Jetzt erst mal tun, was geht – Michael Bredeck im Gespräch

Vor drei Jahren initiierten die Bischöfe den Synodalen Weg, der nun in die Schlusskurve einbiegt. Der Ad-Limina-­Besuch hat bestätigt, was die einen befürchten und die anderen hoffen: In Rom liegen Stopp-­Schilder griffbereit. Ein Gespräch mit dem Diözesanadministrator, Monsignore Dr. Michael Bredeck.

Monsignore Michael Bredeck. (Fotos: Patrick Kleibold)
Michael Bredeck
veröffentlicht am 07.12.2022
Lesezeit: ungefähr 8 Minuten

Vor drei Jahren initiierten die Bischöfe den Synodalen Weg, der nun in die Schlusskurve einbiegt. Der Ad-Limina-­Besuch hat bestätigt, was die einen befürchten und die anderen hoffen: In Rom liegen Stopp-­Schilder griffbereit. Ein Gespräch mit dem Diözesanadministrator, Monsignore Dr. Michael Bredeck.

Msgr. Dr. Bredeck, nach dem Ad-limina-­Besuch haben Sie und die Weihbischöfe erklärt, dass Sie dankbar auf die Tage in Rom schauen. Inzwischen sind die Stellungnahmen der Kurienkardinäle Ladaria und Ouellet veröffentlicht. Daher die Nachfrage: Wofür genau sind Sie dankbar?

Michael Bredeck: „Mit dem Wort „dankbar“ wollten wir nicht über die spürbar gewesenen Spannungen hinweggehen. Aber wir sind dankbar für die Gemeinschaft vor Ort, für das Miteinander der Bischöfe – bei aller Unterschiedlichkeit, auch für die Offenheit der Gespräche in der Aula mit den römischen Dikasterien. Dabei sind alle Themen der Kirche in Deutschland zur Sprache gekommen und das sehr ehrlich. Ich persönlich bin auch dankbar dafür, die Mitarbeitenden der Kurie persönlich zu erleben, das ist in jedem Fall hilfreich. Dankbar bin ich auch für die Audienz mit dem Papst. Und ich bin dankbar für die Klarheit, die es jetzt gibt bezüglich der Einschätzung des Synodalen Weges durch Rom.“

Wie kann diese Klarheit dem Syno­dalen Weg helfen?

Michael Bredeck: „Wir wissen jetzt sehr genau, was Kardinal Ladaria und Kardinal ­Ouellet darüber denken. Das ist ein Fortschritt und damit muss jetzt umgegangen werden. Dass es mit diesem Wissen nicht leichter wird, ist mir klar. Es gibt ja schon entsprechende Stellungnahmen, u. a. bei Ihnen in der vergangenen Dom-­Ausgabe von Frau Professorin Agnes Wuckelt für den kfd-­Bundesverband.“

In Deutschland gibt es die, die sagen, das Unternehmen Syno­daler Weg könne nun eigentlich beendet werden, die anderen sagen: Jetzt erst recht!

Michael Bredeck: „Das Unternehmen wird aber nicht beendet, das ist ja auch ein Ergebnis des Ad-limina-­Besuches. Es findet die fünfte Synodalversammlung im kommenden Frühjahr statt und damit wird der Syno­dale Weg wie geplant abgeschlossen. Kardinal ­Ouellet hatte ein Moratorium vorgeschlagen, d. h. den Syno­dalen Weg erst einmal auszusetzen, aber da haben die Bischöfe sehr deutlich gesagt: Das geht nicht. Es ginge auch formal gar nicht, denn der Syno­dale Weg wird vom Zentralkomitee der Deutschen Katholiken mitgetragen und ohne das ZdK kann es keine Entscheidung dazu geben. Darauf hat Bischof Bätzing hingewiesen. Also: Beendet wird der Synodale Weg nicht, er muss jetzt in den weltweiten syno­dalen Prozess eingebracht werden. Der Syno­dale Weg ist begonnen worden, bevor es den weltweiten syno­dalen Prozess gab. Als der Papst den gestartet hat, war meines Erachtens immer klar, dass der Syno­dale Weg der Beitrag der Kirche in Deutschland dazu sein wird. Nach der fünften Synodalversammlung werden die Bischöfe und das ZdK klären müssen, was in den weltweiten Prozess gehört und was in Deutschland umgesetzt werden kann.“

Aus deutscher Sicht scheint es so zu sein, dass man in Rom nicht verstanden hat, was der Synodale Weg eigentlich will. Können Sie diesen Eindruck bestätigen?

