ein Betreuer von der Jugendhilfe ist nicht deine Mama oder dein Papa.“

Kraatz beobachtet, dass mit der Volljährigkeit, spätestens aber mit Erreichen des 21. Lebensjahr, für viele Jugendliche eine neue Unsicherheit beginnt. Sobald der besondere Schutz der Jugendhilfe endet, wächst der Druck, möglichst schnell eigenes Geld zu verdienen. Oft gehe das zulasten von Schule und Ausbildung; viele nähmen einfache Jobs an, weil sie sich davon bessere Chancen auf ein dauerhaftes Bleiberecht versprächen. Hinzu kommt oft der Druck, endlich die Familie unterstützen zu müssen.

Hürden auf dem Wohnungsmarkt

Yasin entscheidet sich bewusst dagegen. Viele seiner Freunde arbeiten inzwischen in Restaurants oder auf dem Bau. „Erst Bildung“, sagt er. „Es ist gut, dass man arbeitet. Aber wichtig ist, was man arbeitet.“ Sein Ziel bleiben das Abitur und anschließend ein Studium der Wirtschaftsinformatik.

Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Yasin weiß, dass er Zeit verloren hat. „Du schaust dich um: Alle haben einen Beruf, manche schon Kinder – und du fängst noch einmal von vorne an.“ Nach dem Schulabschluss muss er eine eigene Wohnung suchen. Unterstützung durch seine Familie – tausende Kilometer entfernt in Afghanistan – kann er nicht erwarten.

Auf dem angespannten Wohnungsmarkt hätten junge Geflüchtete oft zusätzliche Hürden zu nehmen, etwa wegen ihres unklaren Aufenthaltsstatus oder ihres ausländischen Namens, berichtet Kraatz. Yasin lässt sich davon nicht entmutigen: „Ich gebe die Hoffnung nicht auf“, betont er.

KNA
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