Die WM und die Mär vom unpolitischen Sport
Zwischen Fußball und Politik gab es immer schon enge Verbindungen.
Am 11. Juni startet die Fußball-Weltmeisterschaft in den USA, Mexiko und Kanada. An dem bislang größten Turnier dieser Art nehmen Mannschaften aus 48 Ländern teil. Spätestens seit dem Krieg der USA und Israels gegen den Iran überschattet die große Politik das Mega-Event. Nicht zum ersten Mal in der WM-Geschichte, wie ein Überblick der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) zeigt. In der nachfolgenden Auflistung ebenfalls enthalten: ein Turnier, das es nie gegeben hat.
1930: In Uruguay findet die erste Fußball-Weltmeisterschaft statt – mit Mannschaften aus 13 Ländern. Sportlich in Erinnerung bleiben die Auftritte von Jose Leandro Andrade, einem der ersten Stars des Weltfußballs. Nationalistische Töne sind beim Finale der Gastgeber gegen Argentinien zu hören. Argentinische Fans skandieren „Victoria o muerte“ – „Sieg oder Tod“. Auf dem Platz gibt es Diskussionen über das geeignete Spielgerät. Die erste Halbzeit wird daraufhin mit einem Ball aus Argentinien, die zweite mit einem Ball aus Uruguay bestritten. Die Partie gewinnt Uruguay mit 4:2.
1934: Bei der zweiten WM in Italien beharken sich der Gastgeber und Spanien gleich zweimal, um den Sieger zu ermitteln; das Elfmeterschießen wurde erst 1982 eingeführt. Das Turnier gerät davon unabhängig zur Propagandashow für den faschistischen Diktator Benito Mussolini. Der Duce sitzt bei den Spielen in einer Ehrenloge, seine Schwarzhemden bevölkern die Tribünen.
Premiere für Sepp Herberger
1938: Bei der WM in Frankreich tritt erstmals ein gewisser Sepp Herberger prominent in Erscheinung. Das Teilnehmerfeld besteht eigentlich aus 16 Mannschaften. Aber nachdem Adolf Hitler deutsche Truppen in das Nachbarland hat einmarschieren lassen, bilden Deutschland und Österreich eine „großdeutsche Mannschaft“ – die jedoch frühzeitig ausscheidet.
1942: Wegen des Zweiten Weltkriegs fällt in diesem Jahr die WM aus. Nazi-Deutschland hatte sich bereits 1936 als Gastgeber beworben. Im selben Jahr fanden in Garmisch-Partenkirchen beziehungsweise in Berlin die Olympischen Winter- und Sommerspiele statt, die das Hitler-Regime als Propaganda-Erfolge für sich verbuchen konnte. Die Nationalmannschaft trägt im November 1942 ihr vorerst letztes Länderspiel aus. In Bratislava geht es gegen die Slowakei. Top-Torjäger August Klingler fällt zwei Jahre darauf an der Ostfront.
1954: In der Schweiz wird Deutschland – bei der WM 1950 noch ausgeschlossen – überraschend Weltmeister. Das „Wunder von Bern“ gegen die haushohen Favoriten aus Ungarn geht in die kollektive Erinnerung ein. Unmittelbar nach dem Schlusspfiff stimmen die deutschen Fans nur neun Jahre nach dem Ende des NS-Regimes die verfemte erste Strophe des Deutschlandliedes an, „Deutschland, Deutschland über alles“. Die Schweizer Radiosender brechen daraufhin die Übertragung ab. Ins braune Abseits dribbelt sich kurz darauf auch der damalige DFB-Präsident Peco Bauwens, der nach dem Finale in den von Sepp Herberger trainierten Kickern eine „Repräsentanz besten Deutschtums“ zu sehen glaubt und vom „Führerprinzip im guten Sinne des Wortes“ schwafelt.
1970: Die WM in Mexiko gehört nach Ansicht von Experten zu einem der besten Turniere der Geschichte. Herausragend vor allem das „Jahrhundertspiel“ im Halbfinale zwischen Italien und Deutschland mit Franz Beckenbauer, Uwe Seeler und Gerd Müller. Weltmeister wird Brasilien mit Weltstar Pelé. Dramatisch geht es in der Qualifikationsphase in Mittelamerika zu. Im Zusammenhang mit den Partien zwischen Honduras und dem späteren WM-Teilnehmer El Salvador entladen sich politische Spannungen, die schließlich in den „Fußballkrieg“ zwischen den beiden Nationen münden. Bei der Auseinandersetzung zwischen dem 14. und 18. Juli 1969 sterben schätzungsweise 3.000 Menschen.
1974: Bei der Fußball-Weltmeisterschaft siegt Gastgeber Deutschland im Finale gegen die Niederlande. Auf dem Rasen stehen sich die beiden Superstars Franz Beckenbauer und Johan Cruyff gegenüber. Hinter den Kulissen hat sich kurz zuvor der brasilianische Funktionär Joao Havelange an die Spitze der FIFA manövriert. Unter seiner Ägide wird das ganz große Geld in die Kassen des Weltfußballverbandes gespült. Beim Turnier selbst kommt es zum ersten und einzigen deutsch-deutschen Duell in der WM-Geschichte. Die DDR gewinnt 1:0 gegen die BRD. Aufseiten der DDR stets mit dabei: die Aufpasser der Staatssicherheit mit der „Aktion ‚Leder'“.