Michael Bredeck: „Sagen wir es so: Der theologische Diskurs, der in Frankfurt beim Syno­dalen Weg geführt wird, ist derzeit nicht der Diskurs auf weltkirchlicher Ebene. Kardinal Ladaria hat allerdings – wie ich finde – auch positive Worte zum Unternehmen selbst gefunden. Es ist nicht so, dass Rom sich damit nicht beschäftigen will. Es geht eher um die Frage: Wie weit kann so ein regionaler Weg gehen? Die Grundfrage scheint mir zu sein: Ist man sich über den Ausgangspunkt des Syno­dalen Weges wirklich einig? Die Lesart der Mehrheit der Bischöfe und des ZdK sagen: Ausgangspunkt ist die MHG-­Studie, die von systemischen Faktoren für den Missbrauch in der Kirche spricht. Eine Minderheit der Bischöfe stellt diese Kausalität infrage. Rom scheint das bislang ähnlich zu sehen. Über diese Ausgangsthese besteht also derzeit Dissens: Gibt es einen nachweisbaren Zusammenhang zwischen dem Missbrauch und seiner Vertuschung und den vier Themen des Syno­dalen Weges?“

Aber drei der vier Themen kommen doch aus der MHG-­Studie.

Michael Bredeck: „In der MHG-­Studie ist von begünstigenden Faktoren die Rede. Aber sind das da auch zugleich „systemische“ Faktoren und was versteht man genau darunter? Ich glaube, man muss sich mit Rom und anderen lokalen Kirchen sehr genau darüber verständigen, warum man diese vier Themen besprechen will und welche Bedeutung sie für die Zukunft der Kirche haben. Denn die Themen sind alle auch in dem Vorbereitungsdokument für die kontinentale Etappe der Weltsynode markiert. Darauf haben die Bischöfe hingewiesen. Sie kommen alle darin vor, dort aber nicht im Kontext des Missbrauchs und im Kontext der theologischen Reflexion, die der Synodale Weg dazu schon vorgelegt hat. Deswegen ist dieser weltweite Prozess jetzt der Weg. Ich ahne allerdings, dass das manchem in Deutschland nicht genügen wird oder nicht mehr schnell genug geht.“

Haben wir denn die Zeit noch?

Michael Bredeck: „Ich weiß es nicht, aber ich sehe, ehrlich gesagt, keine Alternative. Wenn wir den Weg weitergehen wollen, dann müssen wir uns die notwendige Zeit für Verständigung auch mit anderen Ortskirchen nehmen. Übri­gens nicht nur für die Verständigung mit Rom, auch wir in Deutschland brauchen ja die Zeit: Nach dem Syno­dalen Weg soll es für drei Jahre einen Syno­dalen Ausschuss geben, der dann den Syno­dalen Rat für die Kirche in Deutschland vorbereiten soll, so ist es bereits beschlossen worden.“

Es klingt alles irgendwie aus­weg­los.

Michael Bredeck: „Ausweglos ist es nicht, aber eben sehr herausfordernd. Da stehen grundsätzlichste Fragen zur Debatte. Wenn man die Texte des Syno­dalen Weges und die Stellungnahmen der Kardinäle miteinander vergleicht, ist es für mich derzeit offen, wie das zusammenkommen kann. Es wird nur über den Weg des Gespräches und der Auseinandersetzung gehen.“

Wie geht es Ihnen damit? Sie sind ja kein Landpfarrer, der sich irgendwo im Sauerland verstecken könnte.

Michael Bredeck: „Mir geht es nicht schlecht damit, aber es tut mir leid, dass vermutlich wieder viele Menschen mit der Kirche hadern oder diese verlassen werden, wenn dieses oder jenes nicht (schnell) passiert. Ehrlich gesagt: Ich habe im Moment keine befriedigende Antwort. Irgendwann wird es vermutlich ein Konzil geben. Im Moment können wir nur das tun, was geht: Ich werde mich mit den Weihbischöfen auf die Synodal­versammlung vorbereiten, wir werden in Frankfurt teilnehmen und dann gucken wir, was wir im Erzbistum auf den Weg bringen können. Das können wir hoffentlich zusammen mit anderen Bistümern tun. Bei der Frühjahrsvollversammlung der Bischöfe, die vor der Vollversammlung des Syno­dalen Weges stattfindet, werden wir uns ausführlich über die Textvorlagen unterhalten. Mehr kann man im Moment nicht machen. Einfach bruchlos planen kann man den Prozess jedenfalls nicht.“

Monsignore Michael Bredeck. (Fotos: Patrick Kleibold)
Michael Bredeck

In den Diskussionen ist immer von einer syno­dalen Kirche die Rede und dass alle lernen müssen, noch syno­daler zu werden. Was ist eigentlich eine syno­dale Kirche?

