KI macht nicht dumm – wenn man sie richtig einsetzt
Soziale Kompetenz wird an Bedeutung gewinnen.
Ob im Job, in der Bildung oder im Alltag: Künstliche Intelligenz wie Chatbots nimmt Menschen zunehmend Arbeit ab. Bestimmte Bereiche im Gehirn könnten dadurch verkümmern, andere Formen von Intelligenz dagegen an Bedeutung gewinnen, stellen Vertreter aus dem Bildungsbereich fest. „Man muss nicht im Detail programmieren können“, sagt Wolfgang König, Leiter Weiterbildungsverbund KI-Kompetenz am Bildungswerk der Wirtschaft im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). „Man muss vor allem bewerten können, wird also zu einem Mini-Manager.“
Künstliche Intelligenz scheint dabei als eine Art Alleskönner, besonders dann, wenn man die gängige Definition von Intelligenz zugrunde legt: die „Fähigkeit, Informationen aufzunehmen, sinnvoll zu verarbeiten und auf dieser Basis rational und kreativ zu handeln“, so heißt es im Digitalen Wörterbuch der Deutschen Sprache. KI löst mathematische Aufgaben. Gibt Tipps für das Bewerbungsgespräch. Schreibt wissenschaftliche Aufsätze. Sei es über die Politik Konrad Adenauers oder die Fauna des Aralsees. Bei Bedarf auf Usbekisch.
Orientierungskompetenz gefragt
Nach Ansicht Königs kommt es bei menschlicher Intelligenz deshalb immer weniger auf Detailwissen an, sondern eher auf die „Kompetenz, mich in der Welt zu orientieren, wie ein spezialisierter Generalist“. Bildung und Intelligenz verschieben sich demnach in ihrer Bedeutung: „Wenn ich eine komplexe Aufgabenstellung bearbeite, muss ich mir eine Strategie überlegen und muss gegenchecken“, sagt König. „Verschiedene Kompetenzbereiche kann ich also nicht an KI auslagern. Es ist eher ein Wechselspiel.“
Wie viel Kompetenz zur kritischen Überprüfung ist dem Menschen aber zuzutrauen? Einige Forscher sehen die Entwicklung skeptisch: KI kann das Gehirn demnach zwar entlasten, etwa beim Gedächtnis, bei Sprache und strukturiertem Denken. Trainiert der Mensch bestimmte Funktionen aber nicht mehr, bauen sie ab.
Das wirkt sich laut Wissenschaft auch auf andere kognitive Prozesse aus, etwa auf das kreative Denken. „Ein Mensch benötigt Wissen, um ein Problem zu definieren, zu strukturieren, um praktikable Lösungen zu entwickeln und die Ergebnisse einschätzen zu können“, sagt Hirnforscher Martin Korte. „Auch Einstein war erst dann am kreativsten und konnte erst dann seine berühmte Formel E = mc² entwickeln, als er Physik studiert hatte. Wir können nur da kreativ sein, wo wir viel wissen.“
Persönliches, menschliches Wissen prägt laut Forschern die Perspektive – im Gegensatz zu KI-generierten Inhalten. „Wir haben keine Festplatte, um Denkprozesse auslagern zu können“, sagt Korte. „Wenn wir lernen, dann verarbeiten wir. Wenn wir uns zum Beispiel mit Musik oder Religion befassen, dann fassen wir unsere Welt anders auf als zum Beispiel ein Personalmitarbeiter.“
Schon jetzt fällt es vielen Menschen schwer, die Qualität und Richtigkeit von KI-Aussagen zu beurteilen. „Wir können teilweise zwar klügere Produkte mit KI machen“, Martin Korte. „KI macht uns Menschen aber nicht klüger. Vor allem dann nicht, wenn wir KI in der Bildung einsetzen.“ Im Lernprozess fehlt es dann an wichtigen Voraussetzungen: „Wir lernen dann nicht mehr, ahmen nicht mehr nach“, sagt Korte. „Wir verlieren an Skills. Dann macht uns KI definitiv dümmer.“
Dabei ist die Vereinfachung von Denkprozessen durch Technik kein neues Phänomen: „Komplizierte Rechenaufgaben lösen wir schon lange nicht mehr im Kopf. Das ist auch in Ordnung“, sagt Martin Korte. „In der Schule lernen wir Rechnen trotzdem in den ersten Jahren ohne Hilfsmittel. Um zu verstehen, wie Zahlen funktionieren.“
"Andersherum denken" - und Sport treiben
König plädiert deshalb dafür, auch KI gezielt in den Unterricht einzubinden – ähnlich wie den Taschenrechner. Zwar lasse sich nicht verhindern, dass Schüler Aufgaben vollständig von KI erledigen lassen. „Menschen haben unterschiedliche Ausprägungen, wie sie konsumieren“, sagt König. „Diejenigen, die keine Lust auf Arbeit haben, werden KI eher dafür verwenden, sie weg zu delegieren. Die anderen nicht.“
Doch wie kann der Mensch die Fähigkeiten trainieren, die ihm KI abnimmt? „Mit Themen aktiv befassen und sie kritisch hinterfragen“, sagt Korte. „Antifaktisch denken, auch einmal andersherum denken. Auch mehr Sport kann helfen. Mit anderen Menschen reden und sich über Fragestellungen austauschen.“ Der Mensch müsse lernen, kritisch zu verstehen und Standpunkte zu entwickeln. „Menschen können als Experten bewerten, Denkprozesse managen“, sagt Korte. „Ich propagiere deshalb eine Co-Intelligenz zwischen Menschen und Maschinen.“
Auch soziale Kompetenz wird im Bildungsbereich nach Einschätzung Königs an Bedeutung gewinnen. „Die Schüler lernen nicht vom Lehrer mit dem meisten Fachwissen“, sagt König. „Sondern von dem, der es schafft, die Meute zu bändigen und positiv zu stimulieren: Wie vermittle ich, wie motiviere ich sie? Das kann KI auch langfristig nicht ersetzen, Fachwissen schon.“