1978: Von der WM in Argentinien bleibt deutschen Fans die „Schmach von Córdoba“ in Erinnerung, bei der Titelverteidiger Deutschland Österreich mit 2:3 unterliegt. In Österreicher firmiert die Partie als „Wunder von Córdoba“. In Argentinien regiert damals eine Militärjunta. Deren Menschenrechtsverletzungen sorgen weltweit für Schlagzeilen. Das Team des DFB will mit alledem offenbar nichts zu tun haben. „Argentinien ist ein Land, in dem Ordnung herrscht. Ich habe keinen einzigen politischen Gefangenen gesehen“, wird Mannschaftskapitän Berti Vogts zitiert. Zu Gast im Trainingslager Ascochinga: Altnazi Hans-Ulrich Rudel, der in Südamerika alte und neue Seilschaften zu Militärs pflegt.
1982: Deutschlands Fußballer kommen bei der WM in Spanien zwar bis ins Finale, wo sie Italien unterliegen, sammeln allerdings wenig Sympathiepunkte. Ein müder Kick gegen Österreich sorgt für das Aus der in derselben Gruppe spielenden Algerier – während später eine rüde Attacke von Torwart Toni Schumacher gegen den Franzosen Patrick Battiston für Entsetzen sorgt. Politisch überschattet wird das Turnier vom Konflikt zwischen Argentinien und Großbritannien um die Falklandinseln. Britische Funktionäre und Politiker spielen mit dem Gedanken, die Mannschaften von England, Schottland und Nordirland aus dem Turnier zu nehmen.
1998: Bei der WM in Frankreich gewinnt der Gastgeber den Titel mit einem Zinedine Zidane auf dem Zenit seiner Karriere. Als deutsche Hooligans den französischen Polizisten Daniel Nivel beinahe zu Tode prügeln, erwägt ein erschütterter DFB-Präsident Egidius Braun die Abreise der Nationalmannschaft – entscheidet sich schließlich aber dagegen.
Der Iran und das „Sommermärchen“
2006: Beim „Sommermärchen“ in Deutschland begeistert der Gastgeber mit erfrischendem Fußball unter dem Trainergespann Jürgen Klinsmann und Jogi Löw. Zu den 32 teilnehmenden Mannschaften gehören der Iran und die USA. Letztere drohen dem Iran wegen seines Atomprogramms mit einem Angriff.
2010: Erstmals findet eine Fußball-Weltmeisterschaft in Afrika statt. Und es gibt gleich noch eine Premiere: Spanien gewinnt zum ersten Mal den Titel. Politisch wird es das vorerst letzte Mal sein, dass der Gastgeber – Südafrika – für hauptsächlich positive Schlagzeilen sorgt. Eigentlicher Star ist der greise Präsident und Kämpfer gegen die erzwungene Rassentrennung in seinem Land, Nelson Mandela.
2014: In Brasilien wird Deutschland zum vierten Mal Weltmeister. Das Halbfinale gegen den Gastgeber gewinnen die Deutschen mit 7:1 – und schaffen es trotzdem, als faire Gewinner vom Platz zu gehen. In Brasilien nehmen die Diskussionen, die sich bereits beim Vorgängerturnier in Südafrika andeuteten, an Fahrt auf: über sündhaft teure Stadien, die niemand braucht – und über ein rigoroses Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen die eigene Bevölkerung.
2018: Die WM in Russland wird zum Desaster für den Titelverteidiger. Deutschland scheidet bereits in der Vorrunde aus. Wegen der Annexion der Krim durch Russland 2014 werden Stimmen laut, das Turnier zu boykottieren. Menschenrechtler üben zudem massive Kritik am Gastgeber. Vor der WM lösen die beiden deutschen Nationalspieler Ilkay Gündogan und Mesut Özil einen Eklat aus, als sie für ein Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan posieren.
2022: Die WM im Wüstenstaat Katar findet wegen der extremen klimatischen Verhältnisse zum Jahresende 2022 statt. Den Titel erspielt sich schließlich Argentinien mit Superstar Lionel Messi. Vor allem die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen von Migranten beim Bau der Stadien sorgen für massive Kritik. Franz Beckenbauer kommentiert das mit den Worten: „Ich habe noch nicht einen einzigen Sklaven in Katar gesehen.“ Schiffbruch erleiden mehrere Verbände, als sie beim Turnier selbst ihre Spielführer mit einer „One-Love-Binde“ antreten lassen wollen, um ein Zeichen gegen Rassismus, Antisemitismus und die Ausgrenzung von Angehörigen sexueller Minderheiten zu setzen. Auf Druck der FIFA entfällt die Aktion.