Michael Bredeck: „Ich würde sagen: Das ist eine Kirche, in der möglichst viel gemeinsam besprochen, beraten und entschieden wird, eine Kirche, in der versucht wird, gemeinsam auf Gott zu hören, etwa in Stille oder im Bibelteilen. Das wäre eine syno­dale Kirche und nicht eine, in der einige wenige sagen, wo es langgeht. Eine Kirche, in der im Rahmen des Möglichen realistisch wirklich gemeinsam beraten und im Gebet auch vor Gott reflektiert und dann entschieden wird.“

Stehen sich also Syno­dalität und Hierarchie gegenseitig im Weg?

Michael Bredeck: „Nein! Sie müssen sich ergänzen. So ist es in der katholischen Kirche immer gewesen. Das hie­rarchische Prinzip heißt nicht, dass der Amtsträger alleine und exklusiv zu sagen hat. Und zugleich lässt sich die katholische Kirche nicht ohne Hierarchie denken, also ohne das Amt. Die Frage ist: Wie vermittelt sich das praktisch?“

Das liegt in der Verantwortung des Einzelnen.

Michael Bredeck: „Es wäre gut, wenn es verbindliche Ausführungsbestimmungen dazu gäbe, wie ein Hierarch sein Amt ausübt. Hierarchie ist nicht dazu da, Dominanz auszuüben. Theologisch jedenfalls soll sie an unseren kirchlichen Ursprung in der Verkündigung und im Handeln Jesu erinnern und ihn sozusagen sakramental absichern. Mehr nicht, und weniger auch nicht.“

Gibt es für das Erzbistum schon konkrete Ideen, wie es nach dem Abschluss des Syno­dalen Weges weitergehen wird?

Michael Bredeck: „Wir hatten uns vor dem Eintritt der Sedisvakanz vorgenommen, die Vorlagen des Syno­dalen ­Weges im Diözesanpastoralrat zu besprechen und daraus abzuleiten, was für unser Bistum getan werden kann. Weil wir gerade keine Gremien haben, kann das nur dort nicht besprochen werden. Aber ich möchte es gut vorbereiten, damit es für den neuen Bischof vorbereitet ist.“

Apropos neuer Bischof: Wie weit ist das Verfahren?

Michael Bredeck: „Vermutlich so weit, wie es im Moment sein kann. Der Nuntius sammelt Vorschläge ein. Er muss ja die Bischöfe aus dem Geltungsbereich des Preußenkonkordats darum bitten. Dann wird er eine Liste mit Namen erstellen. Solche Verfahren dauern erfahrungsgemäß zwischen sechs und zwölf Monaten ab Eintritt der Sedisvakanz. Das heißt: Frühestens um Ostern, aber hoffentlich vor Libori wissen wir, wer neuer Bischof wird.“

Hat das Domkapitel inzwischen seine Liste abgegeben?

Michael Bredeck: „Wir hatten Fristen einzuhalten und haben unsere Hausaufgaben gemacht.“

Und wie war das mit der Einbeziehung der Gläubigen, die das Domkapitel zugesagt hatte?

Michael Bredeck: „Wir haben uns zweimal mit 14 Personen aus dem Erzbistum getroffen, im Wahlgremium Domkapitel sind ja auch 14 ­Personen. So sieht es der Beschluss des Syno­dalen Weges vor. In der ersten Sitzung haben wir über das Profil eines möglichen Bischofs gesprochen: Was muss er mitbringen? In welche Situation wird er kommen? Beim zweiten Treffen haben wir auch über Ideen für Namen gesprochen.“

War die Bischofsbestellung Thema in Rom?

Michael Bredeck: „Allgemein ist das Thema angesprochen worden, aber nicht konkret auf Paderborn hin.“

Mit Monsignore Michael Bredeck sprachen
Claudia Auffenberg und Andreas Wiedenhaus

Weitere Berichte aus dem Erzbistum Paderborn unter www.derdom.de

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